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Königlicher Besuch aus England : Total entspannt

Großbritanniens Königin Elisabeth II., 89 Jahre alt, kommt am 23. Juni zum fünften Mal nach Deutschland. Begleiten wird sie ihr Gatte, der 94 Jahre alte Prinz Philip. Mit einer Amtszeit von bereits mehr als 60 Jahren ist die Queen heute Europas dienstälteste Königin. Im September würde sie den Rekord ihrer Ur-Ur-Großmutter Victoria von 63 Jahren und 216 Tagen auf dem Thron brechen. Kein britischer Monarch hat dann länger regiert als sie. Bild: Reuters

Frühere Besuche der Königin Elisabeth II. in Deutschland waren häufig von Querelen überschattet. Doch diesmal stehen die Deutschen bei den Briten hoch im Kurs.

          Stell dir vor, die Queen reist nach Deutschland, und die Briten schauen weg. Während die Gastgeber an Spree und Main nervös das pompöse Hofzeremoniell studieren, staunen die Briten gerade über etwas anderes: Achtmal ist ihre 89 Jahre alte Monarchin in der vergangenen Woche öffentlich aufgetreten - beim Polo Windsor Cup in Sussex, bei der 800-Jahr-Feier der Magna Charta in Runnymede und fast täglich auf der Pferdebahn von Ascot. Die Reise nach Deutschland wird da nur noch als Verlängerung einer beachtlichen Auftrittsreihe wahrgenommen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Glückliche Zeiten! Die Gelassenheit, mit der das Königreich diesen siebten Deutschland-Besuch seiner Monarchin begleitet, spricht für die beinahe vollständige Normalisierung, die im deutsch-britischen Verhältnis eingekehrt ist. Nur noch wenige können sich heute daran erinnern, dass es einmal eine Zeit gab, in der deutsche Gäste unerwünscht waren - etwa bei der Hochzeit Elisabeths mit dem Herzog von Edinburgh, der immerhin am Bodensee zur Schule gegangen war und einen ganzen Schwarm deutscher Schwager hatte.

          1946 war das, ein Jahr nach Kriegsende - und fast zwanzig weitere Jahre dauerte es, bis die Queen ihren ersten Staatsbesuch im früheren Feindesland absolvierte. Die elftägige Reise, die sie zum Teil mit dem Schiff absolvierte, markierte in mehrerlei Hinsicht einen Durchbruch. Wegen der beiden Weltkriege lag die jüngste offizielle Visite eines britischen Monarchen 56 Jahre zurück. Es war König Edward VII., der älteste Sohn Königin Victorias und Elisabeths Urgroßvater, der das Kaiserreich 1909 besucht hatte und damals von seinem Neffen, Kaiser Wilhelm II., empfangen worden war. (Vier Jahre später, vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, befand sich Edwards Nachfolger George V. noch einmal kurz in Deutschland - als Hochzeitsgast der Prinzessin Viktoria von Preußen.) Elisabeths erster offizieller Deutschland-Besuch, 13 Jahre nach ihrer Thronbesteigung, baute seinerzeit Misstrauen ab, das sich in den Nachkriegsjahren zwischen Bonn und London angestaut hatte.

          Die Deutschen bejubelten ersten Besuch 1965

          Konrad Adenauer, der 1965 schon „Altkanzler“ war, hatte sich in den letzten Jahren seiner Amtszeit wiederholt verärgert gezeigt, dass London die von ihm eingeleitete Westbindung nicht mit einem Staatsbesuch honorierte. Sowohl der französische Präsident de Gaulle als auch die amerikanischen Präsidenten Eisenhower und Kennedy hatten der jungen Bundesrepublik die Ehre erwiesen. Nur die Queen hatte Adenauer - trotz mehrerer Einladungen - diese Geste versagt.

          1965 ließ es sich dann nicht länger aufschieben. Einige britische Zeitungen erklärten die Reise bis zuletzt für verfrüht, aber die Deutschen begrüßten sie als eine überfällige Bestätigung, dass sie zwanzig Jahre nach Kriegsende wieder zum Kreis salonfähiger Völker gehörten. Der Jubel war gewaltig. Als die Queen den Rhein hinunterschipperte, war auf dem Transparent einer Winzerfamilie aus Bacharach zu lesen: „Wir grüßen unsere Königin!“ Ihr zweiter Besuch, 1978, führte die Queen schon in das Land eines europäischen Partners.

          Königin Elisabeth II. und Prinz Philip

          Fünf Jahre zuvor war das Königreich der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, dem Vorläufer der EU, beigetreten. Schon damals gab es europapolitische Differenzen zwischen London und Bonn, unter anderem in der Konjunktur-, in der Fischerei- und in der Agrarpolitik. Politik sollte ausdrücklich keine Rolle spielen, aber Bundeskanzler Helmut Schmidt ließ es sich nicht nehmen, die Königin durch West-Berlin zu begleiten.

          Das eigentliche politische Geschäft besorgten die Außenminister Genscher und Owen, die Gespräche in Bonn führten. Bei einem Mittagessen im Bonner Palais Schaumburg sagte die Queen, der Bundeskanzler regiere nunmehr „eines der stärksten und höchst geachteten Länder der Welt“. Das waren neue Töne, und die Korrespondenten dieser Zeitung resümierten damals, alles sei „eine deutliche Nuance ungezwungener“ gewesen als beim ersten Besuch der Königin.

          Deren dritte Reise fiel in die Endphase des Kalten Krieges. Berlin beging 1987 seine 750-Jahr-Feier, und die West-Alliierten bekundeten der geteilten Stadt, hintereinander, auf höchster Ebene ihre Solidarität. Es wurde als politische Geste verstanden, dass sich Königin Elisabeth am Berliner und nicht am Bonner Amtssitz Richard von Weizsäckers empfangen ließ. Wie viel Misstrauen - zumindest auf Regierungsebene - noch im Raum war, zeigte sich allerdings zweieinhalb Jahre später, als die Mauer fiel und Premierministerin Margaret Thatcher vergeblich versuchte, die Wiedervereinigung Deutschlands zu hintertreiben.

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