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Wuzhou, Kanton, China : In der Welthauptstadt für Kunstdiamanten

Bild: dpa/picture-alliance

Aus China kommen 80 Prozent aller Juwelen-Imitate. Doch wegen steigender Kosten könnte die Industrie nach Südostasien abwandern: ein Beispiel für den Strukturwandel in der Volksrepublik.

          2 Min.

          Nicht alles, was glänzt, ist Gold, nicht alles, was glitzert, sind Diamanten. In Zeiten, in denen Edelmetalle und Edelsteine großen Wertschwankungen ausgesetzt sind, lohnt es sich, über Alternativen nachzudenken. Weniger als Geldanlage, wohl aber als Schmuck. Schließlich lassen sich Diamanten heute künstlich und damit preisgünstig herstellen, sie heißen dann Zirkonia, Fianit oder kurz KSZ.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Das Weltzentrum für diese artifiziellen Schmucksteine ist Wuzhou. Die kantonesische Stadt in Chinas Südprovinz Guangxi direkt an der Grenze zu Guangdong stellte 2013 rund 100 Milliarden Pseudo-Preziosen her. Das waren fast 80 Prozent des Weltbedarfs, wie die Zeitung „China Daily“ in ihrer heutigen Ausgabe schreibt. 90 Prozent davon gingen ins Ausland.

          Der größte Teil der Produktion sind KSZ. Erstmals war die Züchtung dieser Einkristalle aus Zirconiumoxid sowjetischen Wissenschaftler 1937 gelungen. In den Siebzigerjahren entwickelten sie sie für militärische Zwecke weiter.

          Billige Arbeits- und Wasserkraft lockten Hongkongs Investoren

          1982 brachte ein junger Hongkonger das Verfahren nach Wuzhou. Dort lockten billige Arbeitskräfte und billiger Strom  aus Wasserkraft. Denn für die Fianit-Herstellung sind hohe Temperaturen und daher viel Energie nötig.

          Dem Pionier folgten zahlreiche weitere Unternehmer, so dass sich die Stadt bald zum wichtigsten Standort für die Imitate entwickelte. Auch die Festlandchinesen entdeckten die Chancen, importierten die Maschinen und machten sich mit kleinen Werkstätten selbständig. Im Jahr 2000 beschäftigte die Branche 100.000 Personen in Wuzhou, ein Drittel aller Arbeitskräfte. In Tausenden Betrieben und Familienwerkstätten stellten sie 6 Milliarden Steine im Großhandelswert von 3 Milliarden Yuan her, nach heutigem Wert 360 Millionen Euro.

          Doch die manuelle Arbeit, die vor allem aus Zuschneiden und Schleifen bestand, war beschwerlich, gesundheitlich bedenklich und zudem ineffizient. Mit steigenden Arbeitskosten und Protesten gegen die Arbeitsbedingungen wurde der Standort immer uninteressanter.

          Durchbruch mit Automatisierung

          Jeder Arbeiter schaffte damals 100 Steine am Tag. Das änderte sich erst, als 2011 ein örtlicher Wissenschaftler eine Maschine entwickelte, welche die Produktivität verzehnfachte und das Arbeiten sehr viel angenehmer machte. Statt 100.000 Personen sind heute nur noch 20.000 in dem Zweig tätig. Sie schaffen zusammen 100 Milliarden statt 6 Milliarden Steine im Jahr. Außerdem ist deren Qualität besser.

          Der Preisverfall, die steigenden Kosten für Rohmaterialen, Recycling und Umweltschutz sowie der wachsende Außenwert des Renminbi führen allerdings dazu, dass die Gewinnspannen eher sinken als zunehmen. Das jedenfalls sagen die Hersteller in dem Zeitungsartikel.

          Deshalb wollen die Unternehmen immer höher die Wertschöpfungsleiter hinaufklettern, was bedeutet, dass sie nicht mehr nur die Kunststeine an Dritte liefern, sondern gleich den ganzen Schmuck selbst herstellen. Um das zu lehren, wurde an der örtlichen Hochschule ein eigener Studiengang für Schmuckdesign eingerichtet.

          Noch freilich tragen die eigenen Entwürfe international nicht sehr weit, weshalb einer der Unternehmer sagt: „Wenn wir nicht die Designs aus Italien, Frankreich, Österreich, Hongkong oder Belgien kopieren, haben wir keine Chance, uns in den Markt zu drängen.“

          Möglicherweise kann selbst das die Schmucksteinindustrie in Wuzhou nicht retten. Weil die Kosten in China inzwischen zu hoch seien, dächten immer mehr Hersteller daran, an billigere Standorte umzuziehen, vor allem nach Südostasien, schreibt „China Daily“. Insofern ist die kleine Stadt im Süden ein Spiegelbild des schwierigen Strukturwandels, den die Volksrepublik derzeit durchläuft.

          Geld verdienen kann am heutigen Tage eher, wer asiatische Aktien besitzt. Die Kurse dort steigen, der Regionalindex MSCI Asia Pacific legt um 0,4 Prozent zu. Aufwärts geht es vor allem in Japan, wo die Zentralbank eine Ausweitung der Geldmenge und der Kreditprogramme beschlossen hat. Der Yen fällt, die Kurse steigen. Der Topix-Index legt 1,5 Prozent zu.

          Anleger, die Kasse machen, können sich dafür mache teure Sache kaufen: Statt Tand aus Wuzhou vielleicht lieber echte Diamanten.

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