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Amerika und China : Europa, lass dich nicht erpressen!

Donald Trump Bild: Reuters

Die Globalisierung kehrt sich um. Das Verhältnis zwischen Amerika und China wird immer schlechter. In Amerika spricht man ganz offen von einem kalten Krieg. Europa muss sich jetzt behaupten. Es hat eigene Trümpfe.

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          Das war’s jetzt mit dem Traum von der einen globalisierten Welt. Schon seit Jahren sorgt sich Europa um das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und China. Die Angst wächst, dass die Welt sich polarisiert und Europa sich entscheiden muss, auf welcher Seite es steht. Jetzt zwingt der amerikanische Präsident Donald Trump die Videoplattform Tiktok zum Verkauf und verbietet den Nachrichtendienst Wechat ganz.

          Es gibt sowieso nur noch wenige Plattformen, die die Verbindung zwischen beiden Staaten halten. China war ja vorher schon nicht zimperlich mit dem Sperren amerikanischer Netzwerke, und man muss sich auch keine Illusionen über Tiktok machen: Für China gab es schon vorher eine eigene, heftig zensierte Version. Jetzt allerdings fällt auch noch Wechat aus. Das Internet zerfällt in nationale Teile, die nur noch wenig Verbindung miteinander haben. Der analogen Welt droht es ebenso zu ergehen. In den Vereinigten Staaten wird das Verhältnis zu China inzwischen ganz selbstverständlich als „Kalter Krieg“ bezeichnet.

          Amerika hat unter Chinas Wachstum besonders gelitten

          Für Europa ist das nicht gut, für Deutschland schon gar nicht. Kaum ein Land hat von der wirtschaftlichen Öffnung der Welt so profitiert wie Deutschland. Die hiesigen Auto- und Maschinenbaukonzerne verkaufen in China prächtig. Umgekehrt wurden Smartphones in Europa billiger, weil sie in China hergestellt wurden. Einige wurden sogar dort entwickelt. Es ist gut, wenn man die Wahl hat zwischen Smartphones von Apple und von Huawei. China brachte Europa die Auswahl. Der alte Kontinent selbst war nicht in der Lage, eine Konkurrenz für Amerikas soziale Netzwerke auf die Weltbühne zu bringen; das hat China erledigt.

          Die Amerikaner dagegen haben unter Chinas Wachstum besonders gelitten. Auch für die Vereinigten Staaten wird eine neue Polarisierung der Welt ihre Nachteile bringen, aber sie hatten eben schon vorher Probleme. Vor allem amerikanische Produkte waren es, die nach Chinas Eintritt in den Welthandel durch Lieferungen aus Fernost ersetzt wurden – geschätzt ein Viertel der Stellenverluste in der amerikanischen Industrie geht auf das Konto von China. Lange hofften die Amerikaner, dass China auf dem Weg zum Reichtum wenigstens liberaler und demokratischer würde. Doch diese Hoffnung ist inzwischen enttäuscht. Die Position der Vereinigten Staaten als einzig verbliebene Supermacht wird durch den Aufsteiger herausgefordert. Zuletzt schickte sich Tiktok an, die Kulturhoheit in Frage zu stellen. Also wehrt sich Amerika. Der Machtkampf verläuft fast, wie es im Lehrbuch für internationale Beziehungen steht.

          Europa hat eigene Trümpfe

          Europa darf sich nicht der Illusion hingeben, dass alles wieder besser würde, wenn nur Donald Trump nicht mehr Präsident ist. Die strategischen Probleme bleiben die gleichen. Auch außerhalb des Weißen Hauses hat die Abschottung von China viele Freunde. Und dass Amerika seine Interessen im Zweifel mit harter Hand durchsetzt, bewiesen in der vergangenen Woche nicht nur Trump, sondern auch drei Senatoren, als sie den Managern eines Hafens auf Rügen mit persönlichen Sanktionen drohten, wenn der Hafen sich weiterhin am Bau der Pipeline „Nord Stream 2“ beteiligt.

          Keine Frage: Falls Europa die Polarisierung der Welt nicht aufhalten kann, sondern auf eine Seite gezwungen wird, fällt die Wahl leicht. Die amerikanischen Grundwerte sind den europäischen näher als die chinesischen. Nie darf man vergessen: In China passiert noch mehr Kritikwürdiges als in Amerika, mangels freier Meinungsäußerung fällt das aber weniger auf.

          Doch die Polarisierung hätte hohe Kosten, und zwar nicht nur finanzielle. Mit all seiner Macht muss Europa dafür kämpfen, den Kontakt zu beiden Seiten zu halten. Dabei steht der Kontinent nicht auf verlorenem Posten. In digitalen Fragen ist zwar noch einiges nachzuholen, und das sollte schleunigst geschehen. Doch Europa hat eine Industrie, von deren Produkten sowohl Amerika als auch China profitieren. Und Europa hat einen großen Absatzmarkt, den beide Staaten gerne beliefern möchten. Darum muss Europa nicht jede Erpressung hinnehmen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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