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Bankenrettung : Spekulationen über den Kapitalbedarf europäischer Banken

  • Aktualisiert am

Die mit ihrem Griechenland-Engagement ins Schlingern geratene Bank Dexia wird verstaatlicht. Das belgische Geschäft übernimmt für vier Milliarden Euro die Regierung in Brüssel. Bild: reuters

Nach der teilweisen Verstaatlichung der belgisch-französischen Bank Dexia spekulieren Marktteilnehmer darüber, wer noch Hilfe brauchen könnte. Insgesamt überwog am Montag allerdings Optimismus ob des beherzten Eingreifens.

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          Die teilweise Verstaatlichung der belgisch-französischen Bank Dexia hat an der Börse für keine größere Verunsicherung gesorgt. Die Aktienbörsen tendierten positiv. Und auch Finanzwerte legten zu. Der Versicherer Axa und die Banken Unicredit, Intesa und BNP Paribas gehörten zu den besten Werten im Euroland-Standardwerteindex Euro Stoxx 50. Der Aktienkurs der französischen Großbank Société Générale handelte im Tagesverlauf nahezu unverändert gegenüber dem Freitagsschlusskurs. Offenbar gewinnt unter Markteilnehmern die Ansicht an Stärke, dass die europäischen Regierungen beherzter als bisher zupacken werden in der Lösung der Schuldenkrise und außerdem insbesondere den Finanzsektor mit ausreichend Kapital ausstatten werden, um einem möglichen Staatsbankrott eines Euromitglieds standhalten zu können.

          Das Hochhaus der BHF Bank in Frankfurt
          Das Hochhaus der BHF Bank in Frankfurt : Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

          Gleichwohl zeigt sich in der uneinheitlichen Kursentwicklung der Bankaktien, dass am Markt weiter darüber debattiert wird, welche Institute womöglich einen großen Kapitalnachschuss brauchen und nicht zuletzt auch, über welchen Weg dieser zustande kommen wird. Was die zweite Frage angeht, herrschte auch im Anschluss an das Treffen zwischen der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy am Sonntag Unklarheit. Gerüchte machten die Runde, nach denen die französische Regierung dafür plädiert, dass der Rettungsfonds EFSF eine große Rolle spielen soll und sich an in Not geratenden Banken beteiligt. Demgegenüber favorisiere die deutsche Regierung die Variante, dass sich zunächst jedes Land um „seine“ Banken kümmert und erst in einem zweiten Schritt – wenn dessen Möglichkeiten ausgeschöpft sind – der EFSF übernimmt.

          Banken schätzen den Kapitalbedarf ihrer Wettbewerber

          Noch unklarer ist aber nach wie vor, welches Finanzinstitut wie viel Kapital benötigt. Die Forschungsabteilungen großer internationaler Banken versuchen sich zuweilen an Überschlagsrechnungen. Die australische Bank Macquarie simuliert in einer aktuellen Studie beispielsweise die von der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) durchgeführten Stresstests unter der Annahme, dass in Griechenland ein Schuldenschnitt von 65 Prozent, in Irland und Portugal von 50 Prozent und in Spanien und Italien von 20 Prozent vorgenommen wird. Gemessen an einer Kernkapitalquote von 7 Prozent ergebe sich danach ein zusätzlicher Kapitalbedarf in Höhe von rund 200 Milliarden Euro für das Bankensystem innerhalb der EU, also unter Einbeziehung auch von Großbritannien. Im Ergebnis haben, „wenig überraschend“, wie die Autoren der Studie schreiben, kleine portugiesische, spanische und italienische Banken den höchsten prozentualen Rekapitalisierungsbedarf. Die amerikanische Bank JP Morgan kommt nach einem Bericht des Wall Street Journal alleine für die französischen Banken Crédit Agricole, BNP Paribas und Société Générale auf einen Kapitalnachschuss von 20 Milliarden Euro. Der Internationale Währungsfonds beziffere den Kapitalbedarf wiederum für das europäische Bankensystem insgesamt demnach auf 100 bis 200 Milliarden Euro. Die Schätzungen ändern sich stark, je nachdem, was das unterstellte Szenario ist. Außerdem sei zumal in Bezug auf die Bankenstudien darauf verwiesen, dass mitunter direkte Wettbewerber die Autoren der Studien sind.

          Die belgisch-französische Dexia ist das erste Finanzinstitut, das nun teilweise verstaatlicht wird infolge der eskalierten Schuldenkrise in Euroland. In der Nacht zum Montag wurde bekannt, dass Belgien den belgischen Arm Dexias für 4 Milliarden Euro übernimmt. Außerdem werden Belgien, Frankreich und Luxemburg gemeinsam weitere 90 Milliarden Euro garantieren für Risikopapiere, die in eine sogenannte Bad Bank ausgelagert werden. Dexia hatte sich mit Investitionen in Griechenland übernommen und war ins Taumeln geraten, in den vergangenen Tagen zogen verunsicherte Kunden massenweise Spargelder ab, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters.

          Griechenlands Protonbank wird verstaatlicht

          Dexia spielt eine bedeutende Rolle als langfristiger Finanzier französischer Kommunen. Dieser Bereich soll abgespalten und von der französischen Staatsbank Caisse des Depots und der Postbank Banque Postale aufgefangen werden. Der Verwaltungsrat beauftragte das Bankmanagement damit, entsprechende Verhandlungen mit den französischen Instituten aufzunehmen, wie Dexia in Brüssel mitteilte. Für den luxemburgischen Arm und die türkische Tochter Deniz-Bank werden demnach noch Käufer gesucht.

          In Athen teilte das Finanzministerium am Montag mit, dass bei der Protonbank die griechische Notenbank einspringen werde. Das Geldhaus mit rund 700 Angestellten war ins Wanken geraten, nachdem die Justiz des Landes Informationen nachging, die Bank betreibe Geldwäsche. Jetzt soll die Notenbank Gelder vom 2010 geschaffenen Rettungsschirm in Höhe von 110 Milliarden Euro anzapfen, um dem Haus zu helfen.

          Die Bankenlandschaft verändert sich unterdessen auch ungeachtet der aktuellen Schuldenkrisen-Thematik. Die Deutsche Bank kommt offenbar nicht wie geplant voran, die BHF-Bank zu verkaufen. Zunächst scheiterte ein Verkauf an die Liechtensteiner Fürstenbank LGT, nun kann der interessierte Investor RHJ offenbar nicht die Mittel für den Kauf aufbringen. Derweil teilte das belgische Finanzinstitut KBC mit, ihre Tochtergesellschaft KBL, zu der auch die in München ansässige Privatbank Merck Fink gehört, für etwas mehr als eine Milliarde Euro an die luxemburgische Holding Precision Capital zu verkaufen, hinter der ein Investor aus Katar stehe.
           

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          Unser Autor: Martin Benninghoff

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