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EM-Gastgeber : Das Fiebermittel für Frankreich

Erinnerung an große Zeiten: François Hollande und der Fußball-Kenner Pierre-Louis Basse beim Besuch einer Pariser Fußballausstellung im Mai Bild: Picture-Alliance

Das Land ist zerstritten und verunsichert. Nur noch der Fußball scheint Frankreich aus dem Würgegriff der Geschichte befreien und zur Vernunft bringen zu können. Es darf aber keine Eigentore geben.

          Es gibt in diesem Land eine Sehnsucht nach Faschismus“: Élisabeth Roudinesco, Freudianerin und Historikerin der Psychoanalyse, beklagt Frankreichs „intellektuelle Lähmung“. Die reaktionären Denker, die Vichy rehabilitieren und den Front National an die Macht bringen wollen, haben die kulturelle Hegemonie übernommen. Die Haltung der französischen Politiker gegenüber der islamistischen Bedrohung erinnert sie an die Kollaboration: mehr Pétain als Churchill.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Ausgelöst wurde die Depression vom Zusammenbruch des Kommunismus. Mit der Wende der „Neuen Philosophen“ (ausnahmslos Renegaten) André Glucksmann, Bernard-Henri Lévy, Pascal Bruckner oder auch Alain Finkielkraut zehn Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer begann für Roudinesco eine neue Epoche der intellektuellen Meinungsführerschaft: Das Gewicht eines Werks spielt keine Rolle mehr, nur die Medien legitimieren sie. Außerhalb Frankreichs nehme keiner Lévy oder Finkielkraut ernst. Damit erklärt Roudinesco deren „Zorn“ und Hass auf den Marxisten Alain Badiou, dessen Werke in der ganzen Welt gelesen werden. Auch den internationalen Erfolg ihrer eigenen Bücher unterschlägt sie nicht.

          Den Hass auf den Kommunismus will sie nicht teilen, die historischen Verbrechen nicht vergleichen und die Terrorherrschaft von 1793 nicht reflexartig auf 1789 zurückführen. Oder den GULag auf Marx. Und schon gar nicht den „Widerstand mit der Kollaboration verwechseln“: den Kommunismus mit dem Faschismus. Diese Verwirrung haben tatsächlich die Neuen Philosophen gestiftet.

          Faschismus statt Emanzipation

          Doch ohne historische Notwendigkeit wäre ihr Einfluss beschränkt geblieben. Er hat mit der Hegemonie des Marxismus in der Kultur ebenso zu tun wie mit dem Leugnen des GULag und dem Verdrängen der Vichy-Vergangenheit. Unter dem Eindruck des „Schocks Solschenizyn“ hatte Glucksmann in „Die Köchin und der Menschenfresser“ publiziert, eine Ideologiekritik der deutschen Meisterdenker von Marx bis Heidegger. Bernard-Henri Lévy übertrug den Ansatz auf die durchaus antisemitische „Idéologie française“ – ein dürftiges Werk, aber von großer politischer Wirkung. Die „französische Ideologie“ war der geistige Bodensatz von Vichy. Auf sie stützte sich die Kollaboration mit Pétains „Nationaler Revolution“.

          Als die Franzosen 1998 Weltmeister wurden, war ihr früherer Präsident Mitterrand schon zwei Jahre tot. Die Statue in Lille legt nahe, dass auch ein neuerlicher Triumph in seinem Sinne wäre.

          Die Rückkehr der verdrängten Vergangenheit und der Zusammenbruch seiner Lebenslügen haben Frankreich in eine tiefe Depression gestürzt. Die irrationale Aufarbeitung begann mit dem Aufstand der hysterischen Studenten im Mai, die sich als Revolutionäre gegen den Faschismus fühlten und die extrem zurückhaltende Polizei als SS beschimpften. Ein Jahrzehnt später entfesselten die Neuen Philosophen den Kult der Minderheiten gegen den Totalitarismus erst recht. Sie stimmten das sympathische „Lob des Kosmopolitismus“ und der Entwurzelung als Antwort auf den Faschismus an. Militante Minderheiten, von den Homosexuellen bis zu den Schwarzen und den Bretonen, definierten sich zusehends über diese ausschließliche Zugehörigkeit. Das galt lange als Emanzipation – bis man einsehen musste, dass darin auch ein faschistischer Keim steckt.

          Braune Jugend

          Zur Belastungsprobe für die zentralistische und laizistische Republik wurde der „Communautarisme“ mit der Politisierung der muslimischen Einwanderer durch den Islamismus. Mehr noch als der Fall der Berliner Mauer hat 1989 der erste Kopftuch-Prozess Frankreich erschüttert. Élisabeth Badinter hat ihn als das „München der republikanischen Schule“ bezeichnet. Sie erinnert an Danielle Mitterrand, die Gattin des Präsidenten, die das Beschneiden der Mädchen und die Polygamie in Frankreich im Namen der Toleranz gerechtfertigt hatte.

          Ohne die Marxismus-Kritik der Neuen Philosophen wäre der Wahlsiegs Mitterrands nie möglich gewesen. Drei Jahrzehnte lang prägten sie mit dem Imperativ des Antitotalitarismus und der Menschenrechte das Klima. Mitterrand holte die Kommunisten in die Regierung und vollendete ihren Niedergang in der Politik. Der Rechten hingegen blieb und bleibt jede Allianz mit den Extremisten wegen des Faschismusverdachts verboten. Mitterrand, dessen braune Jugend und Vichy-Vergangenheit der Öffentlichkeit noch immer verborgen war, förderte das Aufkommen des Front National und stärkte ihn mit einer Reform des Wahlrechts. Das faschistische Schreckgespenst Le Pen ermöglichte ihm den Verbleib an der Macht.

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