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Autoindustrie : Wie die Hastor-Familie sich mit Zulieferern und Herstellern anlegt

Sitzprobe: Grammer-Mitarbeiter testen Lastwagensitze. Bild: dpa

Die deutsch-bosnische Investorengruppe opponiert offen gegen das Übernahmeangebot des chinesischen Großaktionärs Ningbo Jifeng. Dabei ist der Streit um den bayerischen Automobilzulieferer Grammer nur einer von vielen Konfliktherden.

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          Eigentlich wollte die Führung des Autozulieferers Grammer am Freitag über eine Investorenvereinbarung informieren, die sie mit dem Großaktionär Ningbo Jifeng abgeschlossen hat. Kurz vor Beginn der Telefonkonferenz folgte die Absage. Es habe sich eine neue Situation ergeben, nachdem der zweite Grammer-Großaktionär das Übernahmeangebot von Ningbo Jifeng als zu gering bezeichnet habe, erklärte ein Sprecher des Autozulieferer aus der Oberpfalz.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Martin Gropp

          Der zweite Grammer-Anteilseigner ist kein geringerer als die deutsch-bosnische Investorenfamilie Hastor, die seit ihrem Lieferboykott gegen den Volkswagen-Konzern vor zwei Jahren in der Automobilbranche berühmt-berüchtigt ist. Die Hastors sind an Grammer, einem Hersteller von Sitzen, Kopfstützen und Mittelkonsolen, über zwei Gesellschaften mit knapp 20 Prozent beteiligt. Das angekündigte Übernahmeangebot des chinesischen Autozulieferers Ningbo Jifeng lehnen sie ab: „Wir betrachten das Angebot wirtschaftlich als unzureichend.“ Damit nicht genug, deuteten sie eine Übernahmeschlacht an: „Wir werden nun alle vorhandenen Optionen prüfen, auch den nochmaligen Ausbau unserer Beteiligung.“

          Mit Aktienkäufen den Kurs nach oben treiben?

          Zu all dem wollte die Grammer-Führung am Freitag nichts sagen. Man äußere sich nicht zu Spekulationen, sagte der Unternehmenssprecher. Äußerst gesprächig war er jedoch zu den Plänen des chinesischen Familienunternehmens und dessen freiwilligem Übernahmeangebot. Ningbo Jifeng sichere die Zukunft von Grammer, indem es für eine „Stabilisierung der Aktionärsstruktur und Sicherung der Wachstumsstrategie und Kundenbeziehungen“ sorge. Der chinesische Großaktionär, hinter dem die Familie Wang steht, war der Grammer-Führung im Streit mit der Hastor-Familie als weißer Ritter beigesprungen und hält inzwischen 25,5 Prozent der Aktien. Mit ihrem Übernahmeangebot wollen die Chinesen nun die Mehrheit. Allerdings wird der vorgeschlagene Preis von 60 Euro zuzüglich 1,25 Euro Dividende, mit dem nach Prüfung durch die Finanzaufsicht Bafin Ende Juli gerechnet wird, von der Börse längst überboten: Die im S-Dax notierte Grammer-Aktie kostete am Freitag zeitweilig mehr als 68 Euro.

          GRAMMER

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          Ob die Familie Hastor schon mit Aktienkäufen den Kurs nach oben treibt oder womöglich selbst an einer Übernahmeofferte bastelt, ist unklar. Die Chinesen wollen ihrerseits mit einer umfassenden Investorenvereinbarung für Klarheit sorgen. Darin machen sie langfristige Zusagen mit Laufzeiten von bis zu siebeneinhalb Jahren, „als sichere Basis für Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter“. Standorte und Marke solle ebenso erhalten bleiben wie die Börsennotierung, heißt es. Auch bekenne sich der Bieter zum aktuellen Management. Ohne dessen Unterstützung seien keine strukturellen Maßnahmen wie Aufspaltung, Beherrschungsvertrag, Delisting, Squeeze-Out oder ähnliches vorgesehen.

          Die Belegschaft in der Oberpfalz ist gleichwohl auf der Hut und weiß die Gewerkschaft hinter sich. „Die IG Metall wird wachsam sein, dass der chinesische Investor seine Zusagen auch einhält“, sagte der bayerische IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler und verwies auf die schlechte Erfahrung, die Mitarbeiter des Lampenherstellers Ledvance mit Geldgebern aus dem Reich der Mitte gemacht haben: „Auch der Investor bei Ledvance hatte zunächst viele Zusagen gemacht.“ Osram hatte Ledvance im vergangenen Jahr an chinesische Investoren verkauft, die nun die Werke in Augsburg und Berlin schließen und 1400 Arbeitsplätze streichen. Grammer beschäftigt in Amberg 2000 und insgesamt 13.000 Mitarbeiter.

          Eilantrag auf einstweilige Verfügung abgelehnt

          Die Auseinandersetzung um Grammer ist nicht die einzige, in dem Beteiligungsgesellschaften der Hastors stecken. Die Unternehmerfamilie und ihre Prevent-Holding, in der mehrere kleinere Autozulieferer vereint sind, legte sich in den vergangenen Jahren gleich mit mehreren großen Autoherstellern an, zu denen bis dahin aus Sicht der Hersteller recht störungsfreie Geschäftsbeziehungen bestanden. Prominentestes Beispiel ist der VW-Konzern aus Wolfsburg.

          Erst am Mittwoch hatte das Landgericht in Dortmund einen Eilantrag auf einstweilige Verfügung der Hastor-Beteiligung TWB aus Hagen gegen VW und dessen Tochtergesellschaft Audi abgelehnt. Nachdem die Autohersteller Verträge mit dem Sitzmodulhersteller TWB gekündigt hatten, wollte dieser dagegen klagen und eine schnelle Entscheidung erwirken. Die Richter in Dortmund sahen die Klage zwar als zulässig an, verneinten aber die Eilbedürftigkeit. Schließlich laufe der gekündigte Vertrag noch bis März nächsten Jahres. Es sei genügend Zeit, über den Fall in einem Hauptsacheverfahren zu entscheiden. Ein Antrag darauf sei angekündigt, aber noch nicht eingereicht worden, sagte ein Gerichtssprecher am Freitag.

          Ein weiterer Schauplatz des Streits der Hastors mit VW befindet sich im Saarland. Dort gehört der umtriebigen Familie die Neue Halberg Guss aus Saarbrücken, die unter anderem Motorblöcke für VW herstellt. Mitte April hatte der Zulieferer seine Preise von jetzt auf gleich verzehnfacht. Grund soll gewesen sein, dass VW die Verträge mit der Neuen Halberg Guss angeblich zu Ende Juni gekündigt hatte. VW bestreitet das und argumentiert, dass zwischen dem Autokonzern und seinem Zulieferer weiterhin die unbefristeten Lieferverträge bestünden. Mit dieser Auseinandersetzung ist es ähnlich wie mit der Grammer-Übernahme: Ausgang offen.

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