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Mord an Abgeordneter : Halbmast

Der Union Jack vor Big Ben weht auf Halbmast. Bild: dpa

Der Mord an Jo Cox hat die britische Öffentlichkeit erschüttert. Sie ist bestürzt über die tiefe Spaltung der Gesellschaft. Eine Mäßigung des Diskurses ist dringend nötig. Ein Kommentar

          Jo Cox, eine Labour-Abgeordnete aus Nordengland, ist Opfer eines perfiden Angriffs geworden. Auf sie wurde geschossen und eingestochen von einem Mann, über dessen Motive am Tag danach keine Klarheit herrschte. Er soll psychisch krank sein und mit amerikanischen Neonazis in Verbindung gestanden haben. Er soll „Britain first“ gerufen haben, was als Indiz dafür genommen wird, dass er die Abgeordnete aus Zorn über ihre Gegnerschaft zum EU-Austritt Großbritanniens angegriffen habe. Das Land steht unter Schock. Es herrschen Entsetzen und Fassungslosigkeit, so wie in Amerika nach dem Massenmord in Orlando, begangen aus einer Art islamistischer Homophobie.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Vielleicht sind die Briten auch deshalb so entsetzt, weil sie die Tat tatsächlich in Zusammenhang mit dem Streit über die europäische Zukunft Britanniens bringen. Denn der wird mit großer Aggressivität ausgetragen. Es werden nicht nur Argumente ausgetauscht, sondern Hasstiraden hin und her geschleudert. Immerhin waren die Protagonisten so pietätvoll, zumindest für zwei Tage den Wahlkampf zu unterbrechen. Aus den Worten, die der Premierminister für die Abgeordnete fand, spricht Bestürzung über Parteigrenzen hinweg. Es ist die Bestürzung darüber, dass das Klima von großer Feindseligkeit kontaminiert ist, dass die Spaltung der Bevölkerung in Schlüsselfragen immer tiefer geht. Unversöhnlich stehen sich die Lager gegenüber. Ja, eine Demokratie muss einen heftigen Disput aushalten. Aber wenn Unversöhnlichkeit Hass gebiert, wenn Hass Gewalt(phantasien) produziert, dann wird es ernst, und die Fundamente, auf denen das politische Gemeinwesen steht, werden brüchig.

          Im vergangenen Oktober wurde in Köln auf Henriette Reker eingestochen – das Tatmotiv war Strafe und Rache. 2011 wurde die amerikanische Politikerin Gabrielle Griffords bei einem Anschlag lebensgefährlich verletzt. Im September 2003 fiel die schwedische Außenministerin Anna Lindh einem Attentat zum Opfer. Und jetzt wurde Jo Cox, 41 Jahre alt und Mutter zweier Kinder, getötet. Die Fälle sind verschieden, doch in einigen Punkten ähneln sie sich: Die Opfer waren Frauen, und die Taten wurden begangen in einem Klima großer politischer Erregung und Radikalität. Die zum Teil psychisch derangierten Täter empfanden sich als Vollstrecker eines höheren Willens. Hoffentlich findet Britannien bald zu einem Diskurs der Mäßigung zurück.

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