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Rating : Ich wurde abgewertet

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Bild: Archiv

Wovor heute Länder zittern, das erleben Leute jeden Tag: Jemand erklärt, dass er nichts mehr auf dich gibt. Und dann? Geschichten vom Herabgestuftwerden.

          12 Min.

          Im Schulorchester

          Eigentlich war der Musiklehrer schuld. Schließlich war er es gewesen, der mir nahe gelegt hatte, ein Streichinstrument zu lernen. In der Familie gab es keinen bildungsbürgerlichen Auftrag, der mir das aus eigenem Antrieb mitgegeben hätte. Es war auch der Musiklehrer gewesen, der meinte, für mich sei die Bratsche das passende Instrument. Dass dieser Rat weniger seinem psychologischen Blick auf die Bedürfnisse des kleinen Jungen entsprungen war als vielmehr einer akuten Knappheit im Schulorchester, hatte sich mir erst später erschlossen. Bratscher sind immer knapp, was ihre Chancen im Wettbewerb zwar auch bei minderer Leistung erhöht, aber trotzdem nicht verhindert hat, dass seit jeher blöde Witze über sie und auf ihre Kosten gerissen werden. Womöglich ahnte mein Musiklehrer auch damals schon, dass aus mir einmal kein begnadeter Musiker würde und dass ich, selbst für die genügsamen Ansprüche eines Schulorchesters, in der mittleren Lage der Bratsche weniger Unheil anstellen würde denn als Geiger oder Cellist.

          Eine ganze Weile hatte ich es tatsächlich an das erste Bratscherpult im Schulorchester gebracht, was per se noch keine besondere Auszeichnung bedeutete, es gab nur zwei Bratscher und an ein Pult passen eben zwei Streicher. Als dann aber dank des anhaltenden Werbefeldzugs des Lehrers ein neuer Bratscher nachwuchs, musste ich nach hinten weichen. Einen Jüngeren hatte man mir vorgezogen; mein Downgrading war eine Zurücksetzung. Das fährt in die Magengrube. Gewiss, ich hatte mich nicht überschätzt, auch für mich war nicht zu überhören, dass ich manchmal einen Takt zu früh einsetzte, dass die schnellen Sechzehntel wackelten und die Stimmung nie ganz rein war. Aber, ehrlich gesagt, um mich herum saßen auch nicht lauter angehende Oistrachs.

          Abwertungen sind Entwertungen. Zurücksetzungen lösen Scham aus, zumal dann, wenn der psychisch attraktivere Ausweg, einem anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben, verstopft ist. Scham vergisst Du nie, ein ganzes Leben nicht. Scham ist etwas, das körperlich haftet: Erröten oder Erblassen, das Herz klopft das nächste mal schneller, die Finger auf dem Griffbrett des Instruments fangen an zu zittern, obwohl die Noten kein Vibrato verlangen. Der Ton quietscht dann, hört sich wiehernd oder klagend an. „Die Maske der Scham“ schreibt der Psychoanalytiker Léon Wurmser, macht aus der Abwehr einer Kränkung einen Wunsch: den Wunsch, sich zu verbergen. „Scham“, so Wurmser, „bezieht sich auf ein eigenes Versagen, darauf, dass man schwach, fehler- und mangelhaft ist.“ Die von der Zurücksetzung ausgelöste Scham funktioniert als „Machtschranke im menschlichen Leben“, was letztlich irgendwie heilsam ist, was die Kränkung deshalb noch lange nicht leichter ertragen lässt.

          Blöd, dass ein Downgrading in der Regel nicht gerade zur Verbesserung der Qualität und Wettbewerbsfähigkeit beiträgt. Eher zum Gegenteil: Man wird schlechter, was im Nachhinein das Urteil der Ratingagentur bestätigt. Der Ausblick ist negativ. Am Ende Ramsch. Soweit habe ich es dann nicht mehr kommen lassen.

          Rainer Hank ist Redakteur der F.A.S..

          Von den Ärzten

          Es fing gar nicht so schlecht an mit mir und den Ärzten. Beim Augenarzt sah ich so gut, dass ich ein Bonbon bekam, ich sah sogar so gut, dass ich meiner kurzsichtigen Mutter die Buchstaben vorsagen konnte, ich flüsterte ihr die richtigen Antworten ins Ohr, damit sie sich nicht blamierte. Meine Abwertung durch Ärzte begann mit einem Paukenschlag. Meine gerade noch so vorbildlichen Zähnchen wurden in eine Klammer gepresst, der Kiefer hieß es, sei zu eng.

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