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Sankt Petersburg : Historiker wollte Leiche von Freundin in Fluss versenken

Bild: AP

Retter ziehen am Wochenende einen betrunkenen Historiker aus der Mojka – mit Leichenteilen im Rucksack. Er war schon vorher als gewaltbereit bekannt. Die Tat ist ein Beispiel für ein verbreitetes Problem in Russland: Gewalt gegen Frauen.

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          Aus der Mojka, einem Fluss in Sankt Petersburg, zogen Retter am frühen Samstagmorgen den 63 Jahre alten Historiker Oleg Sokolow mit einem Rucksack. Darin fand man laut Ermittlern zwei abgetrennte weibliche Hände und eine Pistole. Der Dozent an der örtlichen Staatlichen Universität, ein Spezialist für Napoleon und dessen Epoche, wurde stark unterkühlt und betrunken in ein Krankenhaus gebracht. In Sokolows Wohnung am Flussufer fand man einen Frauenkopf.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Das Opfer, die 24 Jahre alte Anastassija Jeschtschenko, war Sokolows Studentin gewesen und seine Lebensgefährtin geworden. Beide lebten zusammen, verfassten gemeinsam mehrere Aufsätze und teilten die Leidenschaft für historische Kostüme: Ein Foto aus dem sozialen Netz VKontakte zeigt Sokolow als Napoleon und Jeschtschenko als Joséphine im Tanz. Der Bruder der Getöteten berichtete nun, seine Schwester habe ihn um ein Uhr in der Nacht auf Freitag angerufen und gesagt, sie habe zum Geburtstag eines Freundes gehen wollen. Doch der eifersüchtige Sokolow habe sie beschimpft und geschlagen; sie habe nur noch einmal rasch zurück in die Wohnung gehen wollen, um ihre Sachen zu holen.

          Gegen zwei Uhr früh soll Sokolow Jeschtschenko in der Wohnung erschossen haben, mit vier Schüssen, wie er am Montag vor Gericht sagte. Noch am Freitagabend soll er Gäste empfangen haben, die Tote in einem Nebenzimmer versteckt. Dann soll er den Leichnam mit Säge und Küchenmesser zerlegt haben, wobei ihm übel geworden sei, weshalb er getrunken habe. So viel, dass er mit Rucksack in die Mojka gestolpert sei. Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen, wie ein Mann, angeblich Sokolow, andere Päckchen in den Fluss wirft, angeblich Körperteile. Taucher fanden zwar Schädel und Brustkorb eines bislang unbekannten Toten, suchten aber noch am Montag nach weiteren Leichenteilen.

          Der Mann, der Napoleon sein wollte – koste es, was es wolle

          Derweil begründete Sokolow vor Gericht das Geschehen damit, dass seine Lebensgefährtin wütend geworden sei, wenn es um seine Kinder aus früheren Bindungen gegangen sei und ihn mit einem Messer angegriffen habe: „Solch einen Ansturm der Aggression habe ich noch nie gesehen“, sagte Sokolow. Der Fall wird nicht nur wegen der grausigen Details diskutiert. Sokolow ist über Russland hinaus bekannt, veröffentlichte auch auf Polnisch und Französisch über sein Fachgebiet. In Frankreich, wo er Lehraufträge hatte, wurde er 2003 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. In seiner Heimat war Sokolow Mitglied des Wissenschaftsrats der Militärhistorischen Gesellschaft von Kulturminister Wladimir Medinskij. Letztere ist eine wichtige Kraft im Bemühen der Machthaber, Russlands Geschichte als Serie von Siegen dank starker Herrscher darzustellen; hinter den Glanz soll sogar Stalins Terror gegen die eigene Bevölkerung zurücktreten.

          Eine politische Volte des Petersburger Falles ist, wie Medinskijs Gesellschaft nach dem Mord versuchte, Sokolow vergessen zu machen: Sein Name verschwand aus der Liste der Wissenschaftsratsmitglieder auf der Website der Gesellschaft, die am Samstag zudem mitteilte, Sokolow sei „nicht Mitglied“, man habe nie von ihm gehört. Das wurde später kleinlaut korrigiert: Man arbeite einer neuen Besetzung. Sokolow war von seinem Forschungsgegenstand beseelt, wechselte laut Besuchern seiner Vorlesungen bisweilen ins Französische, spielte Napoleon und dessen Generäle nach. Passenderweise gilt der Dozent als einer der Gründer der militärhistorischen Rekonstruktion in Russland. Regelmäßig nahm er teil, wenn es galt, Schlachten des „Vaterländischen Krieges“ von 1812 darzustellen, wie Napoleons gescheiterter Feldzug in Russland genannt wird. Dabei war der Historiker auf die Rolle des Franzosenführers gebucht, zu Fuß und zu Pferde, mit Uniform und Säbel.

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