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Impfstoffe für Afrika : Abgehängt

Eine Schülerin in Johannesburg trägt eine Gesichtsmaske. Für die afrikanischen Länder kommen die Impfstoffe später. Bild: dpa

Anders als die Briten müssen sich die Afrikaner mit Impfungen noch gedulden. Auch Südafrika befindet sich in einer vertrackten Situation. Das Land zahlt die gleichen Impfstoffpreise wie reichere Nationen – doch die Haushaltslage ist angespannt.

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          Afrikanische Länder werden wohl erst Mitte kommenden Jahres die ersten Bürger gegen Covid-19 impfen können. Auch das am härtesten getroffene Südafrika bildet da keine Ausnahme. Dabei hatte die südafrikanischen Regierung im März schnell reagiert: kurz nach Ausbruch der Epidemie verkündete Staatspräsident Cyril Ramaphosa eine der striktesten Ausgangssperren auf der Welt. Im Wettrennen um Impfstoff-Lieferungen jedoch wurden die größte afrikanische Volkswirtschaft wie das restliche Afrika von den reichen Ländern auf der Welt abgehängt.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Anders als die Briten müssen sich die Südafrikaner mit Impfungen noch gedulden. Die Regierung erwartet frühestens im zweiten Quartal erste Lieferungen. Man habe nicht die verfügbaren Ressourcen, um sich die Lieferung verschiedener Kandidaten vorab zu sichern, sagte der Vorsitzende eines Beraterstabs der Regierung. Man müsse zuerst mehr über die Impfstoffe wissen. Die Vereinigten Staaten, die EU und Indien allein haben nach Daten der amerikanischen Duke Universität mehr als 4 Milliarden Dosen von Impfstoffen in der Testphase gekauft.

          Lage spitzt sich zu

          Südafrika hat die mit Abstand höchsten Infektionszahlen in Afrika. Insgesamt sind es 830.000, mehr als 22.000 Menschen starben. Aktuell spitzt sich die Lage gerade wieder zu. Wie der Gesundheitsminister in dieser Woche mitteilte, gibt es nun offiziell eine zweite Infektionswelle. Zuletzt stiegen die täglichen Neuinfektionen auf mehr als 6000, kurz zuvor waren es 4000. Am schlimmsten getroffen sind die Provinzen Westkap und Ostkap.

          Seitens der Wissenschaftler kommt jetzt harsche Kritik, die Regierung habe die Chance verpasst, frühzeitig mit Pharmakonzernen über Lieferungen und Preise zu verhandeln. In Südafrika liefen vier Impfstoff-Tests, sagte Shabir Madhi, Impfforscher an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg. Man befinde sich in einer exzellenten Verhandlungsposition mit den Unternehmen. Nach seinen Informationen jedoch gebe es keine nennenswerten Fortschritte oder Vereinbarungen. Es sei im hohen Maße frustrierend, sagte der bekannte Wissenschaftler. „Wir sind mit den klinischen Untersuchungen an vorderster Front, werden aber mit der Implementierung warten müssen.“

          Auch Ankündigungen der Regierung, Impfstoffe könnten bald im Land produziert werden, halten Experten für „überoptimistisch“. Seit den neunziger Jahren wurde kein Impfstoff mehr lokal hergestellt. Eine solche Produktion könne nicht in wenigen Monate zum Laufen gebracht werden, sagt Madhi.

          Auf Impfstoffe der WHO angewiesen

          Der südafrikanische Pharmakonzern Aspen hat einen ersten Vorvertrag mit dem amerikanischen Konzern Johnson & Johnson geschlossen. In der Aspen-Fabrik an der Ostküste sollen 300 Millionen Dosen vom Band laufen. Allerdings wird sich Aspen auf Abfüllen und Verpacken konzentrieren. Unklar ist auch, ob und wie Südafrikas Bürger davon profitieren.

          Afrikanische Länder werden großenteils auf die Covax-Initiative der Impfallianz Gavi und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angewiesen sein, die allen Ländern einen fairen Zugriff auf Impfstoffe garantieren will. Ärmere Länder sollen demnach Dosen schon für 2 bis 3 Dollar erhalten. Bis Ende 2021 will die Initiative 2 Milliarden Dosen bereitstellen. Aktuell betrachten Forscher lediglich den von Astra-Zeneca und der Oxford-Universität entwickelten Impfstoff als geeignet für den Kontinent.

          Preise wie für reichere Nationen

          Auch Südafrika setzt auf Covax, befindet sich aber in einer vertrackten Position. Da es von der Weltbank als Land mit höherem mittlerem Einkommen eingestuft wird, muss es die gleichen Preise für Impfstoffe bezahlen wie reichere Nationen. Doch die Haushaltslage ist extrem angespannt, zwei Rating-Agenturen senkten die Bonitätsnote vor kurzem weiter in den Ramsch-Status. Finanzminister Tito Mboweni zeigt sich daher wenig spendierfreudig. Im Parlament kündigte er an, bis zum 15. Dezember 500 Millionen Rand (28 Millionen Euro) an Covax zu überweisen.

          Das Geld stammt allerdings nicht aus dem Staatssäckel, sondern aus einem Solidaritätsfonds, den Milliardäre und Philanthropen zu Beginn der Krise aufgesetzt hatten. Es sollte reichen, um zunächst Impfstoffe für 10 Prozent der Bevölkerung zu beziehen, das ist die Untergrenze für Covax. In Interviews deutete der Finanzminister allerdings an, mehr Geld aufzutreiben, um „in der Warteschlange“ nach vorne zu gelangen.

          Derweil versucht die Regierung, trotz der zweiten Infektionswelle einen harten nationalen Lockdown wie im März zu vermeiden. Die Wirtschaft hat sich gerade etwas erholt. Im dritten Quartal meldete das Statistikamt ein unerwartet kräftiges Wachstum um 66 Prozent auf das Jahr gerechnet, im Quartal zuvor gab es einen Rückgang um 51 Prozent. Trotzdem ist der Anstieg der Wirtschaftsleistung um 6 Prozent niedriger als im Vorjahr.

          Die Aussicht auf einen Impfstoff gebe Hoffnung, sagte Ramaphosa. „Aber die Realität ist, dass es einige Zeit dauern wird, bis wir genügend Menschen impfen können. Wir müssen uns darauf vorbereiten und bereit sein, schwierige Entscheidungen zu treffen, wo wir das Geld finden und wann wir es ausgeben.“

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