In medias res
Zwölf Sonderseiten lang feierte die "Junge Welt", Stabsorgan für alte und junge Stalinisten, am 13. August die Berliner Mauer. Sie titelt mit "Wir sagen an dieser Stelle einfach mal: Danke", für 28 Jahre Friedenssicherung in Europa, ...
Zwölf Sonderseiten lang feierte die "Junge Welt", Stabsorgan für alte und junge Stalinisten, am 13. August die Berliner Mauer. Sie titelt mit "Wir sagen an dieser Stelle einfach mal: Danke", für 28 Jahre Friedenssicherung in Europa, für Club Cola und FKK, für 28 Jahre ohne Obdachlosigkeit, Suppenküchen und "Tafeln" und Bildung für alle. Propaganda pur und ein Geschichtsdokument eigener Art, das intelligenten Lehrern viel Material liefern kann, wollten sie mit ihren Schülern die unverstellte Sprache des SED-Reichs analysieren. Da dichtet Peter Hacks in Jamben, "warum der Erdenwunder schönstes war die Mauer", gewidmet dem Ulbricht-Freund Alfred Neumann; ein ehemaliger Oberst der Grenztruppen bekennt im Interview, wie er in Auschwitz, wo er nach der Befreiung des Konzentrationslagers durch die Rote Armee interniert worden war, zum wahren Glauben fand: "Ein Genosse" des Nationalkomitees Freies Deutschland, vormals Wehrmachtsoffizier, brachte ihn auf den rechten Weg. Was der Ex-Oberst davor geglaubt und getan hatte, blieb im Ungefähren, ganz nach alter DDR-Manier. Nach "Grenzdurchbrüchen" befragt, bekennt er stolz, er sei von der "bundesdeutschen Justiz nach 1990 ... belobigt worden mit vier Jahren auf Bewährung". Gemeint ist seine Mitschuld an der Erschießung junger Flüchtlinge. Bleibt nur noch die Frage nach den Finanziers für derart konsequenten Geschichtsrevisionismus.
Rh





