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Kristin Asbjørnsens zweites Gospelalbum : Einmal über den Jordan und dann links

In berückender Balance von Traumverlorenheit und Selbstbewusstsein: das zweite Gospelalbum der norwegischen Sängerin Kristin Asbjørnsen Bild: Emarcy Records / Universal Music Norway

Vor Jahren erbte sie ein Songbook, aus dem die norwegische Sängerin Kristin Asbjørnsen jetzt ein zweites Album geschöpft hat. Ihre Versionen der alten Spirituals klingen so ewig und heutig.

          Auf die Frage, warum gerade aus dem norwegischen Jazz in jüngerer Zeit so starke, eigenständige Impulse ausgegangen sind, hat der Pianist und Produzent Bugge Wesseltoft, einer der Protagonisten der Szene, einmal geantwortet, bis zu ihnen nach Norwegen hätte es eben keiner der stilprägenden Stars aus Amerika geschafft. Anders als nach Stockholm oder Kopenhagen, wo Musiker wie Dexter Gordon längere Zeit gelebt und die dortige Szene beeinflusst hätten. Eine ist doch gekommen: Die afrikanisch-amerikanische Sängerin Ruth Reese ist schon 1960 nach Norwegen ausgewandert, und kurz bevor sie 1990 unerwartet starb, lernte die blutjunge Kristin Asbjørnsen sie kennen. Kaum zwei Monate hatten die alte Sängerin aus Chicago und der Teenager aus Lillehammer noch miteinander, und doch kann man die Inspiration nicht hoch genug schätzen, die Asbjørnsen aus dieser Begegnung gewonnen hat.

          Die junge Norwegerin, die gerade die Lust an der eigenen Art zu singen und zu improvisieren verlor, kam durch Reese mit einer ursprünglichen Art, Gospel und Spirituals zu singen, in Kontakt und erbte von ihr schließlich eine Sammlung von Blättern mit kaum bekannten Songs, die sie im Lauf der Zeit zu ganz eigenem Leben erweckte. Im Laufe einiger Zeit: Erst 2006, nach immerhin sechzehn Jahren, erschien mit „Wayfaring Stranger“ das erste Soloalbum Asbjørnsens, eine Auswahl aus dem Songbook der Lehrerin, bei aller Verehrung für die Wurzeln dieser Musik ungewöhnlich, eigenwillig arrangiert und musiziert. Jetzt folgt, abermals sieben Jahre später, mit „I’ll Meet You in the Morning“ ein zweites Album dieser Art.

          Immer wieder in der Gegenwart

          Wer bei Spirituals an den strahlenden, kraftvollen Gesang sich selig in den Hüften wiegender Menschen in bunten Gewändern denkt, der wird mit der Musik Asbjørnsens eine Überraschung erleben. Staubig klingt sie und schlicht, eher ein Trost für sich selbst als ein Gottesdienst. Auf dem Klavier, zu dem sie „Take My Mother Home“ singt, ist offenbar sehr lange nicht mehr gespielt worden. Auch das zweite Stück hat Asbjørnsen in das Gewand heutiger Singer-Songwriter-Kunst gehüllt und in eine berückende Balance von Traumverlorenheit und Selbstbewusstsein gebracht.

          In „I Made My Vow to the Lord“ setzt sie dann den typischen mehrstimmigen Spiritual-Gesang, der das Lied eröffnet und immer wieder auf die Zeilen der Vorsängerin antwortet, auf einen tänzelnd-synkopischen Untergrund mit feinem polyrhythmischen Gewebe und holt ihn mit schwebenden, im Pop-Stil aufpolierten Zwischenmelodien immer wieder in die Gegenwart zurück. Songs wie das schlichte, wenige Zeilen lange „Balm in Gilead“ bekommen auf diese Weise ein Unterfutter, auf dem sie ihre Schönheit entfalten können, statt in ihrer Schlichtheit einfältig zu wirken.

          Die innere Stimme

          Es finden sich Spuren von Folkmusik und Country in den Arrangements dieser Spirituals, sphärische und westafrikanische Klänge - nicht nur, wenn der Gitarrist Olav Torget die urtümliche Konting-Laute spielt. Dass nicht nur die Sängerin, sondern alle Musiker sowohl mit verschiedenen Spielarten des Jazz vertraut sind wie auch mit dem aktuellen Popgeschehen versteht sich fast von selbst. Und doch ist die große Entdeckung dieses Albums die Wechselwirkung der Spirituals mit der heutigen Musik: Sie wirken deshalb so stark in Kristin Asbjørnsens Arrangements, weil ihrerseits die musikalische Formen- und Farbensprache, aus der sich die Sängerin bedient, ohne die Spirituals nicht denkbar wäre.

          Sie sei froh, die Songs zuerst gelesen zu haben, sagte die heute 42 Jahre alte Musikerin einmal in einem Interview. Es wird leichter gewesen sein, der inneren Stimme zu folgen, wenn man noch keine äußere gehört hat. Mit ihrer zarten, klaren, in einzelnen Wörtern unvermittelt rauhen Stimme gibt sie ihnen eine ungewohnte, doch sofort vertraute Gestalt.

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