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Veröffentlicht: 04.03.2014, 11:33 Uhr

Schwule Flamingos So lebt es sich nach der Natur

Polymorph ist nicht pervers: Der Natur nach leben heißt, sich in alle Richtungen entfalten zu können. Warum nicht nur unter Flamingos homosexuelle Paare eine wichtige Rolle spielen.

von Cord Riechelmann
© AP Flamingos neigen auch zur synchronisierten Kollektivperformance.

Flamingos leben, wenn sie nicht in Zoos oder Parklandschaften sogenannter entwickelter Länder in überschaubaren Gruppen herumstehen, in teilweise riesigen Schwärmen an menschenfernen Orten. Die großen flachen Seen und Lagunen, an denen sie in Afrika, Indien und Südamerika leben, gehören zu den rauhesten Biotopen der Erde. Ihr Salzgehalt ist oft doppelt so hoch wie der von Meerwasser. Nur wenige Lebewesen - Algen und einige kleine Krebse - halten diese ungünstigen Bedingungen aus. Da denen allerdings die Konkurrenz fehlt, wachsen sie zu geradezu verschwenderischen Mengen heran. In einheitlicher Größe und gleichmäßig über den See verteilt. Optimale Bedingungen für Tiere, die diese Beute einfach aus dem Wasser filtern können wie Flamingos.

Während des Filterfressens plappern sie ausdauernd in tiefen, gänseähnlichen Tönen vor sich hin, was auf Menschen ohrenbetäubend enervierend wirken kann. Weil es unter Flamingos praktisch keine Nahrungskonkurrenz gibt, können sie ihre riesigen Schwärme bilden. Am Lake Magadi in Kenia brüteten in den sechziger Jahren mehr als eine Million Zwergflamingopaare.

Was bei den je nach Karotingehalt der Algen rosa bis dunkelrot gefärbten Federn der Tiere außerhalb der Balz besonders prächtig ausgesehen haben muss. Flamingos neigen auch zur synchronisierten Kollektivperformance. Mit gestrecktem Hals wiegen sie den Kopf hin und her, salutieren mit kurzem Flügelstrecken, so dass die schwarzen Flugfedern sichtbar werden, um gleich wieder zu verschwinden. Strecken ein Bein mit einem Flügel in den Wind und rennen dann alle dicht an dicht in eine Richtung, um plötzlich abrupt abzudrehen.

Die Paarungszeit erkennt man, obwohl immer noch in großen Gruppen vorgetragen - es können fünfzig Männchen vor einem Weibchen den Hals recken -, daran, dass die Tiere zurückhaltender werden. Fast unauffällig abseits der Menge vollzieht sich die Partnerwahl, und erst die Vermählten kehren zum Nestbau in die Enge des Schwarms mit bis zu fünf Nestern pro Quadratmeter zurück. Da es schwer war, unter hunderttausend Paaren den Überblick zu behalten, nahm man an, es handele sich um monogame Paare.

Homosexuelle Adoptionsspezialisten

Was bei genauerem Hinsehen zwar für die Mehrzahl stimmte, doch es fanden sich auch eine Menge Alternativen. Flamingos legen nur ein Ei. In manchen Nestern lagen aber zwei Eier, die dann auch von zwei Weibchen und einem Männchen bebrütet wurden. Oder zwei Männchen und ein Weibchen pflegten ein Nest mit Küken. Es gab aber auch auffällig große beziehungsweise kleine Nester, manchmal ganz ohne Ei. Das waren gleichgeschlechtliche Paare männlichen wie weiblichen Geschlechts, die merkwürdigerweise später manchmal ein Küken versorgten.

Pinguine in Stralsund © dpa Vergrößern Auch Pinguine leben polymorph

Flamingos ernähren ihre Küken mit Kropfmilch, deren Zusammensetzung jener der Säugetiere gleicht und ebenfalls wie bei Menschen durch das Hormon Prolaktin reguliert wird. Bei den Vögeln produzieren allerdings beide Geschlechter Milch, unabhängig davon, ob sie selbst Kinder haben oder nicht. So können Junge, die ihre Eltern verloren haben oder von ihnen verlassen worden sind, was bei unerfahrenen Flamingos häufig vorkommt, relativ leicht adoptiert werden.

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