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Eröffnungsfilm der Berlinale : Gemeinsam mit und über Hollywood lachen

Ein Schauspieler spielt einen Schauspieler, spielt einen römischen Offizier. George Clooney als Baird Whitlock in „Hail, Caesar!“ Bild: dpa

Die Konfession ist römisch-komisch: „Hail, Caesar!“ von den Coen-Brüdern eröffnet die Berlinale mit einem lustigen und technisch perfekten Passionsspiel.

          Wenn’s irgendwann irgendwo „versöhnlich“ wird, dann ist der Vorgang, um den es geht, meistens bereits am Ende. Die 66. Filmfestspiele von Berlin aber fangen versöhnlich an – mit einem Film nämlich, der zwar nicht allen alles sein will, aber vielen vieles sein wird: Hollywoodfans, Musicalmarxisten, vergleichende Religionswissenschaftlerinnen und Krimikenner werden in „Hail, Caesar!“ jeweils mehr als nur ein paar Brosamen finden; der Tisch ist reich gedeckt mit Feinkost aus der späten Studiokino-Zeit der fünfziger Jahre, und die Liebe zum sprechenden Ausstattungsdetail schlägt Purzelbäume auf Nadelspitzen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Joel und Ethan Coen, die „Hail Caesar!“ geschrieben und gedreht haben, werfen die Talente ihres großen Ensembles in ihren Spielzeugladen wie ein Einsatzhubschrauber seine Elitetruppe ins feindliche Hinterland: Tilda Swinton als doppelte journalistische Zwillingsheimsuchung beißt Sätze beim Ausspucken ab, als wären ihre Zähne Bleistiftspitzerklingen; Scarlett Johansson nixt als Meerjungfrauenkreuzung aus Esther Williams und Miley Cyrus auf die Kamera zu wie ein feuchter Traum in trockenen Tüchern; Alden Ehrenreich steigt in sein wirbelndes Cowboylasso und wieder raus, wie ein dressierter Delphin durch Reifen springt; Channing Tatum kommt beim Stepptanzen auch dann nicht aus dem Tritt, wenn man ihm eine Tischdecke unter den Füßen wegreißt und George Clooney kaspert mit den Augenbrauen, als wollte er von jetzt an für immer Clowney heißen.

          Diese ganze tausendarmige kinetische Skulptur dreht sich dabei um die stabilste Achse, die ein Charakterstar einem vor Spielfreude der Insassen wackelnden Irrenhaus seit langem spendiert hat: Wenn Josh Brolins Gesicht zeigt, dass er wieder mal Kummer hat mit den Beknackten, die ihn da umstolpern, dann sieht er dabei aus wie der Schöpfer, wenn der sich mal wieder fragt, ob es wirklich eine so gute Idee war, Menschen zu machen. Die theologische Assoziation liegt nahe: Brolin spielt hier einen Mann, der seine schwere Lebenskrise nur deshalb schließlich meistert, weil sie ihm nie zur Glaubenskrise ausartet; am Anfang wie am Ende des Films beichtet er, um mit Gott im Reinen zu bleiben, also spirituelle Festigkeit zu bestätigen – und nicht, um sie erst zu erlangen.

          Die Coens durchleuchten Hollywood

          Brolin ist Eddie Mannix, der für die Filmfirma Capitol Skandale der Stars bereinigt, ausrastende Regisseure bändigt, den Rohschnitt der neuesten Filme inspiziert und auch sonst den industriell produzierten Träumen peinliche Wirklichkeitsreste abschneidet. Als eine Art strenger Großvater der halbkriminellen Nothelfer-Figur „Ray Donovan“, die Liev Schreiber in der gleichnamigen Showtime-Fernsehserie spielt, betreut Mannix einen quasi-biblischen Kostümschinken namens „Hail, Caesar! A Tale of the Christ“, in dem ein hoher römischer Offizier (nicht einfach „some Roman schmoe“), den der Schauspieler Baird Whitlock verkörpert, welchen wiederum Clooney spielt, vom Heiland aus seiner weltlichen Indolenz ins Licht der Wahrheit erhoben wird.

          Statt das nun aber wie geplant vor der Kamera stattfinden zu lassen, entführen Kommunisten beziehungsweise gekränkte Drehbuchautoren – in Hollywood damals praktisch dasselbe – den Star, und Mannix muss ihn zurückkaufen, parallel dazu aber auch Johansson dazu verhelfen, dass sie ihr eigenes ungeborenes Kind adoptieren kann, außerdem diverse doxastische Einwände geistlicher Herren ausbremsen – Rabbi: „Jesus war nicht Gott!“, orthodoxer Priester: „Aber er war auch nicht nicht Gott!“ –, einem Anwerbeversuch des Teufels (nämlich der Luftfahrt- und Rüstungsfirma Lockheed) widerstehen, die sportlichen und schulischen Abenteuer seiner Kinder überwachen und mit dem Rauchen aufhören, weil er das seiner Frau gegeben hat. Kurz: ein Passionsspiel.

          Zwischen Multivitaminklamauk und Cleverness

          Den Erlöser zeigen uns die Coens nur von hinten, die Erlösung aber von innen: Wir bleiben dicht bei Mannix; selbst wenn er in einer Szene fehlt, alles zeigt den Stand seiner Gefährdung oder Rettung an, wie im klassischen Ein-Mann-Noir-Mysterienkino, auch die vielen Uhren, auf die er und andere dauernd gucken. Der Ernst der Gewissensprüfung, der dieser Held unterzogen wird, hält den Multivitaminklamauk des lustigen Films zusammen – aber er kann noch mehr: Die mit allen sauren Filmentwicklungsbädern gewaschene Cleverness, die seit „The Hudsucker Proxy“ von 1994 in so manchem Erzeugnis der Coen-Brüder ins Bemühte abgerutscht ist, stört hier überhaupt nicht mehr, wirkt nur wie ein Lesebändchen in einer heiligen Schrift.

          Filmzitate und dumme Witze (ein Leinwandcredit erwähnt „Denny“ Diderot), penible Recherche (selbst der Name des Chefs der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten stimmt: Gus Hall) helfen denen, die auf so was Wert legen, dabei, sich in „Hail, Caesar!“ wohl zu fühlen, und alle andern wird’s so wenig stören, wie Kinder etwa wissen müssen, dass vieles, was in „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll steht, als Parodie längst vergessener Vorlagen gemeint war.

          Die Schlaubergereien der Coens halten in „Hail, Caesar“ also brav den vom stimmigen Produkt geforderten Werkfrieden. Und der versöhnt fast alle sonst auseinanderstrebenden Schulen miteinander, die in Nordamerika gute Filme machen – auf dass sie sich während der restlichen Berlinale mit den ganz anderen, die man in Frankreich, China oder Polen kennt, auf möglichst interessante Art werden streiten können.

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