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Hells Angels : Hannovers treue Kutten

„Free Frank“: Hannoveraner Rocker trafen sich am Freitag zum Fototermin vor dem Neuen Rathaus. Bild: IWN

Die Hells Angels sind in Niedersachsen aktiv wie eh und je. Dürfen sie nun auf die Rückkehr ihres alten Chefs Frank Hanebuth hoffen, der gerade aus spanischer Untersuchungshaft entlassen wurde?

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          Offiziell gibt es das Hannoveraner Charter der „Hells Angels“ schon länger nicht mehr. Der Rockerverein mit seinem Präsidenten Frank Hanebuth hat sich am 27. Juni 2012 selbst aufgelöst. Am Freitagnachmittag zeigten etwa 40 Rocker in Hannover, welchen Stellenwert sie Formalitäten wie einem Vereinsregister zumessen. Die Männer streiften ihre Kutten über, setzten sich auf ihre schweren Motorräder und nahmen Kurs auf die prachtvollste Kulisse, die die niedersächsische Landeshauptstadt zu bieten hat. Vor dem Neuen Rathaus, einem wilhelminischen Kuppelbau gewaltigen Ausmaßes, bauten sich die Rocker auf den Treppenstufen wie zu einem Mannschaftsfoto auf.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Es war eine demonstrative Bekundung, dass mit den Hells Angels in Hannover zu rechnen ist - immer noch und jetzt erst recht. Wenige Stunden zuvor hatte der Oberste Spanische Gerichtshof entschieden, dass Hanebuth nach zweijähriger Untersuchungshaft gegen eine Kaution von 60.000 Euro auf freien Fuß gesetzt wird. Die Freude darüber brachten die Rocker durch „Free Frank“-Hemden zum Ausdruck, die ursprünglich nur als Ausdruck eines Wunsches gedacht waren.

          Die Stadt Hannover reagiert gelassen auf den Auftritt. Solange sich die Hells Angels an Recht und Gesetz hielten, könnten sie sich „wie jeder andere vor dem Rathaus fotografieren lassen“, teilt die Stadt mit. Genau genommen ist den Hells Angels aber nicht einmal das gelungen: Weil sie für die Aktion mit ihren Motorrädern über den Bürgersteig fuhren, wurden den Rockern am Freitag von der Polizei Strafzettel überreicht. Weniger gelassen als von der Stadt wird der Auftritt von Lokalpolitikern gesehen. Grünen-Stadtrat Michael Dette zeigt sich empört darüber, dass die Rocker „als Gruppe immer noch so martialisch auftreten“ und CDU-Stadtrat Jens Seidel fordert die Polizei in Hannover zu entschlossenerem Vorgehen auf.

          Bundesgerichtshof: pauschale „Kuttenverbot“ rechtswidrig

          Der Hintergrund der Aktion vor dem Rathaus ist nicht vollends geklärt. Zwar könnte der zeitliche Zusammenhang mit der Freilassung Hanebuths enger kaum sein, das Landeskriminalamt Niedersachsen hält das jedoch für „offensichtlich zufällig“. Es habe sich vielmehr um eine Fotoaktion für das Szene-Magazin „Bikers News“ gehandelt, antwortete das LKA auf Anfrage der F.A.Z. Die Rocker hätten auf ein aus ihrer Sicht erfreuliches Urteil des Bundesgerichtshof reagiert. Anfang diesen Monats hatte der BGH das pauschale „Kuttenverbot“ als rechtswidrig beurteilt. Solche Verbote könnten sich nur spezifisch auf einzelne Charter beziehen, nicht jedoch auf die Bewegung insgesamt.

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          Die Kuttenverbote, mit denen die deutschen Behörden die Hells Angels seit einigen Jahren überzogen, waren Teil einer Repressionsstrategie gewesen. Der Staat verhängte in mehreren Fällen Verbote gegen Rockerclubs und unterband die öffentliche Inszenierungen der Szene. Noch kurz vor dem BGH-Urteil hat das niedersächsische Innenministerium in seiner Antwort auf eine Kleine Anfrage ein positives Resümee gezogen: Die Verbote seien ein Erfolg, „da das erklärte Ziel, die Außendarstellung krimineller Rockervereinigungen in der Öffentlichkeit erheblich zu reduzieren, im Wesentlichen erreicht wurde“.

          Aus dem Text geht jedoch auch hervor, dass die Behörden von Rockern wie den Hells Angels nach wie vor praktisch das gesamte Spektrum der Organisierten Kriminalität abgedeckt sehen. Aufgezählt werden „Bereiche des Rauschgift- und Waffenhandels sowie des Rotlichtmilieus und alle weiteren straftatrelevanten Handlungen“. Rechnete die Polizei der niedersächsischen Rockerszene im Jahr 2006 in Niedersachsen noch 540 Personen in 29 Clubs zu, wurden 2014 insgesamt 820 Personen und 72 Clubs gezählt. Die Hells Angels verfügen demnach inklusive ihrer Unterstützergruppierungen über 440 Rocker.

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