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Amerika-Wahl : Wie Misstrauen zersetzt

Aufgebrachte Demonstranten in North Las Vegas, Nevada. Bild: Reuters

Die Vereinigten Staaten bleiben gespalten, durchsetzt von gegenseitigem Misstrauen. Deutschland kann das nicht egal sein.

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          Die Vereinigten Staaten bleiben gespalten, durchsetzt von gegenseitigem Misstrauen – so viel steht am Ende eines langen amerikanischen Wahlkampfes auf jeden Fall fest. Dabei geht es nicht nur um den Argwohn gegenüber einem notorischen Lügner im Präsidentenamt. Es geht um das Verhältnis zueinander. Und das ist nicht nur ein unbestimmtes Gefühl. Wie sehr den Amerikanern das Vertrauen zueinander fehlt, das lässt sich sogar in Zahlen fassen.

          „Den meisten Leuten kann man vertrauen“ – diesem Satz stimmten im vergangenen Jahrzehnt noch mehr Amerikaner zu als Deutsche. Inzwischen hat sich das Verhältnis umgekehrt. In den Trump-Jahren fand das nur noch ein Drittel der Amerikaner, aber fast die Hälfte der Deutschen. Das ist ein Problem, und zwar nicht nur für Amerika.

          Vertrauen ist der Anfang von allem: Die Bank, die diesen Spruch einst prägte, hat ihn schon in den 90er Jahren abgelegt. Und doch ist er so wahr, wie ein Satz nur sein kann. Natürlich ist Vertrauen vielschichtig: geht es um das Verhältnis zur Regierung, zu Geschäftspartnern oder den anderen Leuten generell? Bedeutung hat alles.

          Vertrauen bringt Wohlstand und langes Leben

          Was passiert, wenn die Leute an den Finanzmärkten einander nicht mehr über den Weg trauen, das zeigten vor rund zehn Jahren die Finanzkrise und die Eurokrise. In der Gesellschaft ist Vertrauen mindestens ebenso wichtig. Viele Menschen verhalten sich nicht deshalb egoistisch, weil sie von vornherein so selbstsüchtig eingestellt wären– sondern weil sie Angst davor haben, dass die anderen eigennützig handeln und der Freundliche am Ende der Dumme ist. Wer glaubt, dass die anderen in ihrer Steuererklärung schummeln, der tut das selbst auch eher. So fördert Misstrauen einen überbordenden Egoismus, am Ende leiden alle. Seit Jahren ist bekannt: Je größer das Vertrauen in einem Land ist, desto größer ist der Wohlstand. Ja, die Menschen leben dann sogar länger.

          Das zeigt sich sogar in der Corona-Krise auf geradezu dramatische Weise: In Ländern mit höherem gegenseitigen Vertrauen halten sich die Leute eher an die nötigen Hygieneregeln, weniger Menschen sterben.

          An Vertrauen werden die Vereinigten Staaten in den kommenden Jahren einiges brauchen. Deutschland kann das nicht egal sein, auch nicht aus wirtschaftlicher Sicht. Einerseits deshalb, weil Amerika immer noch die größte Volkswirtschaft der Welt und der wichtigste Abnehmer von Deutschlands Exporten ist. Die Kaufkraft zwischen Kalifornien und Maine hat immer noch einigen Einfluss darauf, wie gut es den Menschen hierzulande geht.

          Beide Seiten müssen sich auf Gesetze einigen

          Andererseits ist Amerikas Misstrauen für Deutschland deshalb unangenehm, weil Entscheidungen aus Washington auch ganz unmittelbar die Wirtschaftslage in Europa prägen. Der Umgang mit großen Internetkonzernen wie Google, Amazon oder Facebook ist dafür nur ein Beispiel. Mag auch die Europäische Union noch so hart dafür kämpfen, dass mehr Wettbewerb entsteht – es ist noch mal etwas anderes, wenn wirksame Gesetze im Heimatland der Unternehmen beschlossen werden. So viel lässt sich bei allen Unsicherheiten über den endgültigen Wahlausgang jetzt schon sagen: Die Chancen dafür stünden besser, wenn es zwischen den beiden Parteien mehr Vertrauen gäbe und sich beide Parteien auf die nötigen Gesetze einigen könnten.

          Wenn es um die Vereinigten Staaten geht, muss man über Vertrauen im irrealen Konjunktiv sprechen. In Deutschland ist die Lage eine andere – zumindest noch. Der Verfall des amerikanischen Vertrauens zeigt auch, dass Deutschland aufpassen muss, dass es hierzulande nicht ebenso geht. Gegenseitiges Verständnis und die Grundannahme, dass der andere es gut meint – darum muss man auch hierzulande immer wieder ringen. Längst nicht nur deshalb, weil das den Wohlstand fördert – aber der gehört ohne Frage auch dazu.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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