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Volkswagen : Szenen einer zerrütteten Ehe

Matthias Müller Bild: dpa

Der VW-Chef hat die Beziehung zu Amerika mit einem alten Ehepaar verglichen. Nun will er die Versöhnung und besucht das Land. Washington erwartet Demut und großzügige Angebote.

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          Mit Volkswagen und mit den Vereinigten Staaten ist es wie bei einem alten Ehepaar. Mit diesen Worten beschrieb VW-Chef Matthias Müller Ende letzten Jahres die Beziehung des Autokonzerns aus Wolfsburg zu den amerikanischen Behörden – vor allem den Umweltbehörden, die die Abgasmanipulationen bei den Dieselmotoren von VW im Frühjahr 2014 aufgedeckt und im September 2015 öffentlich gemacht haben. Lange habe man sich gut verstanden. Doch dann habe es „Ungereimtheiten“ gegeben. Während Müller im Dezember in Wolfsburg versuchte, mit diesem Bild Fragen einer amerikanischen Journalistin zu beantworten, arbeiteten seine Mitarbeiter an einer Charmeoffensive in Amerika, dem zweitgrößten Automarkt der Welt.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Nach den Ungereimtheiten in der ungleichen Ehe, steht die Versöhnung der beiden Seiten noch aus. „Wird nicht einfach“, war in Wolfsburg in diesen Tagen oft zu hören. Doch hat VW seinen Abgasskandal in Deutschland und in den europäischen Ländern nicht mit einem blauen Auge überstanden? Müller gab sich jedenfalls selbstbewusst. Doch eines machte er vor seiner Reise auch deutlich: „Auf die Knie“ werde er bei seinem Amerikabesuch sicher nicht fallen.

          Doch die amerikanische Partnerin macht es Müller schwer bei seinem sorgfältig geplanten Versöhnungsbesuch, zu dem er an diesem Wochenende aufbricht. Zu selbstherrlich, zu arrogant hat sich der Wolfsburger Konzern während des Skandals immer wieder verhalten. Dass Volkswagen im November schnell und mit sehr deutlichen Worten den Vorwurf dementierte, auch bei den Drei-Liter-Dieselmotoren des Konzerns sei geschummelt worden, werten manche im Justizministerium in Washington als Hinweis, dass VW es mit der Aufklärung des Skandals nicht so genau nimmt.

          Einfache technische Lösungen wie in Europa hat VW für Amerika nicht

          Und da war Müller schon sechs Wochen im Amt und hatte Transparenz und Kooperation mit den amerikanischen Behörden versprochen. In Wolfsburg weiß man um diese Befindlichkeiten. Müller, heißt es, wird zuerst nach Detroit zur ersten großen Automesse dieses Jahres reisen. Dann stehen „politische Gespräche“ auf dem Programm. Geschickt ist auch der Besuch Müllers in der VW-Fabrik in Chattanooga im Bundesstaat Tennessee. Dort will er den Mitarbeitern des Konzerns Mut machen, aber es ist auch ein Zeichen an die amerikanische Politik, dass Volkswagen in den Vereinigten Staaten auch ein wichtiger Arbeitgeber in dieser strukturschwachen Region ist.

          Die Amerikaner haben – wie es in einer zerrütteten Ehe nicht ungewöhnlich ist – kurz vor der Reise erst einmal den Druck auf Müller erhöht und Klage gegen den Konzern eingereicht. Dass das Justizministerium in Washington das machen würde, war so wenig überraschend wie die Vorwürfe, die in der Klageschrift wegen der Abgasmanipulationen gegen VW erhoben werden. Überrascht hat der Zeitpunkt kurz vor der Reise Müllers nach Amerika und dem Auftritt des VW-Markenchefs Herbert Diess am gestrigen Mittwoch auf der Technikmesse CES in Las Vegas. Diess präsentierte den Amerikanern dort die technische Neuausrichtung von VW, Müller bearbeitet nächste Woche in „politischen Gesprächen“ die strategischen Linien.

          Müller hat den Abgasskandal von Volkswagen in den ersten 100 Tagen seiner Zeit als Konzernchef – er wechselte am 25. September nach dem Rücktritt Martin Winterkorns vom Chefsessel bei Porsche auf den Chefsessel im Konzernvorstand – immer „eine Herausforderung“ genannt. Mancher war skeptisch, ob Müller der richtige Mann ist, den lange überfälligen Umbau und einen Neuanfang bei VW durchzusetzen. Schließlich ist auch er in den Strukturen des Konzerns groß geworden. Gerade das sei seine Stärke, sagen seine Befürworter. Das Tempo, das Müller vorgelegt hat, ist beeindruckend. In welchem anderen Unternehmen sind auf einen Schlag 14 Positionen im Vorstand erneuert worden? Wichtig ist, dass der neue Chef jetzt auch an die heiklen Aufgaben geht, vor allem ein Effizienzprogramm für die Kernmarke VW vorlegt. Bis Mitte dieses Jahres will Müller liefern.

          Deswegen sieht er sich im neuen Wolfsburger Machtgefüge auch eher als Mann für die großen Linien statt als Experte, der sich in kleinste Details des Abgasskandals einarbeitet. Es ist kaum vorstellbar, dass Müller ohne neue Zusagen des Unternehmens an die Umweltbehörden in die Vereinigten Staaten reist. Die Umweltbehörden sind nicht nur kritisch, weil sie sich seit Frühjahr 2014 – damals gab es die erste Anfrage bei VW wegen der Manipulationen bei der Motorsteuerung der Dieselfahrzeuge – immer wieder hingehalten und mit unzureichenden Informationen abgespeist fühlen; sie müssen den rund 580.000 Kunden von VW in Amerika auch etwas bieten.

          Dass sich Müller in Amerika entschuldigt, ist selbstverständlich. Er muss in den Gesprächen aber auch offener sein als es die Fachleute seines Hauses waren. Und er muss den Konsumenten etwas anbieten – etwa großzügige Rückkaufangebote für einen Teil der Autos. Einfache technische Lösungen wie in Europa hat VW für Amerika nicht, weil Technik und Umweltvorschriften anders sind. „Es ist ein bisschen komplexer in Amerika“, hatte Diess in Las Vegas eingeräumt.

          Müller muss das Vertrauen der Amerikaner zurückgewinnen, wenn VW den Abgasskandal bewältigen will „Ein bisschen mehr Demut steht uns gut“, hat der VW-Chef zuvor gesagt. Für die von ihren Geschäfts- oder Gesprächspartnern gelegentlich als selbstherrlich empfundenen Spitzenmanager aus Wolfsburg ist das eine ungewohnte Übung. Müller wird schon bald wissen, ob ihm der Balanceakt zwischen Demut, glaubhaftem Interesse an der Aufklärung des Skandals und einem selbstbewussten Blick in die Zukunft des eigenen Konzerns gelingt. Leicht werden es seine Gesprächspartner in den Vereinigten Staaten ihm dabei nicht machen.

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