https://www.faz.net/-gqe-8cdje

Nach Amerika-Reise : Bei VW ist man mit dem Chef nicht zufrieden

Nach Glanz und Glamour auf der Auto Show in Detroit wartet auf VW-Chef Müller in Wolfsburg nun wieder der Alltag. Bild: dpa

Mit dem Amerika-Besuch des Chefs sind die Wolfsburger nicht glücklich. Das Präsidium des VW-Aufsichtsrats trifft sich nächste Woche. Auf Vorstandschef Matthias Müller warten kritische Fragen.

          3 Min.

          Volkswagen-Chef Matthias Müller wird sich kritische Fragen anhören müssen, wenn er Anfang der nächsten Woche dem Aufsichtsratspräsidium von VW über die Ergebnisse seiner Amerikareise berichtet. „Amüsiert waren wir nicht gerade, über das, was dort passiert ist“, hieß es im Umfeld einiger Mitglieder. Es sei fatal, dass in den Vereinigten Staaten der Eindruck entstanden sei, das neue Management von Volkswagen habe im Abgasskandal womöglich kein Unrechtsbewusstsein. Müllers Fauxpas bei einem Radiointerview, in dem er genau diesen Eindruck erweckte, bescherte Volkswagen vor dem Treffen mit der Chefin der amerikanischen Umweltbehörde EPA, Gina McCarthy, ein PR-Debakel. Müller hatte den Abgasskandal als „technisches Problem“ gewertet. Auf die Frage eines Reporters nach der ethischen Dimension zeigte er sich irritiert. „Wir haben nicht gelogen. Wir haben die Frage anfangs nicht verstanden, und dann haben wir seit 2014 daran gearbeitet, das Problem zu lösen“, sagte Müller dem Sender NPR. In Aufsichtsratskreisen hatte das am Dienstag für erhebliche Verärgerung gesorgt.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Ob die harte Haltung der EPA auch auf dieses Interview zurückzuführen ist, ist unklar. Entgegen aller von Volkswagen geäußerten Hoffnungen auf eine Einigung mit der EPA endete das Treffen Müllers und des VW-Markenchefs mit McCarthy ohne Ergebnis. „Wir wissen es zu schätzen, dass sich Gina McCarthy die Zeit für ein Treffen mit uns genommen hat“, teilte VW nach dem Gespräch mit. Und: Volkswagen werde weiter intensiv mit den amerikanischen Behörden zusammenarbeiten. Die EPA teilte mit, VW habe noch keinen genehmigungsfähigen Rückrufplan für Dieselautos vorgelegt, bei denen die Abgaswerte manipuliert sind. Die EPA hatte die Manipulationen im Frühsommer 2014 aufgedeckt und im September 2015 öffentlich gemacht. Schlechter hätte es für Müller auf seiner Reise kaum laufen können. Entsprechend groß ist die Unruhe bei einigen Präsidiumsmitgliedern. „Natürlich können wir uns über dieses Ergebnis nicht freuen“, hieß es.

          VW verhandelt weiter und will nun versuchen, die Umweltbehörden mit einem neuen Angebot zu überzeugen. Dazu könnte auch ein teurer Rückkauf von 100.000 der insgesamt betroffenen rund 580000 Dieselautos in Amerika gehören, bei denen eine technische Lösung nur schwer möglich ist. Die große Hoffnung auf eine baldige Lösung habe damit einen Dämpfer erhalten, hieß es aus Aufsichtsratskreisen. Man werde gemeinsam mit Müller über die jüngsten Entwicklungen beraten, erst danach sei eine Bewertung möglich.

          Betriebsrat: „Wir haben klare Positionen“

          Nicht nur das Aufsichtsratspräsidium, auch der Gesamtbetriebsrat ist mit dem Ergebnis der Amerika-Reise nicht zufrieden. Der Gesamtbetriebsrat kommt zum Jahresauftakt an diesem Freitag bei einem Spitzentreffen zum ersten Mal zusammen. „Dabei geht es sowohl um die weitere Aufarbeitung und die Konsequenzen aus dem Diesel-Skandal, als auch um die weitere Gestaltung des Gesamtkonzerns und unserer eigenen Gremien“, hatte der Vorsitzende Osterloh erklärt. Beraten wird auch die von Müller geplante neue Struktur, die den zwölf Marken des Konzerns mehr Freiheiten geben soll. Deswegen sind unter anderem Audi-Betriebsratschef Mosch und Porsche-Betriebsratschef Hück eingeladen. „Wir haben klare Positionen und eigene Strategien zur Weiterentwicklung des VW-Konzerns“, sagte Osterloh.

          Trotz des Abgas-Skandals, der im Unternehmen unter Führung Müllers intern nur unter dem Begriff „Diesel-Thematik“ läuft, geht die IG Metall mit den gleichen Forderungen für den VW-Haustarif in die nächste Tarifrunde wie für die restliche Metall- und Elektroindustrie Niedersachsens. Beide Verhandlungen sollten verknüpft werden, hatte der Erste Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, gesagt. Der VW-Haustarif läuft Ende Juni aus.

          Nicht nur in Amerika, auch in Deutschland muss sich VW derweil auf eine wachsende Zahl von Entschädigungsklagen einstellen. Eine Düsseldorfer Kanzlei, zu der der frühere FDP-Innenminister Baum gehört, hat in ihrer Stiftung für vom Abgas-Skandal betroffene VW-Kunden mittlerweile mehr als 60.000 Autobesitzer versammelt. So viele Kunden hätten sich bei der Stiftung Stichting Volkswagen Car Claim in den Niederlanden registriert, sagte der Anwalt Julius Reiter der „Rheinischen Post“. Allein in Deutschland sind rund 2,8 Millionen Fahrzeuge von „Dieselgate“ betroffen. Die Kanzlei Baum, Reiter und Kollegen organisiert die Stiftung und hofft, mit VW im Namen der in der Stiftung gemeldeten Autobesitzer einen außergerichtlichen Vergleich zu erzielen und das Geld auf die Mitglieder zu verteilen. Anders als in Amerika ist in Deutschland eine Sammelklage nicht möglich.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf der Suche nach Yves Etienne Rausch: Ein Polizeihubschrauber über dem Waldgebiet nördlich von Oppenau

          Flüchtiger bei Oppenau : „Der Wald ist sein Wohnzimmer“

          Noch immer wird er gesucht: Dass sich vier Polizisten von einem „Waldläufer“ überwältigen ließen, sorgt für Belustigung. Polizei und Staatsanwaltschaft haben daher am Dienstag noch einmal detailliert geschildert, wie es dazu kam.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.