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Büro in Peking aufgelöst : Yahoos Niedergang in China

Yahoo-Gründer Jerry Yang bei einer Anhörung des amerikanischen Kongresses im November 2007. Bild: AFP

Der amerikanische Konzern zieht seine letzten Geschäfte vom größten Markt der Welt ab. Und beendet damit eine unrühmliches Lehrstück darüber, welchen Schwierigkeiten westlichen Unternehmen in Chinas autoritärem System begegnen.

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          Ginge es nicht um Yahoo, und ginge es nicht um das chinesische Internet, die Nachricht verdiente keine große Aufmerksamkeit: der Internetkonzern aus der Mitte des Silicon Valley in Kalifornien schließt laut einem Bericht des „Wall Street Journal“ seine letzten, verbliebenen Büros in Peking, entlässt demnach bis zu 300 Mitarbeiter und beendet damit das wenig rühmliche Kapitel der Geschäftsaktivitäten im größten Markt für Informationstechnologie der Welt mit mittlerweile 650 Millionen Internetnutzern und einem Branchenumsatz von 350 Milliarden Dollar.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Yahoos Geschäfte laufen nicht gut, der Konzern wird von seinen Aktionären unter Druck gesetzt, kräftig zu sparen. Vorstandschefin Marissa Mayer hat auch in anderen Konzernniederlassungen auf der Welt in den vergangen Monaten Hunderte von Stellen gestrichen. Mehr oder weniger allein wegen des gigantischen Börsengangs des chinesischen Internetkonzerns Alibaba steht Yahoo noch einigermaßen solide dar: weil die Amerikaner sich frühzeitig am Geschäft der Chinesen beteiligt hatten, spülte vergangenen September die Emission über insgesamt 25 Milliarden Dollar allein Yahoo fast 10 Milliarden Dollar in die Kassen.

          Dass Yahoo seine eigenen Geschäfte nun aus China abzieht, ist dennoch gleich aus mehreren Gründen bemerkenswert. Zum einen zeigt der Schritt die Schwierigkeit ausländischer Unternehmen, auf Chinas Internetmarkt Tritt zu fassen – beziehungsweise dort überhaupt nur einen einzigen Yuan zu verdienen. Google ist in China mit praktisch sämtlichen Produkten gesperrt. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, dessen soziales Netzwerk im Reich der Mitte ebenfalls nicht auf üblichem Weg erreichbar ist, hatte nach mehreren offensichtlich erfolglosen Good-Will-Reisen nach Peking jüngst in einem Fernsehinterview entnervt eingestanden, der größte Markt der Welt stehe für Facebook „nicht mehr im Zentrum“.

          Drei Verbeugungen vor dem amerikanischen Kongress

          Die Suchmaschine von Yahoo hingegen ist in China erreichbar, von jedem Computer des Landes aus und völlig legal. Sehr frühzeitig hatte sich der amerikanische Konzern angesichts der verlockenden Geschäftsaussichten dem Willen von Chinas Sicherheitsbehörden gebeugt. Genützt hat es wenig, im Gegenteil: Wie kaum ein anderes westliches Unternehmen steht Yahoo mit seinem Chinageschäft als Sinnbild für einen moralisch fragwürdigen Opportunismus, der langfristig trotzdem nicht unbedingt zum Geschäftserfolg führt.

          Im Jahr 2004 hatte der Journalist Shi Tao aus der zentralchinesischen Provinz Hunan, in der einst Mao geboren wurde, die Zensuranweisungen aus Peking über Nachrichten zum bevorstehenden Jahrestag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens per Email an ein Demokratieforum in Amerika geschickt – über seinen Yahoo-Account. Zwei Tage später forderten Chinas Sicherheitsbehörden den Yahoo-Konzern auf, den Namen, den Inhalt der Email und den Ort, an dem sie versendet wurde, mitzuteilen. Yahoo tat wie befohlen. Wegen des „Verrats von Staatsgeheimnissen“ wurde der Journalist Shi Tao zu zehn Jahren Haft verurteilt.

          Als Menschenrechtsgruppen später begannen, Yahoo wegen seines Kniefalls vor Chinas Staat öffentlich anzugreifen, antwortete Yahoo-Gründer Jerry Yang den Kritikern lakonisch: „Wenn man in China Geschäfte machen will, muss man sich an die Gesetze halten.“ Dass sahen große Teile des amerikanischen Kongresses anders, die zahlreiche Yahoo-Manager vorluden. In einer spektakulären Anhörung, in der auch andere Konzerne wie Google und Netzwerkausrüster Cisco angegriffen wurden und beschuldigt, sie hätten durch die Zusammenarbeit mit Chinas Staat indirekt die Verhaftung und Verschleppung von 81 Regimegegnern zu verantworten, fragt der Abgeordnete Tom Lantos den Yahoo-Vertreter fünf Mal hintereinander, ob sich der Konzern bei der Familie des eingesperrten Journalisten Shi Tao gemeldet habe. Vier Mal versuchte der Yahoo-Anwalt Michael Callahan mit langwierigen Erklärungen zu beteuern, man habe der chinesischen Regierung „unsere Sorgen mitgeteilt“. Nach dem fünften Mal gab er zu: Nein, man habe die Familie nicht kontaktiert. Auch die Mutter des verhafteten Journalisten sagte vor dem Kongresskomitee aus.

          Der republikanische Abgeordnete Christopher Smith fragte den vorgeladenen Yahoo-Gründer Jerry Yang, ob seine Entschuldigung, man müsse sich eben an die Gesetze halten, auch dann korrekt gewesen wäre, wenn vor einem halben Jahrhundert die Gestapo nach dem Versteck von Anne Frank gefragt hätte. Jerry Yang verbeugte sich schließlich drei Mal vor der Mutter des Journalisten Shi Tao und sagte, er wolle sich persönlich bei ihr entschuldigen. Später schloss der Konzern mit der Familie von Shi Tao und einem anderen verhafteten Aktivisten, dessen Email-Daten Yahoo ebenfalls verraten hatte, einen gerichtlichen Vergleich.

          Das Yahoo-Geschäft in China wurde zum Sinnbild der Schwierigkeiten, die westlichen Konzernen in dem autoritären Staat begegnen, und führte sogar zu einer der berühmten Fallstudien der Harvard Business School. Der Journalist Shi Tao wurde im August des Jahres 2013 genau 15 Monate vor dem regulären Ende seiner zehnjährigen Haftstrafe freigelassen. Die Nutzer der Suchmaschine Yahoo in China werden mittlerweile an die Konzernserver in Singapur umgeleitet. Und der Email-Dienst, der dem Konzern im Reich der Mitte so wenig Glück gebracht hat, wird seit zwei Jahren nicht mehr von den Amerikanern, sondern von Alibaba betrieben.

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