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Australien im Krisenmodus : Regierung stemmt sich gegen die erste Rezession seit 29 Jahren

In Not: Australiens Premierminister Scott Morrison Bild: EPA

Hilfe für Mittelständler und Bargeld für Pensionäre sollen die Wirtschaft stützen. Die Börse in Sydney verzeichnet den schwärzesten Tag seit der Finanzkrise.

          3 Min.

          Das groß angelegte Hilfspaket der australischen Regierung für die Konjunktur ist an der Börse verpufft. In ganz Asien-Pazifik schmolzen die Börsenkurse am Donnerstag, nachdem der amerikanischen Präsident Donald Trump ein Einreiseverbot für Europäer verhängt hatte. Börsianer fürchten immer stärkere Einschränkungen der Weltwirtschaft und eine Rezession durch das Coronavirus.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Um diese in Australien noch zu verhindern, hat die Regierung des zunächst von den Buschbränden und nun vom Coronavirus hart getroffenen Landes weitere Hilfen versprochen. Nachdem sie vor Wochen 2 Milliarden Australische Dollar (1,15 Milliarden Euro) in den nächsten zwei Jahren zugesagt hatte, um die Brandfolgen zu mindern, nimmt sie nun weitere rund 17,6 Milliarden Australische Dollar in die Hand. Diese Summe, die knapp einem Prozent der australischen Wirtschaftsleistung entspricht, wird vor allem knapp 700.000 Mittelständlern helfen, die fast acht Millionen Menschen beschäftigen.

          Geplant sind unter anderem Anreize für Investitionen, Lohnhilfen von 50 Prozent für Auszubildende über neun Monate und Barzahlungen bis zu 25.000 Dollar für Kleinunternehmen. 11 Milliarden Australische Dollar sollen noch vor dem 1. Juni fließen.

          Hilfe für Kranke und sozial Schwache

          Damit zielt Ministerpräsident Scott Morrison klar darauf ab, die erste Rezession in Australien seit 29 Jahren zu verhindern – sie entsteht, wenn die Wirtschaft in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen schrumpft. Die Fachleute der Bank UBS erklärten freilich, es sei „wahrscheinlich“, das Australien erstmals seit 1991 wieder in eine Rezession gleite. Die Finanzspritzen würden von ihren Empfängern wohl eher gespart werden, als – wie von der Regierung erhofft – zum Konsum genutzt.

          Für dieses Quartal besteht kaum noch ein Zweifel daran, dass der Fünfte Kontinent geschrumpft ist. Am letzten Tag dieses Monats sollen Bedürftige wie Kranke, sozial Schwache, aber auch Rentner eine Soforthilfe in Höhe von jeweils 750 Australischen Dollar bekommen, damit sie die Konjunktur stützen. Dies allein kostet die Steuerzahler knapp 5 Milliarden Australische Dollar.

          Knapp 4 Milliarden Dollar fließen in deutlich bessere Abschreibungsmöglichkeiten für Mittelständler bis Ende des ersten Halbjahres, um sie so zu Investitionen zu verleiten. Mit rund einer Milliarde Dollar werden die Firmen in der notleidenden Tourismusbranche unterstützt. Das Gesamtpaket soll die Wirtschaft um 22,9 Milliarden Dollar oder 1,2 Prozent des Bruttosozialproduktes fördern.

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          Damit ist der von der Regierung versprochenen Haushaltsüberschuss in weite Ferne gerückt, wie Finanzminister Mathias Corman bestätigte. Morrison hatte schon am Dienstag erklärt, seine Regierung habe gespart, um in schweren Zeiten schnell reagieren zu können: „Diese harten Zeiten sind nun.“

          Morrison appellierte an die australischen Konzerne, ihren Teil zum Wiederaufschwung beizutragen. „Sie werden in den nächsten Monaten sehr genau beobachtet werden. Unternehmen verbringen viel Zeit damit, über den Wert und die Integrität ihrer Marken zu sprechen – genau dieses wird sich nun beweisen müssen“, sagte der Premierminister. Unter anderem sollten sie ihre Lieferanten viel schneller bezahlen, damit die nicht in eine Krise glitten.

          Die australischen Banken haben die Senkung des Leitzinses vollständig an ihre Kunden weitergeleitet. Der Stellvertretende Gouverneur der Notenbank, Guy Debelle, erklärte auf dem AFR-Unternehmensgipfel, die Geschäftsbanken seien in sehr guter Verfassung: „Wir können derzeit keine Unterbrechungen in den Finanzmärkten erkennen. Käme es dazu, hätten wir natürlich die Kapazitäten, so zu reagieren, wie wir dies (in der Finanzkrise) 2008 gemacht haben. Wir sehen derzeit aber keine Notwendigkeit für weitere Liquidität im Markt.“ Der australische Leitzins notiert mit nun 0,5 Prozent auf dem niedrigsten Stand aller Zeiten. Schatzkanzler Josh Frydenberg allerdings warnte davor, die Feuerkraft der Notenbanken zu überschätzen: „Während der weltweiten Finanzkrise hatte die Geldpolitik viel mehr Raum. Diesmal ist sie rund um die Erde ziemlich angespannt.“

          Der australische Aktienindex S&P/ASX 200 verlor am Donnerstag im schlimmsten Handelstag seit der Finanzkrise weitere 7,4 Prozent seines Wertes. Markierte er vor gut zwei Wochen noch ein Allzeithoch, pendelt er nun um den Stand von November 2016 – seit dem 20. Februar wurden 559 Milliarden Australische Dollar vernichtet. Auch die anderen asiatischen Märkte gaben deutlich nach: In Tokio sackte der Leitindex Nikkei zeitweise um mehr als tausend Punkte ab und durchbrach die psychologisch wichtige Marke von 19000 Punkten.

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