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Waldbrände in Bolivien : Im Schatten der Amazonas-Brände

  • -Aktualisiert am

Boliviens Wälder brennen, Millionen Hektar sind zerstört – von der Welt nahezu unbeachtet. Ein einzigartiger Lebensraum mit tausenden Tier- und Pflanzenarten droht zu verschwinden.

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          Schwarze Rauchwolken steigen seit Wochen vom Amazonas auf – und prägen die Bilder westlicher Medien aus der Region. Der Regenwald brennt, die Welt verliert weite Teile eines ihrer größten Naturschätze. Im Zentrum der Aufmerksamkeit: Brasilien. Südamerikas größtes Land verfügt über weite Teile des Amazonas-Gebiets, das so artenreich ist wie keine andere Region der Erde. Zusätzlich kommt dem Regenwald eine enorme Bedeutung als Kohlenstoffspeicher und Klimastabilisator zu. Die fragwürdige Politik des brasilianischen Präsidenten, die die Zerstörung des Regenwalds zugunsten der Landwirtschaft fördert, rief international Entsetzen hervor. Im Schatten der brasilianischen Rauchwolken blieb eine ähnliche Entwicklung im Nachbarland Bolivien weitgehend unbeachtet.

          Dort ist es wie in Brasilien seit Jahrzehnten üblich, Wälder zu vernichten, um Platz für Rinder und Sojapflanzen zu schaffen. Im Juli 2019 ermöglichte es der in Bolivien regierende Präsident Evo Morales durch ein Dekret, Agrarflächen in seinem Land massiv zu vergrößern. Eine beliebte Methode, um Flächen schnell und effizient von ihren natürlichen Bewohnern zu befreien, sind Brandrodungen. Zahlreiche Feuer, von Landwirten gelegt, waren die unmittelbare Reaktion auf Morales’ Dekret. Und das ausgerechnet zu Beginn der Trockenzeit.

          Unmittelbar betroffen von den Bränden im bolivianischen Departement Santa Cruz ist die Region der Chiquitania. Gelegen im Osten Boliviens, an der Grenze zu Brasilien, kommen hier die großen Naturgebiete Südamerikas zusammen: der Amazonas-Regenwald im Norden, das sumpfige Pantanal im Osten, ausgedehnte Cerrado-Savannen im Südwesten und die unwirtlich trockene Dornbusch-Vegetation des Gran Chacos im Süden. Diese Kombination macht die Region so vielseitig wie einzigartig. Landschaftlich prägen Ebenen wie auch Hügel oder gebirgige Areale die Chiquitania. Berühmt sind Inselberge, die sich wie kahle Fremdkörper aus den grünen Wäldern erheben.

          Die unterschiedlichen Ökosysteme, die in der Chiquitania aufeinandertreffen, sorgen für ein Mosaik aus vielseitigen Lebensräumen. Die Menge an unterschiedlichen Organismenarten ist extrem hoch. Gerade diese Vielfalt macht das bedrohte Gebiet für die Wissenschaft interessant und schützenswert. Martin Jansen ist Biodiversitätsforscher des Senckenberg-Instituts in Frankfurt am Main und besorgt über die aktuelle Entwicklung: „Wir verlieren alle ein Stück Wildnis, ja einen kompletten Lebensraum, den wir im Einzelnen noch kaum kennen.“ Der Großteil der natürlichen Landschaft in der Chiquitania wird vom Chiquitano-Trockenwald dominiert. Er schließt teilweise Enklaven von Savannen mit ein und zeichnet sich durch eine ausgesprochen hohe Biodiversität aus. Mehr als 1600 Tierarten und 40 000 Pflanzenarten sind Schätzungen zufolge von den Bränden im Chiquitano-Trockenwald bedroht. Und mit vielen dieser Lebewesen hat sich die Forschung nicht einmal beschäftigt. Als Leiter der Forschungsstation „Chiquitos“ konnte Jansen mit seinen Kollegen allein in einem kleinen Gebiet von 30 Quadratkilometern 46 Froscharten nachweisen – ein großer Teil davon ist noch unbeschrieben. Zum Vergleich: in ganz Deutschland leben 21 Amphibienspezies. Auch zahlreiche Vögel leben in der Chiquitania, wie viele Arten es sind, lässt sich nur schätzen. Es sind nicht nur kleine, unscheinbare Tiere und Pflanzen, die vom Feuer und schrumpfenden Lebensräumen bedroht werden. Rund 150 verschiedene Säugetierarten wie Tapir, Nabelschwein, Agouti oder Nasenbär gehören ebenfalls dazu.

          Ein besonders charismatischer Bewohner ist der Jaguar. Der Jaguar-Forscher Alfredo Romero Muñoz nimmt an, dass allein dieses Jahr fünfhundert der Raubkatzen in Bolivien durch die Flammen verendet sind oder ihren Lebensraum verloren haben. Arten wie der Jaguar können auch Hinweise darauf geben, wie es insgesamt um die Qualität des Lebensraums beschaffen ist. Untersuchungen in stabilen Gebieten der Chiquitania kamen auf sieben Jaguare pro zehn Quadratkilometer. „Ein so hoher Jaguarbestand ist ein Zeichen für einen extrem guten Lebensraum“, sagt Forschungsstationsleiter Jansen.

          Für die Art an sich ist der aktuelle Lebensraumverlust allerdings bedrohlich. „Der Chiquitano-Trockenwald verbindet den Amazonas mit dem Gran Chaco und stellt somit eine wichtige Brücke für die Jaguar-Populationen zwischen den Gebieten dar“, berichtet Romero Muñoz. Während einheimische Bauern den Jaguar als ernsthafte Gefahr für Viehherden sehen, könnte gerade der Erhalt des Waldes die Lösung für den Konflikt zwischen Mensch und Raubkatze darstellen. Beobachtungen der Wissenschaftler der Chiquitos-Forschungsstation deuten darauf hin, dass ein intakter Lebensraum die Anzahl an Jaguar-Rissen minimiert.

          Der Rückgang des Waldes schlägt sich auch in anderen Bereichen negativ auf die Landwirtschaft nieder. Bäume geben aufgenommenes Wasser über ihre Blätter in die Luft ab und leisten somit einen essentiellen Teil zur Produktion von Regen. Schrumpft der Wald, verändert sich auch das Wetter, und Landwirte müssen auf künstliche Bewässerung zurückgreifen, da der Regen ausbleibt. Hinzu kommt, dass einige Böden aufgrund von Trockenheit und Nährstoffarmut für die Landwirtschaft völlig ungeeignet sind, aber trotzdem von ihrer natürlichen Vegetation befreit werden – auf absehbare Sicht unwiederbringlich und ohne Aussicht auf erfolgreiche Bewirtschaftung.

          Gut 1,9 Millionen Hektar seien allein im bolivianischen Departement Santa Cruz bis Anfang September verbrannt, so die Naturschutzorganisation Fundación Amigos de la Naturaleza. Wie lässt sich die desaströse Entwicklung aufhalten? Jansen sieht die internationale Politik in der Pflicht: „Die Agrar-, Handels- und Umweltpolitik muss sich grundlegend ändern, und zwar nicht nur die von Evo Morales, sondern auch unsere. Die Flächen dort brennen ja auch, weil die Nachfrage von Soja und Fleisch vor allem aus Europa und China befriedigt wird.“ Noch ist völlig unklar, wie viele schwarze Rauchwolken noch aufsteigen werden, bis die Brände endlich erloschen sind.

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