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Geplanter Kanal : Lieber rot als tot

Seit Jahren auf dem Rückzug: das Tote Meer Bild: REUTERS

Der Pegel des Toten Meeres sinkt jedes Jahr um gut einen Meter. Nun soll Wasser aus dem Roten Meer den größten Salzwassersee der Welt retten - aber nicht alle sind begeistert.

          Die afrikanischen Pilger sind nicht zimperlich. An der Stelle, wo einst Johannes Jesus getauft haben soll, tauchen sie ein kleines Mädchen in die trüben Fluten. Im Frühjahr ist der Jordan, der hier die Grenze zwischen Israel und Jordanien markiert, gerade tief genug für das alte Ritual - auch wenn er einem größeren Bach als einem ausgewachsenen Fluss gleicht.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Wenige Kilometer südlich fließt im Jordan-Bett oft nur noch ein braunes Rinnsal. Monatelang gelangt im Sommer gar kein Tropfen mehr ins Tote Meer. Der Pegel des größten Salzwassersees der Erde sinkt deshalb jedes Jahr um gut einen Meter. Die Anlieger des Flusses graben dem Meer buchstäblich das Wasser ab. Israelis, Palästinenser und Jordanier nutzen es lieber am Oberlauf für ihre Felder und Plantagen, die von Jahr zu Jahr größer werden.

          Jetzt soll das Rote Meer dem Toten Meer helfen. Dafür ist ein 180 Kilometer langer Kanal geplant. Zu Jahresbeginn stellte die Weltbank eine neue Studie vor, die das knapp zehn Milliarden Dollar teure Vorhaben als „machbar“ einstuft. Am Wochenende wurden während des regionalen Weltwirtschaftsforums in Jordanien die Stellungnahmen aus Amman, Jerusalem und Ramallah erwartet. Jordanien hat schon erste Zustimmung signalisiert. Dem kleinen Königreich geht das Wasser aus; mehr als eine halbe Million syrische Flüchtlinge ließen den Bedarf zuletzt noch weiter wachsen.

          Umweltschützer auf beiden Seiten des Jordans halten von dem Großprojekt nichts. „Wir sollten nicht Gott spielen und das Wasser aus zwei Meeren vermischen“, sagt Gidon Bromberg. Man wisse einfach nicht, was danach passieren werde. Bromberg ist der israelische Vorsitzende der „Friends of the Earth“, der einzigen grenzüberschreitenden Umweltgruppe, die auch in Jordanien und Palästina aktiv ist. „Besser tot als rot“ lautete die Überschrift der ersten Stellungnahme seiner Organisation zur Weltbank-Studie.

          180 Kilometer bei 420 Metern Höhenunterschied: der geplante Wasserkanal vom Roten zum Toten Meer

          Mehr als ein Jahrzehnt dauert der Streit schon an. Für die Befürworter ist es ein großes Friedensprojekt, das die drei Anrainer des Toten Meers einander näher bringen und helfen wird, mögliche Kriege um das immer knapper werdende Wasser zu verhindern. Die Gegner befürchten eine ökologische Katastrophe und die Vergeudung vieler Milliarden Dollar. Auf den ersten Blick wirkt die Idee bestechend einfach: Salziges Wasser aus dem Roten Meer hilft, das Tote Meer wieder aufzufüllen.

          Wegen des Höhenunterschieds von mehr 420 Metern wird es auf seinem Weg in Richtung Norden gleich noch zwei Wasserkraftwerke antreiben. Mit der dort hergestellten Elektrizität ließe sich knapp die Hälfte der jährlich 2000 Millionen Kubikmeter Meerwasser entsalzen und in die jordanischen Großstädte hinaufpumpen. Die übrig bleibende Salzlauge würde dann den Pegel des sehr salzhaltigen Toten Meers wieder steigen lassen.

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