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Solschenizyns 100. Geburtstag : Zur Hölle mit dem ganzen gebildeten Pack

Alexander Solschenizyn im Jahr 1974 bei einem Spaziergang mit Heinrich Böll Bild: dpa

Was gilt dieser Prophet im eigenen Land? Russland begeht den hundertsten Geburtstag des Literatur-Nobelpreisträgers Alexander Solschenizyn.

          Zum Hundertsten des russischen Großschriftstellers Alexander Solschenizyn an diesem Dienstag laufen die Feierlichkeiten in seiner Heimat längst auf Hochtouren. Im Moskauer Bolschoi-Theater hatte die GULag-Oper „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ Premiere, die, vor neun Jahren von dem Komponisten Alexander Tschaikowsky geschrieben, jetzt vom Sohn des Jubilars Ignat Solschenizyn dirigiert wurde. Im zentralrussischen Rjasan, wo der rehabilitierte Solschenizyn Mathematik lehrte, wird ein Museum eröffnet. Die Moskauer Wohnung, wo der Autor vor seiner Ausweisung 1974 inhaftiert wurde, ist als Gedenkort institutionalisiert, in seinem Geburtsort Kislowodsk steht ein neues Monument.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch die Figur des Moralisten und Wahrheitssuchers zieht auch Hass auf sich. Gegen das Denkmal, das an der Moskauer Taganka installiert wird, protestierten Bürger, die Solschenizyn Verrat an seiner sowjetischen Heimat vorwerfen und verlangen, seinen „Archipel GULag“ aus dem Schulunterricht zu verbannen. Am Solschenizyn-Standbild in Wladiwostok, wo der aus Amerika heimkehrende Prophet 1994 erstmals russischen Boden betrat, hingen „Judas“-Aufkleber. Auf der Seite „antisolzhenitsyn“ in den russischen sozialen Netzwerken wird er abwechselnd als Freund der sowjetischen Nomenklatura, der amerikanischen Geheimdienste oder der mit Hitler kollaborierenden Wlassow-Armee geschmäht.

          Es ist bemerkenswert, dass die Anfeindungen von rechten und linken Aktivisten kommen, während die Machtspitze dem unbequemen Patrioten huldigt. Freilich hat der vor zehn Jahren verstorbene Solschenizyn mit Präsident Putin politisch sympathisiert und aus seinen Händen sogar einen Staatspreis entgegengenommen, nachdem er Ehrungen, die ihm dessen Vorgänger Michail Gorbatschow und Boris Jelzin angetragen hatten, zurückwies. Er begrüßte, was er als Russlands Wiederaufbau durch Putin ansah, hielt dem Westen vor, die Schwäche des Landes ausgenutzt zu haben, und tat die Demokratie unter Jelzin als Anarchie und Ausverkauf ab. Der Schriftsteller verzieh dem Präsidenten sogar seine Herkunft aus dem KGB, der ihn brutal verfolgt hatte – mit dem Argument, Putin habe für den Auslandsnachrichtendienst gearbeitet und nicht etwa Dissidenten verhört.

          Liebling für kurze Zeit

          Dabei ist Solschenizyn sich im Grunde stets treu geblieben und hat teuer dafür bezahlt. Als Sohn eines zaristischen Offiziers, der aber vor seiner Geburt umkam, wuchs er bei der alleinerziehenden Mutter im südrussischen Rostow auf. Schon während seines Studiums an der mathematisch-physikalischen Fakultät begann er, an seinem Buch „August Vierzehn“ zu schreiben, das Russlands Weg in die Revolution nachzeichnet und das viel später Teil seines unvollendeten Hauptwerks „Das Rote Rad“ werden sollte. Während des Zweiten Weltkriegs kämpfte er als Artillerist drei Jahre an der Front, bis er Anfang 1945 verhaftet wurde, weil er sich in Feldbriefen abfällig über den Oberbefehlshaber Stalin geäußert hatte. Acht Jahre verbrachte er in diversen Straflagern. Seine erste Frau ließ sich von ihm scheiden, um ihre Arbeit nicht zu verlieren.

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