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Deutsches Seenotrettungsschiff : „Alan Kurdi“ legt in Tarent an

In Tarent seien die Menschen einzeln registriert und medizinisch versorgt worden, berichtet die Crew. Bild: EPA

Acht Tage nach der Rettung von mehr als 80 Migranten durfte die „Alan Kurdi“ in den Hafen von Tarent einlaufen. Die Organisation will sich nun erst einmal um die Crew kümmern – die war bei der Aufnahme der Migranten bedroht worden.

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          Zum Abschied lagen sich Retter und Gerettete in den Armen. Das Rettungsschiff „Alan Kurdi“ hat am Sonntagvormittag im Hafen von Tarent angelegt – acht Tage, nachdem es mehr als 80 Migranten an Bord genommen hat. Die italienischen Behörden hatten dem von der Regensburger Organisation „Sea-Eye“ betriebenen Rettungsschiff die süditalienische Stadt am Freitag als sicheren Hafen zugewiesen. Es war das erste Mal, dass die „Alan Kurdi“ Gerettete selbst in einen Hafen brachte. Bislang waren diese immer auf See von den Behörden abgeholt worden. Deutschland werde sich bei der Aufnahme der Geretteten beteiligen, erklärte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am Sonntag auf F.A.Z.-Anfrage. Eine konkrete Zahl konnte er aber noch nicht nennen.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Im September hatten einige EU-Staaten eine Übergangslösung zur Verteilung von aus Seenot geretteten Migranten vereinbart. Mit ihr sollte verhindert werden, dass Rettungsschiffe tagelang auf hoher See ausharren müssen. Trotzdem wartete die „Alan Kurdi“ sechs, die „Ocean Viking“ zuletzt sogar zwölf Tage darauf, dass ihr ein Hafen zugewiesen wurde. „Sea-Eye“-Sprecher Gorden Isler sagte zur F.A.Z.: „Wir sind erleichtert, dass Crew und Gerettete in Sicherheit sind.“ Die Situation an Bord sei zuletzt angespannt gewesen, Vorräte seien zur Neige gegangen. „Jetzt müssen wir uns erst mal um unsere Crew kümmern“, sagte Isler. Ein Kriseninterventionsteam sei unterwegs nach Tarent.

          Die „Alan Kurdi“ hatte die Migranten bereits am Samstag vor einer Woche von einem Schlauchboot gerettet. Dabei waren die Retter von Schnellbooten, die unter libyscher Flagge fuhren, bedroht worden. Bilder und Videomaterial der Crew zeigen, wie ein Mann auf einem der Boote mit einem fest montierten Maschinengewehr auf die Migranten zielt. Einige Menschen sprangen daraufhin ins Wasser. Nach Angaben der Crew wurden auch Schüsse ins Wasser und in die Luft abgegeben. Die „Alan Kurdi“ befand sich dabei laut der Organisation 15 Meilen von der libyschen Küste entfernt in internationalen Gewässern. Erst nach etwa zwei Stunden habe die libysche Miliz zugelassen, dass die Crew die Rettungsaktion abschließt.

          Am vergangenen Dienstag hieß es im Anschluss an das G-6-Innenministertreffen in München, sowohl für die „Ocean Viking“ als auch für die „Alan Kurdi“ gebe es eine Lösung. Doch zunächst wurde nur der von den Vereinen „SOS Méditeranée“ und „Ärzte ohne Grenzen“ betriebenen „Ocean Viking“, die 104 Menschen an Bord hatte, der Hafen von Pozzallo auf Sizilien zugewiesen. Die „Alan Kurdi“ harrte weiter zwischen Sizilien und Malta aus. Zwischenzeitlich mussten die italienischen Behörden insgesamt drei Personen als medizinische Notfälle von Bord holen und an Land bringen. Am Freitagnachmittag fuhr die „Alan Kurdi“ dann bereits in italienische Hoheitsgewässer vor der Insel Sizilien ein. Die Organisation erklärte, nahe der Küste Schutz vor schlechtem Wetter zu suchen. Wenige Stunden später erlaubten ihr die Behörden die Einfahrt in den Hafen von Tarent.

          „Asso Trenta“ darf deutlich schneller einlaufen

          Deutlich schneller verlief unterdessen die Zuweisung eines sicheren Hafens für das italienische Versorgerschiff „Asso Trenta“. Die Crew hatte in der Nacht zum Samstag mehr als 150 Menschen in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste gerettet. Kurz darauf wiesen die italienischen Behörden der „Asso Trenta“ den sizilianischen Hafen Pozzallo zu. Die „Asso Trenta“ lief dort am Sonntagvormittag ein. Ob die von ihr geretteten Migranten ebenfalls auf andere EU-Staaten weiterverteilt werden, war zunächst nicht bekannt. Die „Asso Trenta“ und ihre Schwesterschiffe, die im libyschen Meer Ölplattformen versorgen, hatten in der Vergangenheit bereits mehrmals Migranten aus Seenot gerettet und nach Italien gebracht.

          Zu Diskussionen führte derweil eine Wortmeldung des Berliner CDU-Landesvorsitzenden Kai Wegner, der auch Präsident der Berliner Sektion der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft ist. In einem Beitrag auf dem Karrierenetzwerk Xing bezeichnete Wegner die privaten Seenotretter als „Schlepperhelfer“ und „Taxidienste“. Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert warf Wegner daraufhin vor, AfD-Vokabular zu benutzen. Benedikt Lux, der für die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin sitzt, forderte Wegner zum Rücktritt auf. Auch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte kürzlich gesagt, man müsse „einen Punkt machen“, wenn die Seenotrettung sich zum „Taxidienst“ entwickle. Dieser Moment sei aber noch nicht erreicht.

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