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Türkei und Istanbul-Konvention : Sie sehen Frauen als zerstörbare Objekte an

Proteste in Istanbul: „Wir sind die Gerechtigkeit. Man wird uns nicht zum Schweigen bringen.“ Bild: Getty

Die Türkei hat die Istanbul-Konvention gegen Gewalt an Frauen verlassen. Die Schriftstellerin Asli Erdogan sagt, was das bedeutet. Ein Gespräch über Gewalt und Machismo in der türkischen Gesellschaft.

          6 Min.

          Die Türkei hat 2012 als erstes Land die Istanbul-Konvention zum Schutz vor Gewalt ratifiziert. Der Völkerrechtliche Vertrag wurde geschaffen, um rechtsverbindliche Standards zum „Schutz von Frauen vor allen Formen von Gewalt“ zu bieten, einschließlich sexueller Belästigung, Stalking und Zwangsheirat. Mittlerweile haben 34 Staaten ihn ratifiziert. Ausgerechnet jetzt, da häusliche Gewalt zugenommen hat, hat die Türkei ihren Austritt angekündigt. Was für ein Signal ist das für eine Frau in der Türkei, die von ihrem Partner bedroht wird?

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          Vielleicht liest sie Zeitung, wo täglich über mindestens einen Femizid berichtet wird. Wahrscheinlich ist sie nicht in der Lage, sich selbst zu versorgen und einfach zu gehen. Womöglich weiß sie nicht genau, was die Istanbul-Konvention ist, hat aber gehört, sie hat etwas mit dem Schutz von Frauen zu tun, und das fällt jetzt auch noch weg. Sie wird sich alleingelassen fühlen. Ich bin mir sicher, viele Männer verstehen den Austritt als Sieg. Er rechtfertigt ihre Gewalt. Vor einigen Tagen gab es in den türkischen sozialen Medien eine Kampagne: 12. April – Vergewaltigungstag.

          Vergewaltigungstag?

          Ja, eine Gruppe 17-Jähriger schrieb, man solle losziehen und Frauen vergewaltigen. Gegenüber der Polizei sagten sie, sie hätten das gemacht, um berühmt zu werden.

          Das sagt viel aus über die Türkei.

          Viele Männer sehen Frauen nicht als menschliche Wesen an, sondern als zerstörbare Objekte. Wie sollte man sich darüber wundern? Das Erdogan-Regime wendet überproportional viel Gewalt an, um die Gesellschaft zu kontrollieren. Diese lernt daraus, Gewalt ist das einzige Mittel, um Kontrolle auszuüben, und derjenige, der die Macht hat, hat das Recht, zu dominieren. Die Folge ist mehr Gewalt gegen Frauen, Kinder, Tiere. Auch Letzteres ist zu beobachten.

          Am 1. Juli tritt der Austritt in Kraft. Wird dagegen protestiert?

          Es gibt fast täglich Proteste. Die Regierung – eigentlich besteht sie ja nur aus einem Mann – scheint aber auf dem Austritt zu beharren. Es heißt, es solle eine neue Konvention, eine Ankara-Konvention, geschaffen werden, die eher den türkischen Wertvorstellungen entspreche. Aber die Frauen haben sehr genau verstanden, im Kern wird sich nichts ändern: Mit dem Austritt soll der Frauenbewegung die Luft abgedrückt werden. Kurz nach dessen Bekanntgabe wurden zahlreiche kurdische Feministinnen verhaftet, und der türkische Innenminister behauptete, die PKK sei eine Frauenbewegung. Das impliziert, eine Frau, die für ihre Rechte kämpft, ist unter Umständen eine Terroristin.

          Was hat Erdogan gegen Frauen?

          Er und seine Anhänger haben eine bestimmte Idee, wie eine Frau sein sollte. Da viele aber anders sind, will er sie in die Enge treiben, bis sie einknicken. Eine Frau soll Mutter sein oder Ehefrau. Sie soll eine gewisse Bildung haben und arbeiten gehen dürfen – in der Türkei gibt es schließlich eine Wirtschaftskrise. Wichtig ist, dass sie in eine Familie eingebunden ist, nur so soll sie existieren. Die Istanbul-Konvention bedroht dieses Konzept, indem sie vom Staat verlangt, jede Frau vor Gewalt zu beschützen – ganz gleich ob sie verheiratet ist oder nicht. Ich denke, das geht Erdogan gewaltig auf die Nerven. Für ihn ist es bestimmt eine Frage der Ehre, den Austritt durchzuziehen.

          In der Erklärung heißt es, die Konvention normalisiere Homosexualität und untergrabe traditionelle türkische Familienwerte.

          Das ist eine seiner Lieblingsformulierungen. Ich frage mich, was das für Werte sein sollen. Familie in der Türkei bedeutet: Der Mann hat das Sagen. Sie ist eine der Hauptquellen von Unterdrückung und Gewalt. Dieses Konzept möchte die Regierung bewahren – eine Regierung, die von sich behauptet, demokratisch zu sein.

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