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Perspektiven der Stadt (5): Berlin : Entschuldigen Sie bitte, haben Sie zufällig die Mauer gesehen?

  • -Aktualisiert am

Die Mauer. Geschichte als Pop-Art. Bild: dapd

Fünfzig Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer erinnert kaum noch etwas an die Zeit der Teilung. Vor allem für ausländische Besucher ist es schwer, sich das damalige Grauen vorzustellen - mit Touristen auf Spurensuche durch eine Stadt, die sich gegen die Vergangenheit sträubt.

          Wo soll man am besten anfangen, wenn man mit ausländischen Gästen Berlin erkunden möchte? Beim Ku'damm, KaDeWe, Funkturm, Alex? Oder bei der Mauer? Ja, die Mauer ist immer gut. Die kennt schließlich jeder. Sie steht für diese zerrissene Stadt, für Trennung und Wiederfinden. Sie ist mehr als nur eine Landmarke; sie ist einzigartig in der Welt. Ein Symbol. Ohne die Mauer gäbe es nicht den Mythos Berlin. Deswegen kommen die meisten Gäste in die Stadt. Zu den Narben, die sie in ihrem Gesicht hinterließ, werden wir dann in diesen winzigen Autos fahren, die aussehen wie zu groß geratenes Spielzeug. "Wie heißen die noch mal?", fragt Cressida. "Sie heißen Trabi."

          Das Wort ist schwer auszusprechen für eine Engländerin. "Trräbie", sagt sie, mit rollendem R und langem I. Antifaschistischer Schutzwall meets Rennpappen aus Zwickau - beide überrollt von der Woge des Wandels. Das passt zusammen.

          Ironie der Geschichte: Heute wird der Schutzwall vor Souvenirjägern geschützt.

          Ausländische Touristen an breiiger Krückstockschaltung

          Wir stehen am Ballongarten in Mitte und üben die schwierige Artikulation: ein Berliner, der schon lange weg ist aus der Stadt, in die hinein er vor dem Mauerbau geboren wurde, seine englische Ehefrau und deren beide Verwandten. Dazu weitere Urlauber aus Großbritannien, Australien, Schweden. "The Wall Ride" nennt das Unternehmen Trabi-Safari, ein Ostalgiker unter den Sightseeing-Veranstaltern der Hauptstadt, die Rundfahrt, die hier täglich startet. Nach Jahren, in denen jeder Wessi einmal am Steuer einer Ossi-Karre sitzen wollte, legen mittlerweile auch ausländische Touristen gerne die Hand an die breiige Krückstockschaltung, mit der man im Getriebe nach den Gängen stochert. Selbst am Steuer eines Trabant durch Berlin zu fahren ist das letzte verbliebene Türchen, durch das man schlüpfen kann, um noch einmal DDR-Alltag zu spüren.

          Berlin provoziert Wahrnehmungs-Chaos. Wer mit zehn Leuten über die Stadt spricht, hört zehn verschiedene Perspektiven. Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung erkennen die alten Berliner ihr Berlin von früher nicht mehr. Mittlere Jahrgänge West liebten das Flair der geteilten Stadt, mittlere Jahrgänge Ost ihren heimeligen Kiez. Je nach Richtung blickten sie mit Abscheu oder Sehnsucht auf die Mauer - stets aber mit Fassungslosigkeit darüber, was auf der anderen Seite geschah. Es war eine Sektorensicht, die im Laufe der Jahre zur Gewohnheit wurde und sich mit dem Fall der Mauer in Luft auflöste. Die Jugend wiederum kann mit alldem nichts anfangen. Sie kennt nur das Nachwende-Berlin. Und das ist grell, rasant, innovativ, unstet, laut. Die Koordinaten sind seltsam verschoben. Begreifbar wird die neue alte Hauptstadt nur aus dem Blickwinkel der jeweiligen Generation. Man liebt oder hasst sie, gleichgültig aber ist sie niemandem. Doch wie blicken ausländische Besucher auf die Geschichte der Teilung und auf deren Zeugnisse?

          Das Mäusekino im Armaturenbrett

          "Die Autos sind wie die von Matchbox in meiner Kindheit", sagt Jeff, der Feuerwehrmann aus Gloucestershire, und betrachtet fasziniert die vor uns zur Mauer-Safari aufgereihten Trabis: "Es gibt drei Farben; man kann die Türen aufmachen und innen die Sitze bewegen; das andere sieht aus, als sei es nur Dekoration, als funktioniere es gar nicht." Chassis, Fensterkurbel, zwei Drehknöpfe, Blinkhuphebel, alles aus Kunststoff - that's it. Keine Lenkhilfe, kein Bremskraftverstärker. Cressida und ihre Schwester Franzi nehmen auf der Rückbank Platz, legen kichernd die Beine übereinander. Es ist unglaublich eng, der Boden feucht. Es regnet in Strömen an diesem Tag, Berlin zeigt sich von seiner grauen Seite. Den Schwamm gegen beschlagende Scheiben brauchte man auch im VW Käfer, denkt der Berliner. Die Kraftstoffmomentanverbrauchsanzeige des Trabis mit ihren flackernden Leuchtdioden war hingegen eine unverwechselbare DDR-Miniatur. Die SED-Rhetoriker hätten sich keinen phantastischeren Namen für das sinnlose Instrument ausdenken können. Alle anderen nannten es nur "Mäusekino". Wir klemmen uns hinter das Lenkrad, konzentriert auf die Bändigung der Technik. Dann überantwortet sich die Trabi-Kolonne dem Berliner Verkehr. Er rauscht im D-Zug-Tempo an den Trabis vorbei.

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