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„Bisher ungekannte Realität“ : Bevölkerung schrumpft vielerorts

Deutschland ist eine alternde Gesellschaft. Bild: dpa

Noch wächst die Weltbevölkerung, aber längst nicht überall. Eine neue Studie spricht von „bisher ungekannter Realität“ für schrumpfende Länder. Im Koalitionsvertrag der Ampel schlägt sich das Thema kaum nieder.

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          Noch wächst die Weltbevölkerung. Je nach Szenario könnten es 11 Milliarden Menschen am Ende des Jahrhunderts sein, möglicherweise aber auch weniger. Wahrscheinlich ist, dass im Jahr 2023 die Marke von 8 Milliarden überschritten wird. Dabei gibt es große Unterschiede: Vor allem in Entwicklungsländern in Afrika und Asien wachsen die Bevölkerungen, in anderen Regionen schrumpfen sie schon jetzt. Laut einer neuen Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB), die der F.A.Z. vorliegt, sind von dem Bevölkerungsrückgang 18 Länder betroffen. Sechs weitere, darunter Deutschland, schrumpfen nur deshalb nicht, weil der negative Bevölkerungssaldo durch Einwanderung aufgefangen wird.

          Martin Franke
          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Die Ampelkoalition hat in ihrem knapp 180 Seiten langen Koalitionsvertrag die demographischen Aspekte der Politik und Wirtschaft kaum angesprochen. Gerade einmal an vier Stellen wird dieses Zukunftsthema erwähnt. Dabei ist es auch für Deutschland hoch relevant. Ein negativer Bevölkerungssaldo kommt dann zustande, wenn mehr Menschen sterben, als geboren werden. Demographen sprechen auch von Sterbeüberschuss. „Der Sterbeüberschuss, der zu Bevölkerungsrückgang führt, ist als Problem bisher weniger beachtet worden“, sagt Frank Swiaczny, einer der Studienautoren. Zuwanderung habe das Schrumpfen der deutschen Bevölkerung seit 1972 aufgefangen – das könne sich in Zukunft jedoch ändern. In einigen Ländern wie Lettland, Litauen und Bulgarien ist dieser Trend schon seit Jahren sichtbar.

          China beginnt in zehn Jahren zu schrumpfen

          Die BiB-Studie untersucht, wie lange es dauert, bis auf den Rückgang der Fertilität ein Sterbeüberschuss folgt. Das Neue an der Studie ist weniger der Trend als die Geschwindigkeit, mit der sich Rückgänge bemerkbar machen werden. Demnach bedeutete das Schrumpfen „für viele Länder in den nächsten Jahrzehnten eine bisher ungekannte Realität“. Swiaczny sagt: „Auf einen schnellen Rückgang der Fertilität auf ein niedriges Niveau, wie es nach 1990 in Osteuropa beobachtet werden konnte, folgt mit einem geringen zeitlichen Abstand ein Sterbeüberschuss.“ Heißt: Erst bekommen die Frauen weniger Kinder, dann überwiegt die Zahl der Toten die der Geburten.

          In Europa hat diese Entwicklung nur 17 Jahre gedauert. In China als dem bevölkerungsreichsten Land der Welt wird das „natürliche Wachstum“ in etwa zehn Jahren enden und „ein langfristiger Bevölkerungsrückgang einsetzen“, schätzen die Autoren. Auch Indien und die USA werden in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu schrumpfen beginnen. Der Rückgang der Bevölkerung mache sich häufig zuerst in strukturschwachen Regionen bemerkbar.

          Helfen könnten laut Swiaczny lebenslanges Lernen und Investitionen in die Gesundheit, ebenso wie Anpassungen in der Arbeitswelt. Außer dem Bevölkerungsrückgang dürfte die Vergreisung die Rentensysteme belasten und sich auf die Produktivität einer Gesellschaft auswirken. Es ergäben sich jedoch auch Chancen: weniger Ressourcenverbrauch und geringere CO2-Emissionen.

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          F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Wo die Millionenstädte der Zukunft liegen Bild: Illustration: Katharina Hofbauer

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