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Vapiano-Chef : „Wir haben uns verzettelt“

Der Vapiano-Chef Cornelius Everke während eines Interview am Dienstag in Frankfurt Bild: Helmut Fricke

Miese Geschäftszahlen, Talfahrt an der Börse: Vapiano-Chef Cornelius Everke erwägt auch Filialschließungen, um die Restaurantkette wieder auf Kurs zu bringen. Und nicht nur das.

          Cornelius Everke ist viel unterwegs in diesen Tagen. Am Montag hat der neue Vapiano-Vorstandsvorsitzende mit Analysten in London gesprochen. Noch im Laufe des Dienstags geht es für ihn von Frankfurt aus weiter nach Berlin, am nächsten Tag wieder zurück an den Main. Der Gesprächsbedarf von Investoren und Banken ist hoch, seit die Kölner Restaurantkette am Wochenende enttäuschende Geschäftszahlen bekanntgegeben hat und die schwer gebeutelte Aktie damit weiter auf Talfahrt schickte.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin im Wirtschaftsteil.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Die Bestandsaufnahme des 54 Jahre alten Everke fällt schonungslos aus: „Wir haben uns verzettelt in unserer schnellen Expansion“, räumt er im Gespräch mit der F.A.Z. ein. „Das Tempo war zu hoch. Wenn wir es verlangsamen, hilft das der Profitabilität.“ Allein im vergangenen Jahr wuchs das Filialnetz um 32 neue Restaurants auf 231 Standorte in 33 Ländern. Dabei hat Vapiano mehr Restaurants als geplant selbst eröffnet, anstatt durch Franchisepartner, was viel Kapital verschlungen hat. Jeder neue Standort kostet im Schnitt etwa 2,6 Millionen Euro. Derzeit führt der Vorstand Gespräche mit den finanzierenden Banken. „Im März soll die langfristige Finanzierung stehen“, stellt Everke in Aussicht.

          Mit einer Neuausrichtung will der seit Anfang Dezember amtierende Vorstandschef das Unternehmen wieder in die Spur bringen. „Wir fokussieren uns auf unseren Kernmarkt Europa“, sagt Everke. Die Investitionen sollen von den bisher geplanten 70 Millionen Euro unter die Marke von 40 Millionen Euro sinken. Zwar soll es auch in diesem Jahr eine zweistellige Zahl von Neueröffnungen schwerpunktmäßig in Deutschland, Frankreich und Österreich geben, aber keinesfalls in dem ursprünglich avisierten Umfang von 40 Standorten.

          Hoffnung auf Frankreich

          Um Kapital zu schonen, will Everke zudem vermehrt mit Franchisenehmern zusammenarbeiten. „Ich glaube, dass wir durch Franchising in Deutschland stärker wachsen können. Wir sind gerade dabei, eigene Filialen abzugeben.“ Konkret geht es um Restaurants in Bremen, Erfurt und Ulm. Darüber hinaus stehen aber auch einzelne Standorte in Europa zur Disposition: „Es wird auch Schließungen geben, wenn wir sehen, dass die gewünschte Profitabilität nicht erreicht ist“, sagte Everke. So gut wie beschlossen ist der Rückzug aus der schottischen Großstadt Glasgow.

          In das außereuropäische Geschäft wiederum soll künftig kein Kapital mehr fließen. Die sieben amerikanischen Filialen sind schon an einen Franchisenehmer verkauft. Auch für das einzige chinesische Vapiano-Restaurant in Schanghai läuft die Partnersuche: „Eine einzelne Filiale für China aus Köln zu betreiben, ist nicht erfolgversprechend.“ Ein neues Modell soll auch für das australische Gemeinschaftsunternehmen her. So manche Standortwahl sieht Everke, der einst das Deutschlandgeschäft für die Kaffeehauskette Starbucks aufgebaut hat, kritisch: „Wenn etwa Starbucks mit 30.000 Filialen weltweit nicht in Toowoomba ist, dann müssen wir auch nicht dort sein“, sagt er mit Blick auf das Vapiano-Lokal in der 100.000-Einwohner-Stadt im australischen Bundesstaat Queensland. Kein Handlungsbedarf besteht in den anderen außereuropäischen Märkten wie dem Mittleren Osten und Südamerika, da das Geschäft dort rein im Franchise-Konzept betrieben wird.

          VAPIANO SE INH. O.N.

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          Dafür soll Frankreich Wachstum bringen, dort könne Vapiano in eine ähnliche Lücke wie in Deutschland vor zehn Jahren stoßen, weil die Systemgastronomie noch nicht so verbreitet sei. Doch auch in Wien, wo es schon zehn Restaurants gibt, ist noch Platz für mindestens zwei mehr. Die sehen dann aber in Zukunft eher aus wie der Laden am Checkpoint Charlie in Berlin: Etwas kleiner, mit der Küche in der Mitte und einem anderen Bestellkonzept. Denn Everke stört sich auch daran, wie überfordert manche Kunden mitunter sind. „Die Abläufe in unseren Restaurants sind zu kompliziert und langsam. Das haben wir uns selbst zuzuschreiben“, sagt er.

          Vom Aktienkurs enttäuscht

          Wer lange in der Schlange steht und wartet und dann sieht, wie Essen zum Abholen oder Ausliefern zubereitet wird, hat kein besonders schönes Restauranterlebnis. In 129 der 231 Restaurants gibt es solche Stationen, an denen Kunden auch Essen zum Mitnehmen abholen können, auch einige von diesen Bestell-Terminals dürften bald Sitzplätzen weichen. Ganz verabschieden von dem Ansatz, Essen mit Partnern wie Lieferando auch auszuliefern, will er sich indes nicht. Es sei wichtig, zu experimentieren, in Metropolen wie Frankfurt nehme die Bestellnachfrage auch stark zu. Doch insgesamt will Everke die Abläufe vereinfachen, dazu gehört auch eine Reduzierung der Karte. „Ich weiß nicht, ob ich acht verschiedene Nudelsorten benötige, wenn ich schon 22 unterschiedliche Gerichte habe. Wir sollten uns auf die Klassiker konzentrieren.“

          Zuletzt sei auch zu viel gleichzeitig eingeführt worden: eine neue IT, das Kassen- und Warenwirtschaftssystem – das habe die Abläufe gestört. Nun könne über die Plattformen hinweg besser analysiert werden, welche Gerichte beliebt sind. Egal, ob die Bestellung per App erfolgt, auf der Internetseite oder im Restaurant getätigt wird. „In der Vergangenheit haben wir es verpasst, die Daten richtig zusammenzuführen.“ Everke hat noch einiges vor sich.

          Im vergangenen Jahr hat Vapiano noch höhere Verluste geschrieben. Auch infolge von Abschreibungen ist der Fehlbetrag den vorläufigen Angaben zufolge deutlich höher ausgefallen als im Vorjahr, als das Unternehmen ein Minus von 29,6 Millionen Euro vermeldete. „Wir hatten wirklich ein schlechtes Jahr“, sagt Everke. Über die Entwicklung des Aktienkurses – am Dienstag notierte das einst zu 23 Euro an die Börse gebrachte Papier um 5,30 Euro – sei er selbst enttäuscht.

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