Vizeadmiral Abry :
„Wir müssen uns verändern, sehr schnell verändern“

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Tobias Abry, Vizeadmiral der Deutschen Marine und seit dem 30. September 2026 der 18. Inspekteur der Marine, im Bundesministerium für Verteidigung am 22. Oktober 2026
Tobias Abry, Vizeadmiral der Deutschen Marine und seit dem 30. September 2026 der 18. Inspekteur der Marine, im Bundesministerium für Verteidigung am 22. Oktober 2026Jens Gyarmaty

Tobias Abry übernimmt die Führung der Marine in schwierigen Zeiten. Im F.A.Z.-Gespräch fordert er schnelle Veränderungen von der Flotte. Priorität habe die Bündnisverteidigung.

Herr Vizeadmiral Abry, Sie sind nun Inspekteur der Marine und damit der Admiral für 16.000 Seeleute, Logistiker und Unterstützer in den Ämtern. Sie selbst stammen aus Helmstedt im früheren Zonenrandgebiet. Wie kommt man denn beruflich von da nach dort?

Also zunächst einmal ist meine Heimatstadt Helmstedt eine ehemalige Hansestadt. Die tatsächliche Verbindung war, dass ich von Jugend her eine Begeisterung für die See, die grauen Schiffe und die Menschen dort hatte. Diese Begeisterung hat bis heute nicht nachgelassen. Und ich bin ein Kind der innerdeutschen Grenze. Im Kalten Krieg habe ich ein Gefühl dafür entwickelt, welche Bedeutung Freiheit und Demokratie haben. Aus diesen beiden Elementen ist mein Berufswunsch entstanden und die Überzeugung, für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung auch kämpfen zu wollen und sie zu verteidigen. Das ist unverändert ein wesentliches Grundmotiv meines soldatischen Selbstverständnisses.

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Die Marine ist im Umbruch, Ihr Vorgänger Jan Kaack hat den Kurs abgesteckt: Aus der Friedensmarine soll eine Flotte geformt werden, die sich im Seegefecht gegen einen Aggressor Russland durchsetzen kann. Wie wollen Sie das leisten?

Der Ansatz, den mein Vorgänger Admiral Kaack gewählt hat, seine Marineplanung und seine Absicht, wie wir uns entfalten müssen, ist richtig, und ich werde ihn konsequent fortsetzen. Und dann werde ich einen starken Blick darauf haben müssen, wie wir im NATO-Rahmen unseren maritimen Beitrag sicherstellen. Das hat viel mit Einsatzbereitschaft zu tun, viel mit materieller und personeller Verfügbarkeit. Die Umsetzung dieser operativen Anforderungen ist mir enorm wichtig, und ein klarer Schwerpunkt wird dabei die Ausbildung sein.

Die Marine ist jederzeit auf Tuchfühlung mit Russland, seinen mutmaßlichen Spionageschiffen, seiner Ostseeflotte, und auch im hohen Norden. Welche Botschaft an die Russische Föderation verbindet sich mit Ihrem Amtsantritt?

Die Botschaft lautet, dass unsere Marine ihren Beitrag zu Abschreckung und Verteidigung leisten wird. In einem Gesamtkonzept der Bundeswehr, im Bündnis. Wir werden unseren Beitrag im Nordatlantik leisten, in der Ostsee. So wie es der NATO-Oberbefehlshaber beschrieben hat: Deterrance by denial, also Abschreckung, indem wir einem Gegner glaubhaft demonstrieren, dass er seine militärischen oder politischen Ziele nicht erreichen kann. Dafür stehe ich auch als Mensch und als Person.

In Ihrer Antrittsrede haben Sie gesagt, es gebe unter Ihrem Kommando „die Pflicht zu Mut und Optimismus“ – was ist damit für den Alltag gemeint?

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, in einer Zeit erheblicher, ja existenzieller russischer Bedrohung. Das spürten auch die Menschen in der Marine. Wir müssen uns verändern, sehr schnell verändern. Und wir alle, aber auch die Marine, müssen bereit sein, in das Ungewisse zu operieren, weil wir nicht vorhersagen können, wie sich die nächsten Tage und Monate entwickeln. Mir kommt es darauf an, dass wir diese Lage annehmen. Und dazu gehört der Mut – bei allen Risiken, bei aller Bedrohung –, diese Situation gestalten zu wollen, und der Optimismus, dass es uns gelingen wird, wie es den Generationen vor uns gelungen ist.

Bei Land- und Luftstreitkräften materialisieren sich die Milliarden aus dem Haushalt allmählich in Flugzeugen, Panzern und Drohnen. Bei der Marine geht es nur langsam voran. Wie kann man aus der Unzufriedenheit darüber mehr Schiffe und Boote generieren?

Ich weiß nicht, ob die Aussage richtig ist, dass es langsam vorangeht: Gerade haben wir im Parlament das Fregattenprojekt F128, also die Meko-Fregatten, auf den Weg gebracht, das unsere Fähigkeit zur U-Boot-Jagd im Nordatlantik erheblich verbessern wird. Kriegsschiffbau ist fordernd, aber ich sehe die Veränderungen, auch beim Material. Das Tempo ist enorm hoch, wenn ich das mit meiner Zeit als Schiffskommandant vergleiche. Dieses Tempo müssen wir halten. Wir können aber auch nicht in Abrede stellen, dass wir vielleicht vor einem Jahrzehnt nicht die Schritte vollzogen haben, die heute viel zur Einsatzbereitschaft beitragen würden.

Die ausgewogene Flotte, die wir jetzt aufgesetzt haben, die ist richtig. Ich glaube, im Rückblick war es gut, dass wir die Breite der Marine behalten haben – also die operativen Fähigkeiten, sowohl im Nordatlantik zu wirken als auch weiterhin in internationalen Missionen weitab. Das hat Admiral Kaack ja sehr gut in einem F.A.Z.-Beitrag beschrieben. Jetzt müssen wir zusätzlich wieder Tiefe erlangen: Wir brauchen mehr Logistik hinter jedem System, Ersatzteile, Munition und auch Personal. Und eine größere Anzahl von Schiffen und Booten, um durchhaltefähiger zu sein, das ist so. Aber der Grundgedanke, sowohl im Vorfeld des Küstenbereichs operieren zu können, als auch im Nordatlantik oder in anderen geostrategischen Räumen – der Straße von Hormus etwa – wirken zu können, der war richtig und bewährt sich heute. Und hinzu kommt eine Geschwindigkeit von Technologiesprüngen, die man vor sechs oder auch vier Jahren noch überhaupt nicht für möglich gehalten hat.

Tobias Abry in seinem Büro in Berlin
Tobias Abry in seinem Büro in BerlinJens Gyarmaty
Zuletzt hat ein gescheitertes Fregattenprojekt Schlagzeilen statt Kampfkraft produziert. Woher nehmen Sie da Anlass für Optimismus, dass es rechtzeitig Kampfschiffe gibt, mit denen Sie kämpfen können?

Ich ziehe meinen Optimismus daraus, dass ich davon überzeugt bin, dass alle, Politik, Werftindustrie, Beschaffungsamt und wir hier in der Marine, um ihre Verantwortung für die Verteidigungsbereitschaft unserer Marine wissen. Und ich nehme den Optimismus daraus, dass sich gerade auch in der Rüstungsindustrie erhebliche Veränderungen ergeben und wir beispielsweise die weltweit anerkannte Leistungsfähigkeit bei der U-Boot-Fertigung auch auf den Bau von Überwassereinheiten übertragen können. Diesen Weg müssen wir jetzt gemeinsam gehen.

Nachwuchssorgen belasten die Planung ebenfalls, und der Kampfraum See wird bald ähnlich gläsern sein wie die Schlachtfelder in der Ostukraine – wäre es nicht der Augenblick, die Marine auf unbemannte, autonome Kriegsführung auszurichten, statt Milliardenfregatten anzuschaffen?

Nach meiner Überzeugung ist das operative Spektrum größer. Richtig ist, dass wir im Bereich der Ostsee stärker auf unbemannte Einheiten setzen müssen. Der Nordatlantik ist aber ein ganz anderes Seegebiet mit ganz anderen Herausforderungen. Dort werden wir weiter auf Fregatten, Seefernaufklärer, Hubschrauber setzen. Wir müssen beides können und natürlich stärker unbemannt operieren. Die Personalfrage bleibt eine Herausforderung. Meine anfangs erwähnte Begeisterung für Seefahrt und graue Schiffe teilen eben nicht alle in der Republik. Die Nachwuchsgewinnungszahlen sind positiv. Wir haben das fast schon nicht mehr erwartet, dass junge Menschen zu uns kommen und sagen: Wir wollen etwas für unser Land tun. Daraus schöpfe ich Optimismus, aber wir müssen natürlich auch unsere Organisation und Ausbildungen immer wieder prüfen.

Man kann die technische Entwicklung teilweise in der Ukraine ablesen, aber was sehen Sie technologisch auf russischer Seite in Nord- und Ostsee und im hohen Norden?

Ich sehe auch hier auf der Gegenseite die Bereitschaft zur Nutzung unbemannter Systeme in Kombination mit klassischen Seekriegsmitteln. Die Frage wird sein, wie sich Erfahrungen der russischen Seestreitkräfte aus dem Schwarzen Meer auf die Ostsee übertragen lassen. Präsenz und robustes Vorgehen unterstreichen jedenfalls den maritimen Anteil an der russischen Bedrohung, die uns fordert.

Russland baut das Kaliningrader Gebiet seit Längerem zu einem militärisch hochgerüsteten Vorposten aus, investiert auch massiv in die elektronische Kampfführung. Wie sehr schränkt das die Bewegungsspielräume der NATO und ihrer Verbündeten dort ein?

Die elektronische Kampfführung ist Teil der Kriegsführung. Wir sehen diese Bedrohung und stellen uns ein. Die Frage ist, wie das zur Wirkung kommt. Das kann, das darf ich hier an der Stelle nicht bewerten.

Umgekehrt nimmt Russland sehr wahr, wie die NATO übt, das Kaliningrader Gebiet im Falle einer Auseinandersetzung abzuschnüren. Zuletzt wurden dagegen aus Moskau sogar empörte Drohbriefe verschickt. Wie sollten NATO und Marine darauf reagieren?

Mit den NATO-Plänen haben wir klare Vorstellungen davon, wie wir das Bündnis verteidigen. Übungen sind ein wesentlicher Teil der Abschreckung und demonstrieren unsere Fähigkeiten sehr berechenbar für die andere Seite. An dieser Form der Abschreckung müssen wir kontinuierlich festhalten und dafür auch Ressourcen bereithalten.

Recht ungeniert bewegt sich zudem die russische Schattenflotte an Deutschlands Küsten entlang. Andere Nationen stoppen solche sanktionierten Schiffe, Deutschland kaum. Ist es auch aus Sicht der Marine vielleicht ganz bequem, das nach Bundesrecht nicht zu dürfen?

Ich glaube, die rechtlichen Grundlagen sind klar geregelt, für die Streitkräfte und die Marine ebenso wie die Bundespolizei See. Rollen und Aufgaben ergeben sich daraus und sind aus meiner Sicht richtig verteilt. Für die Marine kommt es darauf an, den Kernauftrag Verteidigung zu erfüllen und unsere Kräftebeiträge für das Bündnis in Ostsee und Nordatlantik zu leisten. Unser Auftrag ist da sehr klar. Darüber hinaus gibt es eine sehr gute Zusammenarbeit mit der Bundespolizei, etwa beim Lagebild.

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