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Kommentar zur Deutschen Bank : Sewing wagt die Notoperation

Packt den radikalen Umbau an: Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing Bild: dpa

Erst nach einem katastrophalen Fall des Aktienkurses findet die Deutsche Bank die Kraft zum überfälligen Kurswechsel. Es bleibt zu hoffen, dass er nicht zu spät kommt.

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          Der Markt, in dem die Deutsche Bank mit einer weitreichenden Neuausrichtung ihre Zukunft sucht, verheißt für die europäische Kreditwirtschaft nichts Gutes. Bisher litten die Banken unter dem Zusammentreffen von Niedrigzins, hohem Aufwand für Regulierung und den Herausforderungen der digitalen Revolution für ihre Computersysteme, ihre Produkte und ihre Vertriebswege. Künftig dürfte in Gestalt der großen Internetkonzerne und ihrer Verbündeten mit der Ausgabe privaten elektronischen Geldes eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Rolle der Banken im Zahlungsverkehr hinzukommen.

          Nicht zufällig sind die Aktien der börsennotierten Banken in Europa auf dem Papier billig. Die Börse hat die Gefahren für die herkömmlichen Geschäftsmodelle der Banken längst erkannt. Hinter den Kulissen wirbt die Europäische Zentralbank (EZB), um die Überkapazitäten auf dem Markt wissend, im Unterschied zu früher für grenzüberschreitende Zusammenschlüsse von Banken in Europa. Die niedrigen Aktienkurse erschweren allerdings die Finanzierung von mit hohen Sanierungskosten begleiteten Fusionen.

          Nur die Stärksten unter den mehrheitlich Schwachen dürften den sich abzeichnenden epochalen Wandel im Bankgewerbe einigermaßen heil überstehen. Die Deutsche Bank hatte sich jahrelang geweigert, die Notwendigkeit einer scharfen Kurskorrektur zu akzeptieren, sondern unverdrossen geglaubt, trotz unzureichender Ressourcen im Konzert der großen globalen Investmentbanken mithalten zu können. Diese Fehleinschätzung, für die in erster Linie der Aufsichtsrat Verantwortung trägt, hat die Bank finanziell ausgehöhlt und ihren inneren Zusammenhalt beschädigt.

          Der Mut der Verzweiflung

          Nachdem es nicht mehr weitergehen konnte wie zuvor, hat die Deutsche Bank eine grundlegende Neuausrichtung beschlossen. Mit ihr zeigt der Vorstandsvorsitzende Christian Sewing Mut, auch wenn es der Mut der Verzweiflung sein mag. Von einem Haus, das materiell wie kulturell seit rund 20 Jahren vom amerikanisch geprägten Investmentbanking abhängig war, soll die Deutsche zu einer stark vom Geschäft mit Unternehmen und Privatkunden geprägten Bank werden, in der das Investmentbanking eine reduzierte Rolle spielt und die Vermögensverwaltung als vierter Geschäftsbereich stabilisierend wirken kann. Sewings Plan ist ein Abschied von einer strategischen Ausrichtung, die Ende der achtziger Jahre mit Alfred Herrhausen begonnen hatte.

          Das neue, keineswegs originelle Geschäftsmodell ähnelt ein wenig dem Rezept, mit dem die französische Großbank BNP Paribas zu einer der größten Banken der Eurozone heranwuchs. Ob die Deutsche Bank den durch ihr langes Zögern entstandenen Rückstand noch einmal aufholen kann, bleibt fraglich. An der Börse ist BNP Paribas 54 Milliarden Euro wert, die Deutsche Bank 15 Milliarden Euro.

          Die Herausforderungen erscheinen gewaltig. Sewing will fast 20.000 Arbeitsplätze abbauen und Kosten wie Risiken erheblich reduzieren. Drei Wechsel im Vorstand sollen frisches Blut und neue Ideen in die Führung bringen; kaum zufällig wird sich die Zahl der Deutschen im Vorstand der Deutschen Bank weiter erhöhen. Mit dem Eintritt des ehemaligen SAP-Vorstands Bernd Leukert wird der Anspruch der Bank deutlich, von der digitalen Revolution in der Finanzbranche stärker zu profitieren. Dass die Kosten der Neuausrichtung den Jahresabschluss für das laufende Jahr verhageln werden, ist unumgänglich. Entscheidend für die Bewertung von Sewings Notoperation werden die Jahre ab 2020 werden. Dann muss eine kleinere und gleichzeitig kompaktere Deutsche Bank die Lebensfähigkeit ihres neuen Geschäftsmodells unter Beweis stellen.

          Die Zeit läuft

          Es fiele leicht, der Deutschen Bank keine gute Prognose zu stellen. Das Umfeld wird angesichts der Abschwächung der Konjunktur eher schwieriger als einfacher, und während die Deutsche Bank mit sich selbst beschäftigt sein wird, können Konkurrenten, die sich schon vor Jahren neu ausgerichtet haben, alle Kraft auf die Bewältigung ihrer Zukunft verwenden. Scheitert Sewings mutiger Plan, wird die Deutsche Bank endgültig zum Sanierungsfall. Gelingt er, wird sie zum Kandidaten für eine grenzüberschreitende Übernahme.

          Und dennoch liegen in dieser Neuausrichtung auch Chancen. Die Führung der Bank weiß endlich, was und wohin sie will, und sie hat mit Christian Sewing einen Vorstandsvorsitzenden, dessen Autorität nicht angezweifelt werden kann. Die Macht- und Kulturkämpfe der Frankfurter Zentrale mit den Investmentbankern in New York und London dürften beendet sein – ebenso wie rufschädigende Berichte über exorbitante Boni-Zahlungen trotz schwacher Geschäftsergebnisse der Vergangenheit angehören sollten. Eine entschlossene und homogenere Führung kann einen dringend notwendigen und in vielen Fällen leistungsfördernden Kulturwandel in Gang bringen, der in der Vergangenheit lediglich versprochen worden ist. Dass der Bank die Zeit wegläuft, ist das größte Risiko, das sich mit Sewings Plan verbindet.

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