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Architektur in Berlin-Mitte : Endlich einmal ein Eckenbrüller

  • -Aktualisiert am

Ein „Blob“, wie er kürzlich Baumode war, wäre nicht so sensibel eingeordnet: das Stadthaus Johannisstraße Bild: Kay Herschelmann

Rattenfängerglück fürs Auge: Mayers grandios geglücktes Haus in Berlins Mitte vereint Wellen und Kurven mit den strengen Waage- und Senkrechten des Klassizismus.

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          Auf dem letzten Teilstück zwischen der Weidendammer Brücke und dem Oranienburger Tor verliert Berlins Friedrichstraße Schritt für Schritt ihr Großstadtflair. Hier stehen nur noch Sparversionen der ehrgeizigen Ensembles, mit denen Investoren in den neunziger Jahren vom Bahnhof Friedrichstraße bis zur Leipziger Straße eine von aufpolierten Altbauten zusätzlich geadelte Parade aus Glas, Chrom und Messing, Granit, Marmor und Sandstein schufen.

          Man kann viel einwenden gegen dies unverhohlene Zurschaustellen des Konsumfanatismus, aber kaum etwas gegen den kühlen Charme dieser Architektur. Vor ihm wirkt das gerasterte Glas-Granit-Einerlei oberhalb der Weidendammer Brücke so schäbig wie die schwerfällig ums Karree stampfenden Plattenbaukolosse der achtziger Jahre, die dort die rapide alternde DDR in einem letzten Kraftakt auftürmte. Die Altbauten zwischen ihnen wirken eher dürftig renoviert, und sogar das unlängst noch berühmte Tacheles, die zyklopische Kaufhausruine von 1909, die der Sozialismus vergessen und die Alternativszene 1990 besetzt hatte, sieht mit ihren kreischbunten Graffiti und sperrhölzernen Installationen wie ein ausgelaugter Revolutionsrentner aus, der mürrisch wilderen Zeiten nachhängt.

          Nicht mit den gewohnten Kriterien zu beschreiben

          So lässt man die Fassaden vorüberziehen, wirft höchstens einen Blick auf den aufdringlich plumpen, mit Buntglasintarsien aufgepeppten Plattenbau-Jugendstil des Friedrichstadtpalasts - und bleibt überrascht stehen. Hinter der Revuegarage, die seit 1985 der beleidigend banale Ersatz für Hans Poelzigs fulminantes Großes Schauspielhaus von 1919 ist, fällt ein bizarrer Neubau ins Auge - blinkendes Metall, pulsierende Formen, die scharf zum ruhigen Ebenmaß einiger zierlicher klassizistischer Häuser kontrastieren.

          Letztere sind sorgfältig restaurierte Reste des alten Berlin, um 1840 erbaut. Einige dienen samt einer historischen Maschinenfabrik unter dem Namen „Kalkscheune“ als Kulturtreff. Dahinter erhebt sich der Neubau. Alle gewohnten Kriterien versagen: Was von weitem wie ein „Blob“ erschien, also ein Spätling der biomorphen Architekturmode, die im vergangenen Jahrzehnt Furore machte, erweist sich nun als übersichtlich geordneter, sechsstöckiger Bau mit berlintypisch zurückgesetztem siebtem Obergeschoss.

          Alles fügt sich zu einem stimmigen Ensemble zusammen

          Aber mit der hauptstädtischen Lochfassadenmanie hat dieses Gebäude so viel zu tun wie sich wiegendes Schilf mit einer starren Drahtbürste: Wohin man schaut, gleiten schlanke, dicht gereihte Lamellen aus gefrästem silbrigem Aluminium einwärts und auswärts. Sie wellen sich um Schaufenster und Glasportale im Erdgeschoss, säumen mannshohe Fenster, Veranden und altanartige Balkone. Zusätzlich schwingen die Gestänge als waagerechte Stockwerksunterteilungen nach außen, gleiten zuweilen wie Vorhänge seitwärts, fließen in Höhe des Mansardgeschosses wie tastend auf die Firstlinie des angrenzenden Altbaus zu. An der weniger bewegten Rückseite häufen sich die Freisitze. Sie blicken, da der Bau eine Tiefgarage besitzt, nicht auf die üblichen Stellplätze, sondern auf einen grünen Innenhof.

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