Superlative im Schnee (2) : Schweigen ist gut

Diskretion ist eine hohe Kunst, die in unserer schwatzsüchtigen Welt immer mehr verloren geht. Das ist ein großes Unglück. Zum Glück gibt es noch einen Ort, der weiß, wie wertvoll Verschwiegenheit ist: Klosters in Graubünden.
Anna-Ursina weiß alles und sagt nichts, jedenfalls nicht ungefragt. Dabei ist in vierzig Jahren als Privatskilehrerin des europäischen Hochadels und der interkontinentalen Hochfinanz ein ganzes Gebirge an Pikanterien zusammengekommen, Tragisches und Tratschiges aus den Abgründen des Allzumenschlichen, Lächerliches und Leidvolles über Alkohol-, Drogen-, Mager-, Spiel-, Sex- und allerlei andere Süchte. Da könnte man ganze Bücher schreiben. Doch Anna-Ursina erzählt lieber von ihren sieben Enkeln, schwärmt von den Skihängen hoch über Klosters und schüttelt höchstens ganz nebenbei und ganz ohne Hintergedanken eine Anekdote wie jene von der Fürstin und der Kuh aus dem Ärmel: Eines Tages rief eine ihrer Stammkundinnen, eine illustre Repräsentantin der deutschen Spitzenaristokratie mit mindestens siebensilbigem Nachnamen, ihren Mann an, um ihm huldvoll mitzuteilen, dass sie geruht habe, den jüngsten fürstlichen Hund nach dem Gatten der Skilehrerin zu benennen - woraufhin dieser mit einem Humor so trocken wie Bündner Fleisch antwortete, dass sich das ja gut treffe, denn in seinem Stall stehe schon lange ein Rindvieh, das auf den Namen von Ihro Hochwohlgeboren höre.





