
Musik-Top-Manager Guy Moot : „Ich glaube an die menschliche Unperfektheit“

Guy Moot jobbte einst auf Baustellen. Heute führt er Warner Chappell, den drittgrößten Musikverlag der Welt. Ein Gespräch über KI, die Kunst der Katalog-Deals, die „neue Songwriter-Ökonomie“ – und eine spezielle Fußball-Connection.
Um 4:30 Uhr für ein Fußball-Spiel aufstehen? Nein, so weit geht die Liebe für den Lieblingsclub dann doch nicht, sagt Guy Moot lachend. Der Brite ist ein hartgesottener Arsenal-London-Fan – und damit nicht allein in Los Angeles, dem Machtzentrum der globalen Musikindustrie. Da gebe es einige von ihnen, erzählt er, in ihrer Whatsapp-Gruppe gehe es immer hoch her bei Transfer-News oder rund um Spiele.
Manchmal fiebert so auch ein in Musikindustrie-Maßstäben hochprominentes Trio gemeinsam vor dem Fernseher mit: Lucian Grainge, Chef des weltgrößten Musikkonzerns Universal Music, sein Sohn Elliot, seit kurzem verantwortlich für die Kernlabels des Konkurrenten Warner Music und Moot. Die Grainges leben schon länger an der US-Westküste, Moot zog mit seiner Familie im August 2019 aus der britischen Heimat hier her.
Seit mehr als fünf Jahren führt er nun gemeinsam mit Carianne Marshall Warner Chappell (WCM), den Verlagsarm der Nummer drei der Industrie. Stars wie Madonna, Dua Lipa oder Benson Boone vertrauen auf den Verlag. Aber WCM arbeitet – so wie andere Verlage – vor allem auch mit jenen, die auf Bühnen nicht in Erscheinung treten, sondern im Hintergrund an Songs schreiben und ist die Heimat von großen Katalogen wie den David Bowies.
Die komplizierte Welt der Musikverlage
Mehr als 250 Millionen Dollar soll Warner für die Autorenrechte des Briten gezahlt haben. Die genaue Summe behalten Beteiligte wie Moot für sich. Ein kompetitiver Deal und sicher nicht günstig, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. nur. Aber hey, es gehe immerhin um Bowie. Großartige Songs von einem großartigen Künstler, mit denen sich ebenso großartige Vermarktungsmöglichkeiten verbinden.

Solche Deals mögen Moot weit über die Musikindustrie hinaus Aufmerksamkeit bescheren, am Ende sind sie nur ein Teil seiner Arbeit. Eine Arbeit, die abseits der Branche meist weitaus weniger gesehen wird. Das liegt in der Natur der Sache: Sorgen Verlage mit den von ihnen vertretenen Songwritern gewissermaßen für die Basis – den Song –, stehen primär die Labels mit den Interpreten, die Songs einspielen und aufführen im Rampenlicht und erhalten auch mehr vom milliardenschweren Streaming-Kuchen.
Dass bedeutet keineswegs, dass nicht auch im Verlagswesen einiges zusammenkommt. Live-Aufführungen, Cover-Versionen, Platzierungen in Werbung oder Filmen – sogenannte Sync-Deals – und all weiteren Nutzungsformen für Texte oder Kompositionen, können ein lukratives Geschäft sein. Doch die Komplexität mit schnell mehr als 10 Beteiligten an einem Werk, die vielleicht nur einen Teil des Refrains geliefert, aber eben bei Verwendung des Songs auch Anspruch auf Tantiemen und Mitspracherechte haben, macht es Moot und Co nicht leichter.
„Meine gesamte Karriere habe ich damit verbracht, der Investment- und Finanzwelt das Verlagsgeschäft zu erklären“, winkt er ab, „ich glaube, manche haben nie wirklich verstanden, was für ein großartiges Business es ist.“ Der Streaming-Boom gepaart mit dem Niedrigzinsumfeld sorgte dann für etwas mehr Verständnis. Für Autorenrechte wurden viele Millionen gezahlt. Der Markt wächst und wächst. Der Umsatz von WCM legte seit Amtsantritt von Marshall und Moot um mehr als 90 Prozent zu. Im Fiskaljahr bis Ende September 2023 standen 1,1 Milliarden Dollar zu Buche. Das Duo dürfte also einiges richtig gemacht haben.
„Hits sind nicht der einzige Maßstab“
„Als wir anfingen, brauchte Warner Chappell eine neue Strategie“, blickt Moot zurück. Wie wichtig eine gute sei, habe er aus erster Hand erfahren durch die vielen Eigentümerwechsel auf seinen bisherigen Stationen. Nicht zuletzt die Zerschlagung von EMI erlebte er Anfang der 2010er-Jahre hautnah mit. Bei Warner fiel ihm zum Beispiel auf, dass der Verlag auf seinen über die Jahrzehnte aufgebauten Katalog bauen und auch einige gefragte Songwriter vorweisen konnte. Aber solche, die ihre Songs auch selbst aufnehmen und so groß rauskommen, fand er bei WCM nur wenige. Heute fungiert etwa Shootingstar Benson Boone als ein Paradebeispiel.
„Es ist immer schön, große Hits zu haben, aber das ist für uns nicht der einzige Maßstab“, sagt Moot. Sie hätten einen „breiteren, langfristigeren Fokus auch auf das mittlere Segment“ an Songwritern. Das könne auch mal Zeit in Anspruch nehmen, aber die Ausrichtung sei klar: „Wir wollen kulturell relevante Songwriterinnen und Songwriter und Kataloge für uns gewinnen, mit denen wir Sync-Deals angehen können oder Filme- und andere Projekte verfolgen können.“ Fertige Kataloge aufkaufen und sie (noch) besser vermarkten, ist ein Weg. Aber Kataloge selbst aufbauen ist viel reizvoller – und der Anspruch von Moot und Co.

„A&R-Arbeit ist und bleibt das Fundament von allem“, unterstreicht er. A&Rler (Artist & Repertoire) sind die Scouts der Musikindustrie, sie suchen neue Musiker, nehmen sie unter Vertrag, fungieren als Sparringspartner im Songwriting, knüpfen Kontakte und vieles mehr. Es ist einer der Schlüsseljobs der Branche.
Von britischen Baustellen an die Spitze der Musikindustrie
„Wenn wir zum Beispiel nicht den Aufstieg des Deutsch-Rap früh erkannt hätten, wären wir in Deutschland jetzt nicht da, wo wir heute stehen“, erklärt Moot – ohne extra zu betonen, dass WCM global gesehen die Nummer drei ist hinter Sony und Universal, in Deutschland aber Marktführer. Viele in der Branche hätten anfangs Vorbehalte gegenüber dem Genre und den Rappern gehabt, sagt er, aber Natascha Augustin – mittlerweile WCMs Deutschlandchefin – habe sich früh Vertrauen und Respekt verdient. Darauf komme es an. Mit hohen Vorschüssen können schließlich viele locken.
Moot weiß, wovon er spricht, Viele Jahre war er selbst A&R. Aufgewachsen in einer „langweiligen Kleinstadt" rund zwei Stunden entfernt von London, sei das Radio sein „Fenster hinaus in die Welt“ gewesen. Nachdem er die Schule mit 16 Jahren verlassen hatte, verdingte er sich eine Weile auf Baustellen. Weit weg davon, einer der führenden Köpfe der Musikindustrie zu sein, der einmal Amy Winehouse, Nile Rodgers und viele andere unter Vertrag nehmen sollte. Richtige „Scheiß-Jobs“ seien dabei gewesen, sagt er. Aber es sei gut, solche Jobs gemacht zu haben, das erinnere einen immer an die Lebensrealität von vielen Leuten fernab der eigenen.
Nach einer Weile ergatterte er einen Job als Verkäufer in einem Plattenladen: der Start seiner musikalischen Karriere – und ein gutes Training für seine spätere Arbeit als A&R. Die große Kunst sei es gewesen, Platten möglichst früh einzukaufen, um eine größere Marge zu machen – nur musste man sie den Kunden eben auch schmackhaft machen können, erzählt er. Die erste A&R-Stelle ergatterte er 1984 bei ATV Music, ein Jahr bevor Michael Jackson den Verlag übernahm und viele Leute rausschmiss.
„Ich habe mit einem leeren Kontaktbuch angefangen und bin quer durchs Land gefahren, immer dahin, wo die Musik war, und habe viele Leute getroffen“, erzählt Moot. „Später habe ich dasselbe dann international gemacht“. Nur so gehe es: „Du musst die Kultur verstehen, die die Musik beeinflusst und die Menschen antreibt.“
„Weit weg davon, eine Business-School zu besuchen“
Die andere Seite der Musikwelt mit unterschiedlichen Deals, Beteiligungsformen und Co stand für ihn anfangs nicht so sehr im Fokus. Doch das sollte sich ändern. „Damals haben viele gedacht, wir A&Rler wären etwas einfältig und haben keine Ahnung vom geschäftlichen Teil des Business“, sagt er. „Ich war ja auch weit weg davon, eine Business-School zu besuchen, aber ich habe mir irgendwann gesagt, euch zeig‘ ich‘s und habe mich in die Materie vertieft, um jeden anderen Bereich des Geschäfts zu lernen.“ Offenkundig mit Erfolg und er ist damit alleine: Nicht zuletzt Moots Landsmänner Lucian Grainge und Sony-Music-Chef Rob Stringer waren einst ebenfalls A&Rs.

Die Zeit prägt ihn bis heute: „Ich denke immer noch wie ein A&R und signe nach wie vor Songwriterinnen und Songwriter“, sagt Moot. Das sei extrem wichtig, denn die Musikindustrie werde von Kreativen angetrieben, „aber das musst du mit echten Fachleuten auf Business- und Tech-Seite untermauern.“ Dass die Tech-Seite zu kurz kommt, ist eher unwahrscheinlich: Seit bald zwei Jahren führt mit Robert Kyncl ein ehemaliger Top-Manager von Youtube Warner.
Moot sucht heute nicht mehr federführend neue Songwriter, viel unterwegs ist er dennoch. Der Musikmarkt ist durch das Streaming und die diversen digitalen Plattformen globaler denn je. Gleichzeitig spielen regionale Trends und lokales Repertoire oft eine große Rolle. Obgleich US-Repertoire aktuell international wieder besonders stark laufe, was ein wenig seinem Fokus auf starke lokale Präsenz zuwiderlaufe, den er immer wieder predige, sagt er lachend.
Wie die Songs zum Interpreten kommen
Die Hotels für seine Dienstreisen wählt er schon mal nach dem Fitnessstudio vor Ort aus, berichtet ein ehemaliger Kollege. Dass Moot diese auch regelmäßig besucht, sieht man ihm jedenfalls an. Geht es nach Europa, kombiniert er die Trips gerne mit Heimspielen von Arsenal – was leider zuletzt öfters nicht geklappt habe. Mindestens einmal im Jahr fliegt er nach Las Vegas. Die Stadt sei absolut nicht sein Fall, merkt er grinsend an. Aber hier findet nun einmal das größte Writing-Camp von WCM statt, in dem mehr als 300 Interpreten, Songwriter und Produzenten gemeinsam an Songs arbeiten.
Permanent entstehen neue Werke, ob in Camps, in festen Teams, die gemeinsam schreiben, oder aus der Feder von einzelnen Musikern. Die große Frage ist nur, wie sie platziert werden und Geld für ihre Urheber einspielen. „Wir befinden uns in einer neuen Songwriter-Ökonomie“, beschreibt Moot die aktuelle Lage mit immer weniger Star-Interpreten: „Es gibt Sabrina Carpenter oder Chappell Roan, aber insgesamt kommen weniger neue große Namen nach. Wenn ich mir die Pitching-Listen anschaue, sind sie recht ähnlich zu denen von vor fünf oder zehn Jahren.“
Ein Team ist bei WCM ständig mit Pitchen beschäftigt, im direkten Kontakt mit Interpreten, Managements oder A&Rs von Labels – ob nun aus dem Warner-Konzern oder von der Konkurrenz. Es sei ein offener Markt und die Songs sollen ja bestmöglich platziert werden. Als Unterstützung gibt es ein Arrow genanntes Tool, in dem etwa für Label-Leute alle Werke von WCM-Songwritern zu finden sind.
KI? „Ich glaube an die menschliche Unperfektheit“
Logischerweise wollten alle Verlage die eigenen Songwriter ins Spiel bringen, wenn ein Star, der nicht maßgeblich selbst schreibt oder ohnehin ein festes Team hat, sich anschicke, ins Studio zu gehen, so Moot. Aber es gehe auch darum „auf einer breiten Basis“ Einnahmen für Songwriter zu erzielen: „Vielleicht ein kleiner Sync-Deal in Südkorea oder auf den Philippinen, noch eine lokale Platzierung anderswo“ – und am Ende summieren sich idealerweise diese kleineren Summen.
Natürlich beobachtet Moot auch die Entwicklungen auf dem weiten Feld KI sehr genau: „Die Musikindustrie muss Präzedenzfälle schaffen und klare Regeln durchsetzen, aber wir sollten uns nicht nur auf die negativen Aspekte von KI fokussieren“, sagt er.

„Korrekt und transparent“ eingesetzt, könne sie der Branche auf vielfältige Weise zugutekommen. Da sei „viel Platz auf der Tanzfläche für einen Player, der auf die Branche zugeht – wie Youtube es getan hat –, und mit ihr zusammenarbeiten anstatt vor Gericht streiten will.“ Derzeit sehe er freilich nicht, dass irgendjemand in der Musikindustrie durch KI wirklich Geld verdiene. Einige Songwriter nutzten KI vielleicht für einen Drumtrack, „oder als Hilfe beim Lyrics schreiben, wenn man nicht weiterkommt, aber noch hat sie keinen großen Einfluss.“
Die Entwicklung werde die „Messlatte für herausragende Songs noch einmal höher legen“, ist er überzeugt. Zwar dürfte manche Art von Musik von KI-Tracks ersetzt werden, im Fernsehen etwa oder in der Produktionsmusik, aber hauptsächlich würden sie wohl ergänzen, was schon geschaffen werde. „Ich glaube an die menschliche Unperfektheit“, sagt Moot. Einige der besten Platten aller Zeiten seien mit Kater oder in einem Studio aufgenommen worden, in dem nicht alles optimal funktioniert habe: „Dieser einmalige Moment, der etwas Besonderes entstehen lässt, ist nicht ersetzbar.“
Bowie und Co: die Kunst der Katalogdeals
Nur allzu willkommen ist KI anderswo, und zwar als Helfer, um jede Art von Nutzung eines Songs zu erkennen. Ein großes Thema für die Branche, wo in der Administration mit Unmengen an Daten hantiert werden muss, und eines, wo noch viel Geld verloren geht für Verlage und Songwriter. Auch so manches Content-Management-System von Plattformen ist nach Ansicht von Moot ausbaufähig.
Das Tempo der Auszahlungen, wenn die Nutzung denn korrekt erkannt wurde, ist eine weitere Baustelle: „Wenn ich einen Kaffee kaufe, ist das Geld von meinem Konto abgebucht, bevor ich den ersten Schluck genommen habe, im Publishing dauert es Monate oder Jahre“, sagt Moot. WCM arbeite mit den Verwertungsgesellschaften und anderen, damit es besser laufe. Songwriter hätten da bislang leider nicht immer die vollen Vorteile der Digitalisierung genossen, konstatiert er diplomatisch.
Mit Blick auf lukrative Rechtedeals sieht das anders aus. Aber seinen Katalog zu verkaufen, wolle wohl überlegt sein, betont Moot: Es sei eine sehr persönliche Entscheidung – „und sie ist endgültig. Für uns als Käufer geht damit eine große moralische Verantwortung einher.“
Immer wieder sage er daher Leuten: „Die entscheidende Frage ist nicht, wer deine Songs als Erstes kauft, sondern wer sie dem ursprünglichen Käufer vielleicht wieder abkauft.“ Es gibt zahllose Fälle, in denen sich Künstler bitterlich über die Nutzung ihre Songs in Werbeclips oder anderswo beschwerten, weil sie kein Mitspracherecht mehr hatten. Müßig zu erwähnen, dass Moot WCM nicht als Weiterverkäufer sieht. Als Käufer wiederum ist man wählerisch. In Frage kommt nur, wo man die Kontrolle und Ideen für die Auswertung hat.
„Katalogarbeit ist super spannend“, sagt er. „Manchmal ist es auch nur ein einziger Song, der in Stadien seit Jahren Auf und Ab läuft“. WCM habe etwa die Rechte von Nico & Vinz gekauft, „da ging es hauptsächlich um „Am I Wrong“, und dieser Song ist überall“. Während der Superhit der beiden Norweger erst rund zwölf Jahre alt ist, geht es bei mehrere Jahrzehnte alten Werken darum, sie am Leben zu halten und idealerweise der Generation Tiktok schmackhaft machen: „Wir versuchen, Kataloge mit frischem Blick zu betrachten und nicht aus der Perspektive von Leuten in meinem Alter, die damals auf die Show der Band gegangen sind“.
„Ich hasse es, zu sehr zurückzublicken“
Auch das wird den Briten noch eine ganze Weile beschäftigen. Vor rund einem Jahr wurden die Verträge von Carianne Marshall und ihm bis ins Jahr 2028 verlängert. Die Aussichten sind gut, vom Bundling-Streit mit Spotify in den USA einmal abgesehen. Der Publishing-Markt dürfte weiter schneller wachsen als jener für Musikaufnahmen, hieß es kürzlich in einer Analyse des Analysehauses Midia Research.

Gerade erst hat WCM John Ryan unter Vertrag genommen, Produzent und Ko-Songwriter unter anderem von Sabrina Carpenter. Ein Administrations-Deal mit den Nachlassverwaltern von Tom Petty wurde Anfang Juli verkündet und seit bald einem Jahr fungiert WCM als Verlagspartner für Foreigner-Mastermind Mick Jones. Ein Erfolg auch für Moot persönlich, mit Jones habe er bestimmt zehn Jahre lang immer wieder gesprochen, nie habe es gepasst.
Moot ist nicht der Typ, der mit seiner Star-gespickten Vita prahlt: „Ich hasse es, zu sehr zurückzublicken, auch wenn Leute immer gerne aufzählen, wen ich alles gesigned habe“. Der Reiz des Neuen sei viel spannender, „vielleicht höre ich morgen Nachmittag wieder einen Song, der mich total begeistert.“
Die Performance von Arsenal London dürfte ihn auf jeden Fall zufriedenstellen: Das Team ist diese Saison noch ungeschlagen – und meistens sind die Anstoßzeiten auch LA-freundlicher.





