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Feminismus : Wenn Frauen beten

Eine Göttin für viele junge Feministinnen: Beyoncé bei einem Auftritt in Detroit. Bild: AP

Warum verehren junge, kluge Feministinnen Beyoncé wie eine Göttin? Hilft irgendjemandem der Hillary-Kult? Oder der Glaube an Laurie Penny? Eine Sinnsuche.

          Jeden Tag lächeln mich Göttinnen an – in diesem Internet. Schuld sind die jungen deutschen Feministinnen, auch Freundinnen, Bekannte, denn viele dieser jungen, deutschen Feministinnen, auch Freundinnen, Bekannte sind es, die andere Frauen jetzt zu Göttinnen erklären. An jedem Facebook-Tag also, jedem Twitter-Tag und jedem Tag auf Instagram muss man nun diese Göttinnen anschauen und dazu auch noch eine Suppe der Superlativ-Hashtags, in der die Bilder schwimmen. Es schwimmt da Laurie Penny. Es schwimmt Beyoncé Knowles. Und es schwimmt auch noch Hillary. Ja, Hillary, ganz selbstverständlich ohne einen Nachnamen beziehungsweise zwei, denn Hillary ist History, so ähnlich sagen es die Rauten in dem Internet.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wann ist das alles nur passiert? Und warum, bitteschön, beten die klugen, engagierten Frauen jetzt andere Frauen an wie Gottheiten? Das fragte ich eine der klugen Engagierten, eine Bekannte, nachdem sie Hillary als Foto in ihr Facebook setzte, besetzt mit einem Satz, der sie zur Königin erklärte. „Wir brauchen Vorbilder! Weibliche Vorbilder! Denn sie ermutigen die Frauen zum Größerem, zum Kampf!“, sagte die Engagierte, Ausrufezeichen zogen sich dabei durch ihre Stimme.

          Die falschen Göttinnen

          Und sie, diese Bekannte, bekannte sich in ihrem Internet nicht nur zu dem „Team Hillary“, sondern auch noch zu anderen Göttinnen. Das machen jetzt sehr viele Frauen, die Feminismus leben, leben wollen. Dass diese vielen Frauen sich selbst als Feministin denken, ist zuerst eine gute Nachricht. Denn die Idee des Feminismus – ein Leben ohne Zuschreibung –, es ist eine Idee, die keinem Kopf, egal ob männlich oder weiblich, schadet.

          Doch was den Köpfen schadet und dem Feminismus, ist die Vergötterung Bestimmter, die im Moment durchs Internet herumläuft. Mit dem Wort „Götze“ rumzuwerfen, das kann man jetzt natürlich machen. Man kann aber auch nur das Göttinnen-Potenzial dieser bestimmten Frauen kalkulieren, um zu kapieren, dass dieses sich nicht rechnet.

          Hillary Clintons Leben ist kein Feminismus-Manifest, trotzdem wird sie verehrt als Über-Feministin.

          Hillary „History“ Rodham Clinton ist zum Beispiel und auch zum Glück wie jeder Mensch auf dieser Welt ein Mensch. Ein Mensch mit Fehlern. Und auch mit einem Leben, das alles ist, nur nicht ein Feminismus-Manifest. Das boulevardmäßige Abarbeiten an dem Privatleben von Clinton, an dieser Ehe, den Erniedrigungen, ihrem Schweigen, das passt nicht rein ins feministische Konzept, obwohl in das Konzept so eine Ehe auch nicht reingeht. Was aber passt, ist die Kritik an der Karriere Clintons, Kritik zum Beispiel daran, dass sie im Aufsichtsrat von Wal-Mart saß, ein Unternehmen, dem ein System der sexuellen Diskriminierung vorgeworfen wurde. Okay, das ist banal, das ist Vergangenheit.

          Der Traum vom Feminismus-Boom

          Doch dieses Jetzt, in der die Kandidatin als Feministin angebetet wird, ist nicht viel weniger banal. Das prominente Argument geht so: Frauen sollten Clinton wählen, weil sie auch eine Frau ist. Madeleine Albright, die ehemalige Außenministerin Bill Clintons, sagte es sogar schärfer. Als bekannt wurde, dass junge Frauen eher Bernie Sanders wählen wollen, sagte sie, dass Frauen, die einander nicht helfen, ein sehr besonderer Platz erwarte in der Hölle. So scharf sind Feministinnen, die deutschen, jungen, engagierten, die Hillary vergöttern, nicht, und doch argumentieren sie, so wie meine Bekannte, auch mit dem biologischen Geschlecht. Sie hoffen auf einen Feminismus-Boom, wenn Clinton Präsidentin wird. Doch so einen Boom wird es nicht geben. Denn Clinton steht nicht für das Radikale, sie steht für das Establishment.

          Wahrscheinlich wissen das die klugen, engagierten, deutschen Frauen, denn fürs Revolutionäre, Wilde beten sie eine andere Gottheit an, beten zu Laurie Penny, der britischen Autorin von Feminismus-Hits wie „Fleischmarkt“ und „Unsagbare Dinge: Sex, Lügen, Revolution“. Zitate Pennys leben auf den Seiten deutscher Feministinnen, manchmal lebt da auch nur das Cover eines ihrer Bücher, mit dem Wort „Bibel“ unterschrieben, oder ein anderes Mal ein Foto von ihrem Kopf und dazu #klügste. Die Klügste war Penny aber nicht, als sie einen Brief „to the German left“ ins Facebook setzte. Es war die Reaktion auf einen Twitter-Streit. Die deutsche Feministin Merle Stöver plante eine Veranstaltung zum Thema Feminismus und Antisemitismus und Israelboykott. In der Ankündigung verwies Stöver auch auf den Namen Laurie Penny, weil sie in Israel nicht auftritt, weil sie öffentlich gegen Israel auftritt. Denn Penny unterstützt die britische „Artists for Palestine“-Kampagne, in der sich Hunderte von Künstlern dazu verpflichten, professionelle Auftritte in Israel zu boykottieren.

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