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Katalogserie abgeschlossen : Geheimnisträger

Der jüngste Prachtband „Unterwegs zur Renaissance“ aus dem Antiquariat Bibermühle wartet mit famosen Überraschungen auf.

          5 Min.

          Die Dame muss Feinde gehabt haben, mächtige Feinde vermutlich, die zudem wenig zimperlich gewesen sein dürften. Wer solche Feinde hat, lebt in Sorge, und wer sich sorgt, der sucht Trost und Zuflucht.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Beides bot in diesem Fall ein Buch, ein Stundenbuch, das Gebetstexte versammelt. Aber es ist ein außergewöhnliches Exemplar, das Heribert Tenschert, der Herr des Antiquariats Bibermühle im schweizerischen Ramsen, hier vorstellt: ein durch und durch rätselhaftes Werk, geschaffen von einem unbekannten Meister, von dessen Hand wir kein zweites Kunstwerk kennen. Entstanden ist dieses Stundenbuch einer vornehmen Dame wohl um das Jahr 1500 in Rom oder Ferrara, der Schriftdekor orientiert sich an der Ferrareser Schule, und die Bildgestaltung nimmt auffälligen Bezug auf ältere Arbeiten.

          Ein Vorname lässt aufhorchen

          Was diese Handschrift jedoch so außergewöhnlich macht, ist die ungewöhnliche Individualisierung der Gebete: Acht Mal wird ein Frauenname erwähnt, der im Italien der Renaissance höchst ungebräuchlich war und daher Rückschlüsse auf die erste Besitzerin nahelegt. Rückschlüsse, die von den Gebetstexten und ihrer Abfolge gestützt werden; denn die Texte dieses Stundenbuches sind nicht wie sonst üblich auf das Seelenheil im Jenseits gerichtet, sondern beziehen sich explizit auf weltliche Gefahren: So sollen sie nicht nur bei Versuchungen durch den Teufel helfen, sondern Schutz auch bei Geschäften, Reisen, Krankheit und Verfolgung durch Feinde herbeirufen. Vor allem der weibliche Vorname in Verbindung mit der Angst vor Verleumdung ist es, der aufhorchen lässt. Denn es ist eine Lucrezia, die den „bösen Leumund“ fürchtet.

          Auch bei größter Zurückhaltung, wie sie der Kunsthistoriker Eberhard König hier wie gewohnt walten lässt, drängt sich die Vermutung auf, es könne sich bei der überaus reich illustrierten Handschrift um das Stundenbuch der Lucrezia Borgia handeln. Die Tochter Papst Alexanders VI. wurde von ihrem Vater drei Mal zu politischen Zwecken verheiratet, sie galt als Giftmischerin und Ehebrecherin.

          Eines der hartnäckigsten Gerüchte besagte, dass sie sowohl mit ihrem Vater, dem Papst, wie mit ihrem Bruder Cesare Blutschande getrieben hätte. Keines dieser Gerüchte lässt sich historisch belegen, aber man weiß, dass Lucrezia, seit 1501 mit dem Herzog von Ferrara verheiratet, fast die gesamte zweite Hälfte ihres Lebens fromm und zurückgezogen lebte, bevor sie 1519 kurz nach der Geburt ihres achten Kindes im Alter von 39 Jahren starb. Stammte das Stundenbuch tatsächlich aus ihrem Besitz, wäre es ein außergewöhnliches Dokument, das „tiefe Einblicke in die Mentalität einer schlecht beleumundeten Fürstin erlaubt“, wie es im Katalog heißt, der mit dem Titel „Unterwegs zur Renaissance“ eine neue Ära bei Tenschert einleitet (Preis 450.000 Franken).

          Zielgruppe bleiben die Sammler

          Denn die Katalogserie „Leuchtendes Mittelalter“ ist nach zwölf Bänden und zwanzig Jahren beendet worden. Sie hat eindrucksvoll belegt, dass Heribert Tenschert weit mehr ist als nur ein Antiquar, der sich auf alte Handschriften spezialisiert hat. Ruhm als der vermutlich bedeutendste Händler auf diesem Feld genießt er ohnehin, aber durch die Kataloge, die zusammen mit Eberhard König und zuletzt auch Ina Nettenkoven entstanden sind, hat sich der leidenschaftliche Liebhaber alter Meisterwerke auch die Anerkennung der kunsthistorischen Forschung erworben. Ein Umstand, der im Vorwort des neuen OEuvres nicht ohne dezente Genugtuung vermerkt wird, aber natürlich nichts daran ändert, dass Tenscherts Publikationen auf andere Leser abzielen. Denn die wichtigsten Adressaten bleiben natürlich die Sammler, jener überschaubare Kreis von Zeitgenossen, die willens und in der Lage sind, mehrere hunderttausend Euro oder auch Millionenbeträge für ein Buch auszugeben, von dem man sehr oft nicht einmal weiß, aus wessen Hand es stammt.

          Tenscherts Reise zur Buchkunst der Renaissance, die der Titel der prachtvollen Publikation ankündigt, beginnt mit einem Fanfarenstoß: Gleich fünfzig italienische und spanische Manuskripte des 13. bis 18. Jahrhunderts sind hier versammelt, um in sechs Abteilungen in chronologischer Reihenfolge präsentiert zu werden. Es beginnt mit drei Bibeln (davon kostet eine 880.000, die andere 950.000 Franken) und zwei Missalien (250.000 und 375.000) und einem Brevier, gefolgt von zwei bedeutenden Handschriften aus dem 14. Jahrhundert, darunter eine Paduaner mit Bildern aus dem Umkreis Giottos.

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