https://www.faz.net/-gqz-9pz6g

Waldbrände in Sibirien : Brenne, mein Land

  • -Aktualisiert am

Verspäteter Einsatz: Mitarbeiter des Ministeriums für Katastrophenschutz bei Löscharbeiten im sibirischen Großgebiet Krasnojarsk Bild: Picture-Alliance

Die sibirischen Waldbrände wurden lange nicht gelöscht, weil die Machthaber das für ökonomisch unrentabel erklärten. Davon singt auch der Popstar Monetotschka.

          Die sibirischen Waldbrände erzielten in diesem Sommer infolge der Trockenheit, aber auch unterlassener Löscharbeiten einen traurigen Rekord. 4,3 Millionen Hektar Wald standen im asiatischen Teil Russlands vorige Woche in Flammen, meldete Greenpeace Russland, fast die Fläche von Niedersachsen. Vor allem in den Regionen um Krasnojarsk, Jakutsk, Irkutsk, aber auch Jekaterinburg liegen giftige Rauchschwaden über Städten und Dörfern. Umweltschützer und Anwohner vermuten, dass einige Brände bewusst gelegt wurden, um illegale Waldrodungen zu vertuschen. Die Brände seien eine Umweltkatastrophe für die gesamte nördliche Hemisphäre, mahnt der russische Greenpeace-Aktivist Grigori Kuksin, sie setzten große Mengen von klimaschädlichem Kohlendioxid frei, zudem transportiere der Wind den Ruß in die Arktis, wo er die Eisschmelze und das Auftauen der Permafrostböden beschleunige.

          Die Behörden begründeten ihr Nichthandeln mit einem umstrittenen Gesetz von 2015, das seinerzeit auch das Ministerium für Umwelt und natürliche Ressourcen abgesegnet hatte, und das es erlaubt, Waldbrände, die keine Siedlungen bedrohen, nicht zu löschen, wenn die geschätzten Kosten dafür den geschätzten Schaden übersteigen. In Krasnojarsk bezifferte vorigen Monat eine staatliche Kommission die Brandschäden auf 66 000 Euro, die Löschkosten jedoch auf fast zwei Millionen, woraufhin der Gouverneur Alexander Uss Löscheinsätze für „nicht zielführend“ erklärte. Das veranlasste den Journalisten des Regierungsfernsehens in Nowosibirsk, Nikolai Salnikow, zu einem zornigen Videopost. Die Sibirier bekämen zu hören, dass es „ökonomisch unprofitabel“ sei, die Waldbrände zu löschen, erklärte Salnikow auf einer Dachterrasse über dem ebenfalls rauchschwadenverhangenen Nowosibirsk. Aber sei es etwa ökonomisch profitabel, dem Gasprom-Chef Alexej Miller, dem Rosneft-Präsidenten Igor Setschin, dem Vorsitzenden der VTB-Bank, Andrej Kostin Millionengehälter zu zahlen oder für den Moskauer Patriarchen Kirill eine neue Residenz für 44 Millionen Euro zu errichten, fragte Salnikow mit geballter Faust.

          Der Ausdruck „ökonomisch unprofitabel“ wurde zum Hit im Netz. Unter dem Hashtag #SaveSiberiaForests verbreitete ein Petersburger Künstler Aufnahmen eines verkohlten Baumstamms, geschmückt mit einem berühmten Plakatbild der Mutter Heimat und der Aufschrift „ökonomisch unprofitable Mutter“. Ein anderer veröffentlichte einen Comic, worin eine Frau in Not ihren Freund um Hilfe ruft, was der als ökonomisch unprofitabel verweigert. Ein Blogger erfand den Dialog zweier Bauern, von denen der eine dem anderen seine von ihm geliehene Sense nicht zurückgibt, ebenfalls mit dem Argument, das sei ökonomisch unprofitabel. Salnikow musste seinen Posten beim Staatsfernsehen kündigen. Dafür haben die Waldbrände die Jekaterinburger Folkpopsängerin Monetotschka (zu Deutsch: kleine Münze) zu einem neuen Lied mit dem Titel „Brenne, brenne, brenne“ (Gori gori gori) inspiriert. Zu flackernden Blockflötentrillern klagt Monetotschkas mädchenhaft zarte Stimme über die allgegenwärtige staatliche Überwachung, über etwas Ergrautes in Designer-Jeans – damit dürfte Präsident Putin gemeint sein – und über das Ende der russischen Kultur. „Brenne, brenne, mein Land, lösche nicht!“ lautet der apokalyptische Refrain, der eine endlose Aschelandschaft beschwört. Der im russischen sozialen Netzwerk vkontakte veröffentlichte Track soll ab dem 16. August auch auf anderen Plattformen abrufbar sein. Einnahmen von Streamingdiensten will die Künstlerin dem Brandbekämpfungsprogramm von Greenpeace zugutekommen lassen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Stadt Sassnitz auf der Insel Rügen hat etwa 9000 Einwohner.

          SPD kooperiert mit AfD : „Ich habe da kein schlechtes Gewissen“

          Immer wieder hat die SPD in Bund und Ländern bekräftigt, mit der AfD nicht zusammenarbeiten zu wollen. In Sassnitz auf Rügen reichen die beiden Parteien aber jetzt gleich sieben Anträge gemeinsam ein.

          Prozess um Steuerskandal : Streit über Rolle der Depotbank im Cum-Ex-Wirrwarr

          Der aktuelle Cum-Ex-Prozess am Landgericht Bonn wirft Fragen auf: Wer hätte wann Steuern einziehen sollen? Und wer hätte das wissen müssen? M.M.Warburg und die Deutsche Bank liegen in ihrer Einschätzung sehr weit auseinander.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.