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Abgasskandal : Volkswagens Durchdrehmoment

In vielen Debatten fehlen Besonnenheit und ein klarer Blick. Bild: dpa

Volkswagen zerlegt sich. Die Reaktion: nackte Panik. Ob Krise in China, Schuldentragödie in Griechenland oder Flüchtlingsdebatte - Negativnachrichten verkaufen sich mit Vollgas. Jetzt also die Volkswagenhysterie. Plädoyer für eine Vollbremsung.

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          Anfang der Woche haben die Menschen in den Nachthimmel geblickt und begeistert einen blutroten Mond bestaunt. Irgendwo im Weltall, viel weiter entfernt als der Mond, schwebt ein unscheinbarer Asteroid. Ein deutscher Forscher hat ihn entdeckt und „Sophrosyne“, Besonnenheit, getauft. 142 Jahre sind seitdem vergangen – und irgendwann in diesem Zeitraum muss diese Tugend abhandengekommen sein. Von Besonnenheit ist Deutschland heute Lichtjahre entfernt: Die Auto-Nation ist seit zwei Wochen auf Speed, weil Volkswagen manipuliert hat und betrogen. VW ist nicht einfach irgendein Autokonzern. 600.000 Arbeitsplätze hängen an dem Wolfsburger Unternehmen, das wie kein zweites für deutsche Qualitätsarbeit und Verlässlichkeit steht. Wenn sich so ein Vorzeigekonzern in seine Einzelteile zerlegt, ist das atemberaubend. Aber es ist noch lange kein Grund für die Volkshysterie, die sich entfacht hat: Politiker, Aktienhändler, manche Medien und Volkswirte gießen Öl in das lichterloh brennende Feuer. Der Qualm, der so entsteht, vernebelt das Land mehr als jeder Dieselmotor dieser Welt.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Gerald Braunberger

          Ein ganz unnormaler Tag mitten in der VW-Krise: Volkswagen hat gerade Milliarden an der Börse und seinen Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn verloren. Es drohen Sammelklagen und Strafzahlungen in zweistelliger Milliardenhöhe. Für den Konzern, von dem unzählige Zulieferer und ganze Industrieregionen leben, ist das zwar noch kein Totalschaden – aber jede neue Turbulenz kann VW jetzt weiter aus der Bahn werfen. Wie verhält sich in dieser Extremsituation ein besonnener Verkehrsminister, der den Kunden, aber auch der wirtschaftlichen Stabilität verpflichtet ist? Ganz sicher nicht so wie Alexander Dobrindt am Donnerstag vor Wochenfrist. Der CSU-Politiker posaunte hinaus, dass auch Fahrzeuge in Europa von den Manipulationen bei Abgasmessungen betroffen sein sollen. Welche Modelle gemeint sind? Lässt der Auto-Minister erst einmal offen. Um wie viele Autos es genau geht? „Das wird sich in den nächsten Tagen klären“, sagte Dobrindt und sorgte damit für Aufregung. Erst später wurde er konkreter und erst seit diesem Freitag gibt es ein Recherchetool auf der VW-Homepage, mit dessen Hilfe Kunden ermitteln können, ob ihr Auto betroffen ist. Die Wahrheit muss ans Licht. Aber welchem VW-Kunden ist mit den Worten des vorpreschenden Ministers geholfen?

          Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt

          Gier und Panik an der Börse

          Die zweite Schlagzeile dieses typischen Krisentages setzt die „Auto-Bild“ in die Welt: „BMW X3 deutlich über Grenzwert“, verbreitete die Zeitschrift in der Vorwoche. Volkswagen sei nicht der einzige Autohersteller, dessen Fahrzeuge „auffällige Stickoxid-Werte“ produzieren. Doch wie wird die angebliche „Enthüllung“ überhaupt belegt? Die Rede ist da von „Straßentests eines britischen Testinstituts“, die bestimmte Grenzwerte überschritten hätten. Straßentests? Ging es bei Volkswagen nicht gerade um realitätsferne Testzyklen, die mit dem alltäglichen Fahren auf der Straße kaum etwas zu tun haben? Und hat der bayerische Autohersteller nicht mit einem knallharten Dementi auf den Vorwurf reagiert? Ganz egal. Vermutungen zählen in diesen Minuten mehr als Fakten. Bevor berechtigte Fragen besonnen beantwortet werden, läuft die Schlagzeile auf allen Kanälen und der Kurs der BMW-Aktie rauscht um neun Prozent nach unten. Der Dax verliert innerhalb weniger Stunden mehr als drei Prozent. Die Hysterie ist greifbar, die Auto-Nation dreht durch. Erst später stellt das Blatt klar, es habe BMW nie eine Manipulationsabsicht unterstellt.

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