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Grammer-Hauptversammlung : „Raubkapitalismus übelster Sorte“

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Erleichtert: Der Vorsitzende des Aufsichtsrats des Automobilzulieferers Grammer, Klaus Probst (links), und der Vorstandsvorsitzende, Hartmut Müller, nach der Hauptversammlung Bild: dpa

Es war ein stundenlanger heftiger Schlagabtausch: Die Hauptversammlung des Autozulieferers Grammer zog sich bis in den Abend. Am Ende scheiterte die bosnische Unternehmerfamilie Hastor mit ihren Anträgen zum Manager-Wechsel.

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          Nach heftigem öffentlichen Streit über die Zukunft des Autozulieferers Grammer ist der Großaktionär Hastor mit seinen Plänen zur Machtübernahme vorerst gescheitert. Die Hauptversammlung in Amberg ließ den unbeliebten Investor am Mittwoch mit seinen Anträgen zur Neubesetzung der Firmenspitze abblitzen. Hastor wollte unter anderem Grammer-Chef Hartmut Müller stürzen und eigene Leute in den Aufsichtsrat schicken. Die Aktionäre entlasteten Vorstand und Aufsichtsrat aber mit großer Mehrheit und lehnten es ab, Müller und seinen Kollegen das Vertrauen zu entziehen. Vertreter der beiden Investmentvehikel des Großaktionärs warfen Vorstand und Aufsichtsrat auf dem Aktionärstreffen zahlreiche Verfehlungen vor und kündigten rechtliche Konsequenzen an.

          Firmenspitze und Großaktionär hatten sich stundenlang mit gegenseitiger Kritik beharkt. Man müsse befürchten, dass Cascade „lediglich eigene Ziele verfolgt“, die eine Gefahr für das Unternehmen bedeuten könnten, sagte der Grammer-Chef. Dem Großaktionär gehe es um kurzfristige Gewinnmaximierung, während die Firmenführung die langfristige Zukunft des Zulieferers verfolge. Cascade-Anwalt Franz Enderle warf dem Vorstand angesichts üppiger Abfindungsregelungen vor, er denke nur daran, „wie er seine eigene Position sichern kann“, nicht an die Zukunft der Firma. Hastor hält laut Müller über seine zwei Investmentvehikel Cascade und Halog derzeit rund 23 Prozent der Anteile. Der chinesische Großaktionär Ningbo Jifeng, den die Grammer-Spitze als Retter und „weißen Ritter“ an Bord geholt hatte, kommt auf gut 15 Prozent.

          Viele Großkunden sehen den Hastor-Einstieg mit Sorge

          Die bosnische Unternehmerfamilie Hastor ist auch außerhalb der Autobranche bekannt, seit ihre Prevent-Gruppe im Sommer 2016 heftig mit VW stritt und zeitweise die Produktion des Autobauers lahmlegte. Experten befürchten, dass Hastor auch bei Grammer eine schärfere Tonart gegenüber den Kunden anschlagen wird. Zu den größten Abnehmern des Herstellers von Kopfstützen, Armlehnen und Mittelkonsolen für Pkw und von Sitzen für Nutzfahrzeuge zählen Volkswagen, BMW und Daimler. Cascade-Anwalt Enderle hielt der Grammer-Spitze vor, hinter der Abwehrstrategie gegen Hastor stehe Volkswagen. Weil der Großkunde Vorstandschef Müller „den Sattel gehalten“ habe, seien ernsthafte Preisverhandlungen künftig nicht mehr möglich. „Sie werden nicht umhinkommen, jeden Preis, den VW diktiert, zu akzeptieren.“ Bei den in der Autobranche üblichen ruppigen Verhandlungen gelten die Wolfsburger als besonders harte Knochen.

          Müller sagte, VW habe keinen Beitrag zum Abwehrkonzept geleistet. Er verwies darauf, dass viele Großkunden den Hastor-Einstieg mit Sorge sähen. Dem Konzern seien Neuaufträge in Millionenhöhe weggebrochen. „Hastorenschreck treibt Grammer Kunden weg“, stand auf einem Plakat, mit dem vor Beginn der Hauptversammlung rund 2000 Mitarbeiter und Mitglieder der IG Metall protestierten. „Die Hastors interessieren sich nur für kurzfristige Gewinne“, sagte der bayerische Gewerkschaftschef Jürgen Wechsler. „Alle Akteure stellen sich gegen diesen Investor: Grammer, die Beschäftigten, die Kunden von Grammer, Aktionärsvertreter, Analysten und die Politik.“

          Auf der Hauptversammlung äußerten viele der rund 500 Anteilseigner Kritik an Hastor. „Das Unternehmen darf keinesfalls unter die Kontrolle undurchsichtiger Machenschaften geraten“, sagte Günther Hausmann von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Es darf nicht sein, dass eine Minderheit derart ungeniert durchregiert.“ Ein Kleinaktionär nannte Hastors Vorgehen „Raubkapitalismus übelster Sorte“. Ein institutioneller Anleger sagte, wenn ein Aktionär die Kontrolle übernehmen wolle, mache er üblicherweise ein Übernahmeangebot. Eine „kalte Übernahme“ passe nicht zum Kapitalmarkt. Hastor-Vertreter Enderle sagte, Cascade beabsichtige weder, seine Beteiligung an Grammer aufzustocken noch eine Übernahme und erst recht keinen Anteilsverkauf. „Wir sind gekommen, um zu bleiben.“

          Mehreren Mitgliedern der Grammer-Spitze warf Anwalt Enderle Pflichtverletzungen und Straftaten wie den Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen vor. Der Aufsichtsrat habe in Abwesenheit eines Mitglieds – das der Hastor-Seite zugerechnet wird – „die Spendierhosen angezogen“ und die drei Vorstände „mit einem goldenen Fallschirm ausgestattet“. Die üblichen Grundsätze für Kontrollwechsel seien dabei nicht eingehalten worden, vielmehr seien die Anteile von Familienmitgliedern rechtswidrig zusammengerechnet worden. Für den Vorstand heiße dies: „Geld gibt’s nur, wenn der Aktionär unerwünscht ist.“

          Der Vertreter des Grammer-Großanteilseigners Halog kündigte wegen der Wandelanleihe rund um den Einstieg der Chinesen „ganz erhebliche wirtschaftliche und rechtliche Konsequenzen“ an. „Ich hätte fast vergessen, dass es um 14.000 Arbeitsplätze geht – vor lauter Paragraphen“, konterte ein Kleinaktionär die langen juristischen Ausführungen. Eine Grammer-Mitarbeiterin sagte: „Ich hoffe, dass wir nach dem heutigen Tag wieder wichtigere Themen als Hastor haben.“

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