https://www.faz.net/-gqe-907vf

Matthias Müller : Dem VW-Chef fehlt das Geschick in dieser Krise

Schaut sich auch gerne Autos der Konkurrenz an: Matthias Müller am Mercedes-Stand während der Automesse in Detroit. Bild: dpa

Volkswagen und andere Autokonzerne stehen unter Kartellverdacht, ein Gericht in Stuttgart hat Fahrverbote für ältere Dieselautos erlaubt und dann ist da noch der Abgasskandal: Gerade jetzt braucht es jemanden, der mit den Menschen ordentlich redet.

          2 Min.

          Er würde sich lieber stärker damit beschäftigen, den Umbau des Volkswagen-Konzerns in Richtung Elektromobilität und Digitalisierung voranzutreiben, als mit dem Abgasskandal, hat VW-Konzernchef Matthias Müller vor knapp einem Jahr bei einem Treffen mit dem Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten gesagt. 15 bis 30 Prozent seiner Zeit widmete er damals dem Abgasskandal. „Ich würde lieber 100 Prozent meiner Arbeitszeit dem Transformationsprozess widmen“, sagte er.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Davon ist er in diesen Tagen wohl weiter entfernt denn je: Volkswagen steht mit anderen Autokonzernen unter Kartellverdacht. Beim Tochterunternehmen Audi sollen schon 2013 Ingenieure auf die illegale Abschalteinrichtung bei Dieselmotoren hingewiesen haben, die 2015 zum Abgasskandal führte. Der Verkehrsminister verhängt ein Zulassungsverbot ausgerechnet für einen Porsche – das Unternehmen, wo Müller bis zu seinem Sprung an die Spitze des Volkswagen-Konzerns 2015 die Geschäfte führte. Dazu kommt die politische Debatte über Fahrverbote für Dieselautos. Müller kommt auch in seinem zweiten Jahr auf dem Chefsessel in Wolfsburg nicht aus dem Krisenmodus.

          „Man tut dem Diesel unrecht“

          Dabei kennt der 1953 geborene Manager sie alle, die Problemkinder des Konzerns. Bei Audi begann der studierte Informatiker 1978 seine Karriere. Es folgte ein Wechsel zu VW, Ende 2010 übernahm er die operative Führung bei Porsche. Der Nachfolger Martin Winterkorns ist ein Produkt des Unternehmens, selbst wenn er nicht so technisch detailverliebt ist wie sein Vorgänger. Müller reizt die Herausforderung, VW auch unter dem radikalen Strukturwandel der Autobranche technisch weiter an der Spitze zu halten. Er gilt als Mann, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Er sei kein Politiker, hat er in kleineren Runden gesagt. Sprich: Taktieren ist nicht seins.

          Vielleicht ist er dieser Tage auch deswegen etwas dünnhäutig. Als Umweltministerin Barbara Hendricks ihm und der gesamten Branche in Wolfsburg die Leviten gelesen hat und sich über mögliche Kartellabsprachen, über Schummelsoftware und Abgaswerte beim Diesel empörte, forderte Müller nüchtern, die Debatte um den Verbrennungsmotor müsse versachlicht werden. Nächste Woche muss er nach Berlin zum Autogipfel. Dort geht es darum, wie die drohenden Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge in Innenstädten verhindert werden können. „Ich hoffe, dass dieser Dieselgipfel eine ernsthafte Angelegenheit wird, keine Inszenierung und kein Wahlkampfthema“, sagte er. Dass Inszenierung in so politisch aufgeregten Zeiten, in denen um die Zukunft des Verbrennungsmotors gerungen wird, wichtig ist, ist ihm offenkundig fremd.

          Autobauer unter Druck : Weil hofft auf Kartellbehörden

          Dafür ist Müller doch zu sehr Techniker. „Die gegen den Dieselmotor laufende Kampagne ist heftig, der Marktanteil des Diesels rückläufig“, hat er erst vor wenigen Tagen in einem Interview gesagt. „Doch man tut dem Diesel unrecht.“ Er weiß, dass die Autohersteller den neuen Grenzwert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer von 2020 an ohne den Diesel nur schwer erreichen können. Die Elektromobilität nimmt – gerade in Deutschland – nur langsam Fahrt auf, auch wenn Müller anstrebt, dass bis 2025 jedes vierte verkaufte Auto des Konzerns elektrisch fahren soll. Auf absehbare Zeit geht es seiner Ansicht nach nicht ohne saubere Verbrennungsmotoren. Kein Fachmann würde Müller da widersprechen. Um dafür in der Öffentlichkeit mehr Verständnis zu finden, müsste der VW-Chef aber doch ein bisschen mehr Politiker werden.

          Weitere Themen

          Russlands wunde Punkte

          Ukraine-Krise : Russlands wunde Punkte

          Neue westliche Sanktionen könnten Russland hart treffen – aber auch in Ländern wie Deutschland Schaden anrichten, das von russischem Gas abhängig ist.

          Topmeldungen

          Was hat Wladimir Putin in der Ukraine vor?

          Ukraine-Krise : Russlands wunde Punkte

          Neue westliche Sanktionen könnten Russland hart treffen – aber auch in Ländern wie Deutschland Schaden anrichten, das von russischem Gas abhängig ist.

          Nach der Flutkatastrophe : Warum ein Ehepaar jetzt an die Ahr zieht

          Tamara Segers und Reinhard Boll wollten helfen und bauten im Flutgebiet eine Kaffeebude auf, die für viele Betroffene zum Ankerpunkt wurde. Jetzt zieht das Ehepaar aus dem Münsterland selbst an die Ahr. Warum?