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Junge Autoren dieses Herbstes : Wenn junge Männer aus der Watte kriechen

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Ein literarisches Thema hat jedes Jahr neu Konjunktur: das Erwachsenwerden. Auch in diesem Herbst versuchen sich vier Autoren daran - ihre Adoleszenzpfade umspannen die ganze Welt.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wenn das Ich so um die einundzwanzig Jahre alt sei, sagt der Vater, müsse es kantig werden. Es müsse sich - der Vater, der das sagt, ist jetzt richtig in Fahrt - der Gefahr aussetzen, es müssten die fremden Ansichten von ihm abfallen, es müsse das formlose Wattedasein hinter sich lassen und bis zum achtundzwanzigsten Lebensjahr auf Reisen gehen. Der Vater hat nur Gutes im Sinn, auch wenn er es genau so meint, wie er es sagt. Er sieht seinen Sohn Till, der als Einziger des Jahrgangs nicht zum Abitur zugelassen wurde.

          Daneben sieht er dessen Freund Jan, der dieses Abitur gerade hinter sich gebracht hat und nun plant, an allen möglichen Enden der Welt auf Plantagen zu arbeiten: „Work and Travel und so“. Das ist ganz in des Vaters Sinn. Doch selbst wenn der eigene Sohn diese Vorstellungen nicht wörtlich umsetzen wird - das kann er nicht, sonst wäre er schließlich nicht sein Sohn -, so hat doch Till genau verstanden, worum es geht.

          Coming-of-Age

          Es geht um die uralte Suche nach einer Identität, um das Formen einer Persönlichkeit und die Suche nach einem Platz in der Welt. Ums Erwachsenwerden, mithin um Dinge, die jedes Leben eine Zeitlang prägen und die deswegen immer wieder ihren Weg in die Literatur gefunden haben. Man muss dabei gar nicht ständig den großen Klassiker dieses Genres zitieren, den durch New York irrenden Holden Caulfield im „Fänger im Roggen“. In so gut wie jeder Büchersaison erscheinen solche Coming-of-Age-Romane. Auch ein Blick auf die diesjährigen Herbstprogramme der Verlage zeigt vier oder sagen wir: dreieinhalb Debütromane, die sich genau diesen Fragen widmen - auf mal mehr, mal weniger gelungene Weise.

          Einer, der eine radikale und deswegen bemerkenswerte Form gefunden hat, mit dem von Klischees und stets auch von Sentimentalität bedrohten Thema umzugehen, ist Kevin Kuhn. 1981 in Göttingen geboren, hat er den Hildesheimer Studiengang für Kreatives Schreiben belegt, seit zwei Jahren arbeitet er am dortigen Institut. Sein Roman „Hikikomori“ greift das gewählte Sujet schon im Titel auf. Mit hikikomori bezeichnet man in Japan meist junge Männer, die sich, sei es aus Überforderung oder Bequemlichkeit, so lange von der Außenwelt isolieren, bis sie das Haus gar nicht mehr verlassen.

          So macht es auch Till: Seine Freunde reisen in die Welt, er entrümpelt sein Zimmer in der elterlichen Wohnung und schließt sich ein. Am 85. Tag, den er dort allein verbringt, schreibt er seiner Freundin Kim eine Mail, in der er erklärt, er nehme es ihnen nicht übel, dass sie und Jan die Welt auf ihre Weise erkundeten. „Ich mache es ja auch auf meine weise. ich werde beweisen, dass im kleinen detail die ganze welt stecken kann und dass man bei der betrachtung des kleinsten in ungeahnte höhen gerät.“

          Doppeldasein in Realität und „Welt 0“

          Nun hat Till nicht nur das Glück, ausgesprochen verständnisvolle Eltern zu haben, die seinen Emanzipationsversuch als das erkennen, was er ist, und ihn unterstützen - seine Mutter etwa lässt sich sogar darauf ein, mittels unter der Tür durchgeschobener Zettel seine Speisewünsche entgegenzunehmen. Till findet auch Gleichgesinnte. Im Internet entdeckt er eine Software, mit der er eine eigene Welt aufbauen kann, er nennt sie „Welt 0“. Hierhin folgen ihm immer mehr Anhänger, als Gründer dieser Welt ist er ihnen eine Art König, ein Pygmalion auch, der schließlich beginnt, seine Lieblingsmitspielerin nach dem Bilde seiner realen Freundin Kim zu formen.

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