Verbandstagung : Die Nahoststudien boykottieren sich selbst

Die Nahoststudien präsentieren sich auf ihrer Verbandstagung als tief zerrissenes Forschungsfeld. Die Existenz des jüdischen Volkes wird geleugnet, radikalisierte Splittergruppen bestimmen den Ton.
Der Titel des Eröffnungsvortrags der Tagung, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt wurde, lautete „Palästina ist der Kompass: Der Gaza-Völkermord und die Zukunft der Wissenschaft“. Der Historiker Abdel Razzak Takriti von der Rice University stellte darin die gesamte westliche Welt und die gesamte westliche Wissenschaftslandschaft als mitverantwortlich für den Gazakrieg dar, der durchgängig als Völkermord beschrieben wurde. Der Massenmord des 7. Oktober wurde ebenso wenig erwähnt wie die Hamas. Palästinensische Gewalt wurde, wenn überhaupt, nur in seltsamen Umschreibungen angedeutet und legitimiert: „In Western-Filmen werden immer nur Indigene gezeigt, die einen Zug angreifen und weiße Frauen vergewaltigen, aber niemand fragt, warum da ein Zug ist.“
Der Vortrag leugnete die Existenz des jüdischen Volkes („Netanjahu ist Pole“) und beschrieb israelische Juden als „europäische Kolonisten, die in Palästina von westlichen Mächten angesiedelt wurden“. Einem kurdischen Wissenschaftler wurde auf seine vorsichtige Nachfrage hin vom Redner unterstellt, ein israelischer Spion zu sein. In der anschließenden Fragerunde beklagte eine Teilnehmerin, israelische Austauschstudenten brächten eine „genozidale Atmosphäre“ nach Deutschland. Ausgerechnet in München, der „Hauptstadt der Bewegung“, war das eine etwas überraschende Analyse.
Klientelistische Wissenschaftsfreiheit
Nicht alle Panels der Tagung waren mit einer ähnlichen Schlagseite versehen, auch wenn es neben vielen hochwertigen Vorträgen einige aktivistische Panels gab. Die zentrale Veranstaltung zum Thema Wissenschaftsfreiheit und Israelboykott fand ausgerechnet am Freitagabend statt, also genau zu dem Zeitpunkt, als die wenigen verbliebenen jüdischen und israelischen Wissenschaftler sich im Abendgottesdienst zu Beginn des jüdischen Neujahrsfests Rosch ha-Schana befanden. Nicht nur bei dieser Veranstaltung ließen sich allerlei gewagte rhetorische Manöver beobachten, die den Kampf für die eigene Wissenschaftsfreiheit mit dem Kampf gegen die Wissenschaftsfreiheit von israelischen Wissenschaftlern in Einklang bringen sollten: Da wurde feinfühlig zwischen „positiver Wissenschaftsfreiheit“ (gut, weil nur für das eigene Lager) und „negativer Wissenschaftsfreiheit“ unterschieden (schlecht, weil auch für den politischen Gegner) oder schlicht dafür plädiert, den allzu liberalen Begriff der Wissenschaftsfreiheit doch lieber durch die Idee der Wissenschaftsdemokratie zu ersetzen: Wer die Mehrheit besitzt, soll demnach in Zukunft über den Zugang zum Diskurs bestimmen, so kann man das wohl verstehen.
Besonders auffällig war aber ein ganz anderer stiller Boykott: Von den achtzehn deutschen Standorten für Islamwissenschaft waren gerade noch vier Universitäten mit mindestens einem Professor oder einer Professorin vertreten, von der Arabistik waren nur zwei von insgesamt neun Standorten auf professoraler Ebene repräsentiert, und von den fünf deutschen Professuren für die Politik des Nahen Ostens war nur Hamburg vertreten. Andere Standorte und klassische Teilfächer der Nahoststudien fehlten vollständig, darunter das gesamte Orient-Institut Istanbul, die Leitungsebene des Zentrums Moderner Orient (ZMO) und jeweils alle (!) deutschen Professuren für Turkologie/Türkeistudien, Islamische Theologie, Semitistik und Iranistik.
Trotz des Bekenntnisses der DAWANA zu einer „inklusiven wissenschaftlichen Gemeinschaft“, die auch Judaistik und Israel-Studien umfassen soll, fehlten auf der Münchener Tagung jene lokalen Vertreter, die man auf einer pluralistischen Nahost-Tagung vermutet hätte – also der Münchener Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur sowie das daran angegliederte Zentrum für Israel-Studien (ZIS) und die Münchener Judaistik mit ihrer Forschungsstelle für jüdisch-arabische Kulturen, vielleicht der wichtigste deutsche Standort für das Judentum des Nahen Ostens. Die Münchener Kollegen waren nicht die Einzigen: Bei näherem Hinsehen fehlten im Programm der Tagung alle deutschen Professoren für Judaistik und Jüdische Geschichte.
Glorifizierung der Hamas, Dämonisierung eines Juden
Die Gründe dafür sind leicht ersichtlich: Die Radikalisierungsspirale der DAWANA lässt nur noch wenig Raum für Kontakte zu den Jüdischen Studien oder der jüdischen Gemeinschaft. Das neugeschaffene Gremium für Wissenschaftsfreiheit hat sich bisher in hundert Prozent seiner öffentlichen Statements zur Wissenschaftsfreiheit von israelkritischen Veranstaltungen geäußert, aber noch kein einziges Mal zur bedrohten Wissenschaftsfreiheit von jüdischen oder israelischen Wissenschaftlern. Als einziger Kontaktpunkt zur jüdischen Welt dient dem Gremium für Wissenschaftsfreiheit dabei der „Verein palästinensischer und jüdischer Akademiker“, der mit seiner Nähe zu den Kampfbegriffen der BDS-Bewegung ähnlich repräsentativ für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sein dürfte wie der Verein „Juden in der AfD“ auf der anderen Seite des Spektrums.
Auf der DAWANA-Tagung in München gesellte sich eine noch kleinere und radikalere Splittergruppe hinzu: Ausgerechnet Udi Raz, an der Freien Universität Berlin eingeschrieben für eine Promotion im Fach Islamwissenschaft, wurde als Vertretung der Jüdischen Studien in das Gremium für Wissenschaftsfreiheit gewählt. Raz ist Vorstandsmitglied der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als gesichert extremistische Bestrebung geführt wird, teilt in den sozialen Medien glorifizierende Nachrufe auf die Hamas-Anführer Isma’il Haniya und Yahia Sinwar, beschreibt die Bundesrepublik Deutschland als „Nazi-Deutschland“, das unter „arischer Vorherrschaft“ stehe – und bezeichnete Lahav Shapira, der von einem mutmaßlich antisemitischen Angreifer zusammengeschlagen wurde, als „notorisch rassistischen Juden“ mit einer „satanischen Seele“. Der DAWANA-Vortrag von Raz, der demonstrativ mit Wassermelonen-Kippa und Kufiya gehalten wurde, sprach konsequent vom „sogenannten Staat Israel“ und dem „sogenannten Zentralrat der Juden“ und endete unter viel Beifall mit dem Slogan, dass „die Befreiung Palästinas vom Zionismus auch die Befreiung des Judentums vom Zionismus“ sei.
Nicht nur nach diesem Vortrag herrschte in München zum Teil offene Erschütterung über die politische Radikalisierung von Teilen des akademischen Mittelbaus. Türkische Wissenschaftler entschuldigten sich bei israelischen Kollegen für das aggressive Auftreten von manchen deutschen Nahostwissenschaftlern; etablierte Islamwissenschaftler fühlten sich als „Feinde behandelt“, Vertreter des Gremiums für Wissenschaftsfreiheit bezeichneten die Situation der DAWANA als „an einem Kipppunkt“; die wenigen Vertreter der Israel-Studien wurden vielfach gebeten, nicht aus der DAWANA auszutreten, um nicht den angeschlagenen Pluralismus des Verbandes weiter zu beschädigen. Ohne eine Kraftanstrengung wird dieser Pluralismus allerdings nicht zu retten sein: Das offene Desinteresse der meisten professoralen Fachvertreter deutet eher auf einen Verband hin, der nur noch den linken Flügel des Mittelbaus vertritt.
Das Kernproblem ist nicht das legitime Entsetzen über die humanitäre Katastrophe im Gazastreifen – aber wer wissenschaftlich-analytisch über den Gazakrieg und israelische Kriegsverbrechen sprechen will, kann dabei unmöglich die schwere Schuld verschweigen, die die Hamas mit dem Massaker des 7. Oktober, der Entführung von israelischen Soldaten und Zivilisten sowie mit ihrer zynischen Kriegsführung auf sich geladen hat. Auch wäre die Kritik am israelischen Vorgehen im Gazastreifen manchmal glaubwürdiger, wenn man sich mit ähnlich viel Herzblut für die zivilen Opfer des jemenitischen Bürgerkriegs oder des Sudankriegs einsetzen würde – leider gab es zu beiden Konflikten keinen einzigen Vortrag auf der gesamten Tagung.
Was bleibt also, drei Jahre nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober? Noch nie war der Bedarf an wissenschaftlichen Kooperationen zwischen Islamwissenschaft/Nahoststudien und Judaistik/Israel-Studien so groß wie heute. An vielen deutschen Standorten sind diese Beziehungen bereits vertrauensvoll und stabil – ganz gleich, ob im Rahmen von gemeinsamen Studiengängen, Kolloquien oder Forschungsprojekten zu den ambivalenten Feindschafts- und Nachbarschaftsbeziehungen zwischen Juden und Muslimen, ob im Nahen Osten oder in Europa. Zwei kleine Fächer, die zudem häufig in denselben Instituten verankert sind, können es sich gar nicht leisten, einen Stellvertreterkonflikt zu inszenieren, indem man sich alle Kampfbegriffe und Maximalforderungen der einen oder der anderen Seite zu eigen macht.
Hilfreich ist dabei wissenschaftliche Distanz zum eigenen Forschungsobjekt und die Bereitschaft, widersprüchliche Perspektiven und Dissens zuzulassen. Das wäre auch der DAWANA ehrlich zu wünschen – Eröffnungsvorträge, in denen die Existenz des jüdischen Volkes geleugnet wird, oder die Kooperation mit antizionistischen Splittergruppen, die zum Teil vom Verfassungsschutz überwacht werden, machen es den Israel-Studien zunehmend schwer, die Hand zum Dialog ausgestreckt zu halten.





