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Automobilhersteller Dacia : Die Erfolgskutsche aus der Walachei

Gut poliert: Dacia ist eine aufstrebende Marke - auch in seiner Heimat Rumänien Bild: dpa

Vor 15 Jahren übernahm Renault den rumänischen Autohersteller Dacia. Seit der Finanzkrise wächst keine der Volumenmarken schneller als der Billiganbieter.

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          Dem alten Ausspruch nach steht die Walachei für Ödnis, Armut, Hinterwäldlertum. Doch derzeit ist sie ganz vorn. Denn aus der rumänischen Region südlich der Karpaten stammt die erfolgreichste europäische Automarke: Dacia. Der Hersteller aus dem Kreis Arge am gleichnamigen Fluss hat 2013 in der EU fast 290.000 Neuwagen verkauft, 23 Prozent mehr als im Vorjahr. Nach Auskunft des europäischen Automobilverbands ACEA lagen die Rumänen mit diesem Wachstum weit an der Spitze. An den nächsten Stellen rangierten Mazda, Jaguar und Seat, deren Stückzahlen aber kleiner sind.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Dacias Marktanteil unter den Personenwagen betrug 2,4 Prozent, im Vorjahr waren es erst 1,9 Prozent gewesen. Und der Siegeszug geht weiter. Im ersten Halbjahr dieses Jahres legten die Neuzulassungen des Unternehmens um mehr als 36 Prozent zu, womit der Anteil auf fast 3 Prozent kletterte. Damit steht Dacia auf Position 15 der zugkräftigsten Marken in der EU und hat Seat, Kia oder Volvo längst hinter sich gelassen.

          Dacia feiert, und das zu Recht. Vor zehn Jahren kam in Westeuropa das Modell Logan auf den Markt, vor neun Jahren wurde es in Deutschland eingeführt. Der Grundpreis von 7200 Euro leitete einen unvergleichlichen Aufstieg im Billigsegment ein. „Dacias Geschichte ist eine Wundergeschichte, damit hätte niemand gerechnet“, sagt Helmut Becker, der ehemalige Chefvolkswirt der BMW AG. Inzwischen leitet er das Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation in München. „Heute staunen alle, welche preiswerten und zuverlässigen Autos die Rumänen bauen können“, sagt Becker. „Die Konkurrenz will das unbedingt kopieren, egal ob Opel oder Volkswagen.“

          Gerade in schwierigen Zeiten, wie sie seit der Finanz- und Wirtschaftskrise in Europa herrschen, kommen außergewöhnliche Autos gut an, am oberen wie am unteren Ende der Preisskala. Insgesamt ist der Pkw-Markt in der EU 2013 um 1,7 Prozent geschrumpft. Unter den europäischen Herstellern konnten nur Daimler sowie Jaguar-Landrover mehr Autos verkaufen als im Vorjahr – und Renault, der Mutterkonzern von Dacia.

          Dacia klettert in Beliebtheitsskala nach oben

          Er verdankt diesen Erfolg allein den Rumänen, während die übrigen Konzernmarken Einbußen erlitten: Knapp 430.000 aller 2,6 Millionen Einheiten entfielen im vergangenen Jahr auf die Produkte aus der Walachei. Acht Modellreihen gibt es, Dacia liefert in 42 Länder. Bis heute gilt der leichte Geländewagen (SUV) Dacia Duster als das erfolgreichste Modell der Renault-Gruppe. Selbst in Frankreich trumpfen die Südosteuropäer auf. Der Kleinwagen Dacia New Sandero ist dort das drittbeliebteste Auto.

          In Deutschland, das traditionell größere und hochwertigere Modelle liebt als die Franzosen, ist der Dacia-Absatz in einem schrumpfenden Markt gewachsen. Insgesamt ging der Pkw-Verkauf 2013 um 4,2 Prozent zurück. Demgegenüber gab es für die Rumänen ein Plus von 1,3 Prozent auf knapp 45.000 Neuzulassungen; damit hat man in der Gesamtzahl Citroën fast erreicht. Unter den nichtdeutschen Marken legten Mazda, Kia, Ford und Landrover zwar schneller zu, aber von diesen bringt nur Mazda in Deutschland mehr Einheiten an den Kunden als Dacia.

          Von den mehr als sechs Millionen Fahrzeugen, die das Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren in aller Welt verkauft hat, sind 350.000 nach Deutschland gegangen. 2007, als die Finanzkrise einsetzte, brachte es Dacia in Deutschland auf einen Marktanteil von weniger als 0,6 Prozent, heute sind es 1,6 Prozent. Die Bundesrepublik ist für die Marke inzwischen der wichtigste Markt hinter Frankreich. Natürlich hat das mit dem Preis zu tun. Der Sandero wirbt damit, „Deutschlands günstigstes Auto“ zu sein, er ist für knapp 6900 Euro zu haben. Aber andere Billigautos haben in Europa nicht Fuß fassen können; so sind die Chinesen mit jedem Vorstoß gescheitert. „Der Preis ist nicht alles, das Design, die Verlässlichkeit und vor allem die Sicherheit müssen auch stimmen“, sagt Becker. Dacia schneidet dabei gut ab. Im Crashtest von Euro NCAP hat der Sandero vier von fünf Sternen erhalten.

          Geschäfte mit Billigautos sind schwierig

          In der Mängelliste der Dekra-Prüfer rangiert er im oberen Mittelfeld, beim Werterhalt und Wiederverkaufswert gehört Dacia zu den führenden Herstellern. Hinzu kommt ein günstiges Image. Wer Dacia fährt, ist nicht zwangsläufig arm. Oft dient das Schnäppchenauto als Zweitwagen oder als Understatement. Werbeträger ist der ehemalige Fußball-Nationalspieler und heutige Sportkommentator Mehmet Scholl mit dem Slogan: „Statussymbol für alle, die kein Statussymbol brauchen.“

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