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Kommentar : Machtwechsel bei Airbus

Das Ende einer Zweckehe: Als Erster geht Fabrice Brégier (links), Tom Enders folgt später. Bild: Reuters

Bei Airbus sind neue Zeiten angebrochen und das soll sich auch personell an der Konzernspitze zeigen. Für eine erfolgreiche Zukunft braucht das Unternehmen keine politische Führung – sondern die besten Manager!

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          Im Flugzeuggeschäft ist langer Atem gefragt, heißt es gerne in der Branche, denn die Maschinen fliegen oft Jahrzehnte. Mit langem Vorlauf bereitet Airbus jetzt auch einen personellen Neuanfang vor. Der Verwaltungsrat des europäischen Luft- und Raumfahrtunternehmens verkündet fast 17 Monate vor dem Vertragsablauf, dass der Vorstandsvorsitzende Tom Enders im April 2019 abtreten werde. Damit nimmt das Gremium in Kauf, dass die Autorität der Airbus-Führung für diese lange Übergangszeit geschwächt wird.

          Die Verwaltungsräte hatten keine andere Wahl. Die Vorwürfe im Zuge der zahlreichen Korruptionsermittlungen waren zu schwer geworden, auch wenn noch niemand verurteilt ist. Wenn Staatsanwaltschaften aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Österreich ermitteln, weil sie konkrete Anhaltspunkte für Fehlverhalten haben, wenn Airbus einräumen muss, dass es Unregelmäßigkeiten auch in den Vereinigten Staaten gab, und wenn die heute noch aktiven Führungskräfte während dieser Vorkommnisse gesamtunternehmerische Verantwortung trugen, dann muss ein Schnitt erfolgen. Schon die Bestechungsskandale von Siemens, Alstom oder Rolls-Royce haben gezeigt, dass sauberes Geschäftsgebaren heute keine lästige Pflicht sein darf, sondern die Voraussetzung für das Überleben des Spitzenmanagements ist.

          Ein Neuanfang in zwei Schritten

          Der Neuanfang bei Airbus kommt allerdings in zwei Schritten. Als Erster geht im Februar der Franzose Fabrice Brégier. Enders folgt später – und das auf eigenen Wunsch, wie er glaubhaft versichert. Das Revirement erfolgt auf dem Papier ohne schwere Brüche, weil die Verträge der Topmanager jeweils zum Zeitpunkt ihres Abgangs auslaufen. Hinter den Kulissen fand freilich ein heftiger Machtkampf statt. Die französische Regierung wollte dem Vernehmen nach den sofortigen Abtritt von Enders und von Brégier durchsetzen, mindestens jedoch den gleichzeitigen Abschied von beiden im Februar.

          Weil der politische Durchgriff nicht der Unternehmensverfassung von Airbus entspricht, widersetzte sich der Verwaltungsrat und stellte sich einstimmig hinter Enders. Die Taue zwischen Airbus und der Politik sind zwar nicht gekappt. Für das Airbus-Rüstungsgeschäft sind die Staaten die wichtigsten Kunden, und bei den zivilen Passagierflugzeugen leisten sie mit subventionierten Krediten Anschubfinanzierung für die Entwicklung neuer Modelle. Doch trotz der staatlichen Kapitalanteile aus Deutschland und Frankreich von jeweils 11 Prozent sowie Spanien von 4 Prozent sitzen keine Regierungsvertreter mehr im Verwaltungsrat.

          Der Vertrauensvorrat war aufgebraucht

          Das zeigt, dass bei Airbus neue Zeiten angebrochen sind. Dies soll sich nun auch personell an der Konzernspitze niederschlagen. Die Chemie zwischen Enders und Brégier stimmte zuletzt nicht mehr. Der Vertrauensvorrat ihrer beruflichen Zweckehe, die zehn Jahre hielt, war aufgebraucht. Ob die neue Nummer zwei, der Franzose Guillaume Faury, eine maßgebliche Führungsfigur wird, muss sich noch zeigen. Nicht ausgeschlossen ist, dass sich das Nationalitäten-Karussell in einem Jahr wieder dreht: Dann könnte ein Deutscher die Spitze des Verwaltungsrates einnehmen, die heute der Franzose Denis Ranque hält, während die operative Führung an einen Franzosen ginge.

          Das wäre freilich das alte Airbus-Modell. Warum nicht auch Kandidaten prüfen, die weder einen deutschen noch einen französischen Pass besitzen? Das Lagerdenken hat Enders bei Airbus zurückgedrängt. Die Eröffnung neuer Werke in China und in den Vereinigten Staaten steht für seinen globalen Ansatz. Seine Straffung der Konzernstrukturen war ebenso richtig wie der Einsatz für Antikorruptionsregeln, den Enders zwar spät begann, dann aber entschlossen verwirklichte.

          Erzrivale Boeing hat sich industriell verschlankt

          Es gibt aber auch Schattenseiten. Airbus plagen die Militärprogramme A400M sowie Eurofighter, das Hubschraubergeschäft leidet, den Zivilbereich belastet das kommerzielle Scheitern des Riesenfliegers A380. Der Erzrivale Boeing hat sich in jüngster Zeit einmal mehr industriell verschlankt und bringt Flugzeuge am laufenden Band auf den Markt. In diesem Jahr haben die Amerikaner nicht nur doppelt so viele Bestellungen für Passagiermaschinen wie Airbus hereingeholt, sie haben auch deutlich mehr ausgeliefert.

          Dort wo Boeing Gewinne in Milliardenhöhe einfährt, verbrennt Airbus derzeit liquide Mittel in beunruhigender Höhe. Die operative Umsatzrendite des amerikanischen Wettbewerbers ist mit gut 10 Prozent doppelt so hoch wie die von Airbus. Das liegt auch am umfangreichen Rüstungsgeschäft von Boeing. Enders wollte Airbus durch die Fusion mit BAE einst zu einem vergleichbaren Gegenspieler von Boeing aufbauen, doch das verwehrte ihm die deutsche Politik.

          Insgesamt ist aber das Glas bei Airbus halb voll. Der Aktienkurs notiert in der Nähe von Rekordständen und hat unter den Wirren der vergangenen Monate kaum gelitten. Die Analysten sind zuversichtlich. Im weltweiten Duopol kommen neue Bestellungen herein, zumal die Erneuerung des Brot-und-Butter-Fliegers A320 und die Einführung des A350 geglückt sind. Für eine weiterhin gute Zukunft braucht Airbus die besten Manager und keine politische Führung aus Paris oder Berlin.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

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