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Vor Autogipfel in Berlin : Der Zwang zum E-Auto-Glück

  • -Aktualisiert am

So sieht derzeit noch die Realität aus. Bild: Appel

Deutschland soll Elektroautoland werden. Nur, die Kunden ziehen nicht mit. Also will die Politik die Wende mit noch mehr Subventionen erzwingen. Heute Abend folgt des Dramas nächster Akt.

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          Die deutsche Politik weiß genau, mit welchem Antrieb Autos auf Deutschlands Straßen künftig unterwegs sein sollen. Nein, müssen. Anders ist nicht zu erklären, dass auf dem an diesem Montagabend anberaumten Elektroautogipfel in Berlin offenbar diskutiert werden soll, ob die Subventionen für Elektroautos verdoppelt und verdreifacht werden sollen. Weil die bisherige Bilanz ein einziges Dokument des Scheiterns ist, soll die Steuerschatulle noch weiter geöffnet werden als bisher. Gerade mal 220.000 Elektroautos sind auf den Straßen, das ist weit entfernt von den von der Bundesregierung ausgegebenen Zielen.

          Doch die Kundschaft lässt sich nicht zwingen und auch nicht täuschen. Allenfalls für den innerstädtischen Verkehr ist Elektromobilität heute alltagstauglich, in der Regel also als Zweitwagen. Aber die meisten Menschen brauchen eben ein Erstauto für jeden Tag, das auch mal spontan für weitere Strecken taugt. Wer unterwegs schnell laden muss, zahlt bis zu 65 Cent je kWh, damit fährt das Elektroauto teurer als jeder Diesel. Ladesäulen zu errichten kostet viel Geld, deswegen der hohe kWh-Preis und die Unlust der Stromkonzerne, solche aufzubauen. Also soll auch hier der Staat ran, soll heißen, der steuerzahlende Bürger.

          Immerhin ruft die Bundeskanzlerin, wenn auch halbherzig, zu etwas Vernunft. An den erwünschten eine Million Ladepunkten bis zum Jahr 2030 müsse sich auch (!) die Industrie beteiligen, sagte Angela Merkel am Sonntag. Warum auch? Soweit bekannt, werden Tankstellen von Shell oder Aral betrieben, nicht vom Bundesfinanzminister. Billiger wird der Strom deswegen freilich ohnehin nicht, im Gegenteil. Leidet der Haushalt von Olaf Scholz erst unter sinkender Mineralölsteuer, wird er eine Steuer auf den Strom aufschlagen, wetten?  

          Das haben die Menschen längst begriffen

          Nur wer zuhause für etwa 30 Cent je kWh lädt, kommt mit den Betriebskosten einigermaßen hin und erfreut sich an nahezu lautloser und lokal emissionsfreier Fortbewegung, die in der Tat ein gutes Gefühl vermittelt. Doch bietet das keinen ausreichenden Mehrwert zu den Hürden, und deutlich teurer als die Anschaffung eines Benziners oder Diesels ist der Kauf eines Elektroautos auch. Das haben die Menschen, auch wenn es die mit blindem Eifer voranschreitenden Freunde des Elektroautos nicht wahrhaben wollen, längst begriffen.

          Deshalb greifen sie nicht zu. Und aus vielen anderen Gründen auch nicht: Im Regen mit dem Ladekabel hantieren, bereitet keine Freude. Selbst am Schnelllader eine Stunde warten zu müssen, um von Frankfurt nach München zu kommen, ist ein Hindernis. Dass viele Elektroautos langsamer laden, als es die Säulen könnten, ist ein peinliches Versäumnis der Hersteller. Dass der Strom in Deutschland zu großen Teilen eben gerade nicht aus regenerativer Energie stammt, macht die schönsten Klimaträume zunichte.

          Die Elektromobilität funktioniert nirgends aus sich heraus

          Der rascheste Effekt zur CO2-Minderung stellte sich ein, führe die Menschheit wieder mehr Diesel. Aber das will niemand hören. Stattdessen wird, im Zweifel über Steuern, die der Radfahrer aus dem Frankfurter Nordend entrichtet und der E-Auto-Käufer aus dem Villenviertel als Mitnahmeeffekt einstreicht, die Verengung auf eine Antriebsart quasi verordnet. Dabei funktioniert die Elektromobilität (noch) nirgends auf der Welt aus sich heraus, nicht mal in China, wo die Verkäufe mit abnehmenden Subventionen sinken. Norwegen schafft es nur mit gelenkten Kaufpreisen und einem Strompreis nahe null, weil der Strom aus der reichlich vorhanden Wasserkraft produziert wird – das Land verschweigt freilich zugleich, dass sich die üppigen Staatseinnahmen aus der Ölförderung speisen. Die Doppelzüngigkeit dieser Debatte ist kaum mehr zu glauben.

          Dass ein neues Bewusstsein für Umweltfragen in der Bevölkerung um sich greift, ist unübersehbar und richtig. Man könnte auf die Idee kommen, den besten Weg mit Technologieoffenheit und der Kreativität der Unternehmer erkunden zu lassen. Aber dazu ist die Politik offenbar nicht bereit. Dann muss sie wenigstens so ehrlich sein und den Menschen sagen: Individuelle Mobilität wird viel teurer.

          Und weil wir uns aufs Elektroauto versteifen, verstellen wir zugleich den Blick auf das, was zumindest den die Debatte beherrschenden Innenstadtbewohnern wirklich helfen würde: Intelligente Konzepte für weniger Verkehr in den Ballungszentren. Aber wer, wie geschehen, in der vergangenen Woche in einer überfüllten Bahn gestanden hat und mit der auch noch zu spät gekommen ist, wird zumindest die kaum als verlockende Alternative erachten.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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