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Noah Gordons „Medicus“ im Kino : Wenn aus Babelsberg Jerusalem wird

Bald schlägt die Stunde: Ben Kingsley misst den Pulsdes Schahs (Olivier Martinez), im Hintergrund der Medicus (Tom Payne). Bild: UPI

Der Glaube an Bildung und Wissenschaft versetzt Pyramiden: Philipp Stölzl verfilmt Noah Gordons Erfolgsroman „Der Medicus“ für das Kino.

          Es dauert ungefähr eine Dreiviertelstunde, bis man sich in Philipp Stölzls „Medicus“ zum ersten Mal fragt, was hier eigentlich los ist. Da kauert der Held, Rob Cole (gespielt von dem britischen Schauspieler Tom Payne) im Wüstensand und erholt sich von den Strapazen einer langen Schiffsreise, und im Hintergrund sieht man die Pyramiden von Gizeh. Die Pyramiden? Echt? Spielt der Film etwa in der Welt, in der wir auch noch leben, ist das hier gar nicht Mittelerde oder Historienschinken-Walhalla? Soll dieser Rob Cole, der auf dem Weg nach Persien ist, um ein großer Arzt zu werden, vielleicht irgendwie unser Vorfahre sein? Könnte man seinen Weg auf einer Landkarte finden?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Bis dahin hat der Film mit manchmal penetranter Gründlichkeit das abgearbeitet, was man, unter uns History-Fans, als schwierige Jugend in der Vormoderne bezeichnen könnte. Ein Bergwerk, irgendwo im zerlumpten Frühmittelalter; schmutzige Gestalten, die für Brot anstehen; eine Familie ohne Vater, die Mutter stirbt, die kleineren Kinder werden mit der Kücheneinrichtung verschenkt, das größere, eben Rob, schließt sich einem wandernden Bader an. Die Geschichte, heißt es im Vorspann geradezu närrisch exakt, spiele im Jahr 1021, aber sie könnte natürlich genauso gut in der Kathedralenzeit spielen, von der die Ken-Follett-Fernsehverfilmungen „Die Säulen der Erde“ und „Die Tore der Welt“ erzählen, oder im medievalen Erlebnispark der Kultserie „Game of Thrones“, in dem es auch Drachen, Zombies und rothaarige Hexen gibt.

          Sprung in die historische Zeit

          Dann ein Zeitsprung: Rob ist erwachsen und übt, da sich sein Meister die Hände verbrannt hat, das Baderhandwerk aus: Zähne ausreißen, Zehen absägen, Pülverchen verkaufen. Dann bekommt der Alte den grünen Star, der ihm von einem sehr kultivierten, höflichen, klugen jüdischen Arzt gestochen wird. Und auf einmal sind wir in historischer Zeit. Denn Juden gibt es nicht in „Game of Thrones“ und auch nicht bei J. R. R. Tolkien. Mit dem Kreuz kann auch ein Fantasy-Autor herumfuchteln, die Tora verkörpert Geschichte. Rob ist von der jüdischen Heilkunst begeistert; weit im Osten, in der Stadt Isfahan, so hört er, gebe es einen arabischen Arzt namens Ibn Sina, von dem alles medizinische Wissen ausgehe. Kein Christ jedoch dürfe dorthin reisen. Also wird Rob zum Juden. In der Wüste, hinter den Pyramiden, beschneidet er sich selbst, die Schläfenlocken hat er sich unterwegs wachsen lassen. Ende des ersten Akts.

          Noah Gordons Roman „Der Medicus“, 1986 erschienen, war von Anfang an ein Bestseller. Nicht in Amerika, wo der Autor lebt. Nein, in Deutschland: Sechs Millionen Auflage allein im deutschsprachigen Raum. Beim Lesen fällt einem so einiges auf, was das Buch für den deutschen Geschmack interessant macht: der Glaube an Bildung und Wissenschaft, die Liebesgeschichte, die Moral, die Reisebeschreibungen. Aber das sind nur Zutaten. Gordons Erfolgsrezept ist die Kombination von allem, der Karl-May-Effekt. Man kommt weit herum im „Medicus“, und zugleich bleibt man immer beim Eingemachten: Lernen, damit die Kinder es einmal besser haben. Im Roman kehrt Rob Cole am Ende mit seiner Frau nach England zurück. Der Film macht aus dieser christlichen Mary eine Jüdin namens Rebecca (Emma Rigby). Damit tut er dem Buch keine Gewalt an, sondern einen Gefallen. Es wirbt sowieso alle naslang für Toleranz, Vernunft und Völkerverständigung; die Umwege, die der Autor dabei gelegentlich nimmt, kann das Kino sich sparen.

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