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Tuareg-Band Tinariwen : Wüste ist Wirklichkeit

  • -Aktualisiert am

„Assouff“ heißt Nostalgie: Fast die gesamte aus Mali stammende Band hat den Tagelmust, einen traditionellen Schleier-Turban, angelegt. Bild: Picture-Alliance

Was heißt Nostalgie auf Tamaschek? Eine Begegnung mit der Tuareg-Band Tinariwen, deren Sprache zwar nicht viele verstehen, aber die inzwischen eine große internationale Fangemeinde hat.

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          Auf der Bühne strahlen Tinariwen etwas eigenartig Festliches aus. Fast die gesamte aus Mali stammende Band hat den Tagelmust, einen traditionellen Schleier-Turban, angelegt und sich in blaue, gelbe und rosafarbene Gewänder gekleidet. Kaum jemand hierzulande dürfte ihre meist auf Tamaschek gesungenen Texte verstehen. Allen jedoch scheint Tinariwens markante Mischung aus traditionellen Elementen und Blues-Rock etwas zu bedeuten. Stücke wie „Chaghaybou“ oder „Imidiwan Ahi Sigdim“ werden nach nur wenigen Tönen erkannt und lautstark bejubelt. Über die Jahre hat sich die Band eine treue, internationale Fangemeinde erspielt.

          Übersetzt bedeutet Tinariwen „Wüsten“ – Räume, die für die Band eine zentrale Bedeutung haben: als konkrete, physische Orte, in denen ihre Mitglieder aufgewachsen sind, leben und teils auch ihre Musik aufnehmen. Gleichzeitig stehen Wüsten symbolisch für kulturelle Identität der Musiker als Angehörige der Tuareg. Inklusive der Konflikte und Probleme, mit denen diese zum Teil immer noch nomadisch lebende Volksgruppe in der Region zwischen Mali, Algerien, Niger, Libyen und Burkina Faso konfrontiert ist. Seit jeher haben Tinariwen die Themen Heimat, politischer Widerstand und kulturelle Selbstermächtigung in den Vordergrund ihres Schaffens gerückt.

          In der Region zirkulierten Kassettenaufnahmen

          Wie viele andere Tuareg sahen sich die Gründungsmitglieder von Tinariwen Mitte der Siebziger gezwungen, Mali aufgrund der politischen und ökonomischen Situation zu verlassen. In Algerien spielten Ibrahim Ag Alhabib, Hassan Ag Touhami und Inteyeden Ag Ableline Anfang der achtziger Jahre auf Hochzeiten, Taufen und anderen Festen. Später schlossen sie sich den Tuareg-Rebellen an und ließen sich in militärischen Ausbildungslagern in Libyen an der Waffe schulen. Der Überlieferung nach fingen sie dort an, politische Lieder über das Exil zu komponieren. Die damals noch ausschließlich mit akustischen Gitarren gespielte Musik richtete sich vor allem an die Tuareg-Community. In der gesamten Region zirkulierten Kassettenaufnahmen.

          Nach den Friedensabkommen mit Mali und Niger zogen sich Tinariwen aus dem bewaffneten Kampf zurück. „Seitdem widmen wir uns ausschließlich der Musik“, erzählt Abdallah Ag Alhousseyni, Gitarrist und Hauptsänger, der erst später zur Band gestoßen ist. Inzwischen haben Tinariwen neun Alben veröffentlicht und 2012 den Grammy in der Sparte „World Music“ gewonnen. Zahlreiche stilprägende Musiker aus dem Westen – Damon Albarn von Blur und den Gorillaz etwa oder Thom Yorke von Radiohead – zählen zu ihren Fans.

          Mit „Amadjar“ ist im September ein neues Album erschienen. Arrangiert und aufgenommen wurde es aufgrund der malischen Sicherheitslage in Mauretanien – in der Wüste, in nur wenigen live takes sowie ohne Kopfhörer und Effekte. An einigen Songs hat die mauretanische Griot-Sängerin Noura Mint Seymali mitgewirkt. Ebenfalls zu hören sind die Gitarristen Cass McCombs sowie Stephen O’Malley; subtile und doch markante Violinen-Parts hat Warren Ellis von den Bad Seeds beigesteuert.

          „Wüsten-Blues“ – trifft es das?

          Prominente Gastmusiker aus dem Westen einzubeziehen hat bei Tinariwen Tradition: An den Vorgängeralben waren unter anderem Tunde Adebimpe von TV On the Radio, Nels Cline von Wilco, Kurt Vile, Flea von den Red Hot Chili Peppers und Mark Lanegan beteiligt. Für Abdallah Ag Alhousseyni sind derartige Kollaborationen eine Selbstverständlichkeit. „Als Musiker haben wir alle doch dieselben Wurzeln“, erklärt er im Gespräch in Berlin. Häufig würden die Gastmusiker zusammen mit den Produzenten ausgesucht, nachdem die Alben in ihrer Grundstruktur von Tinariwen bereits eingespielt worden sind.

          Wenn über Tinariwen berichtet wird, fallen häufig Worte wie „Wüsten-Blues“ oder „Tuareg-Rock“. Derartige Bezeichnungen sind naheliegend, wird doch nicht nur bei Konzerten, sondern auch über Pressetexte, Coverartworks und die Booklets ein einschlägiges, manchmal auch kulturalistisches Image gepflegt. Die Band selbst hingegen zieht den Begriff „assouff“ vor, was auf Tamaschek – und dabei der portugiesischen saudade nicht unähnlich – „Nostalgie“ bedeutet. Angesichts der um Heimat, Sehnsucht, Verlust und politische Marginalisierung kreisenden Texte ist das durchaus stimmig.

          Gleichzeitig ist Tinariwens Musikstil durchaus modern und transkulturell. „Als wir aus Libyen und dem Niger nach Mali zurückkehrten, wollten wir etwas Neues schaffen – etwas, das in der Wüste noch nicht existiert hatte“, erzählt Abdallah Ag Alhousseyni. Ohnehin seien kulturelle Erneuerungen und Modernisierung für gesellschaftlichen Fortschritt unerlässlich, sagt der 51 Jahre alte Musiker. Beim Klangdesign fiel Tinariwens Wahl auf den bei den Tuareg bis dato unbekannten E-Bass und auf E-Gitarren. Jüngere Bands wie Tamikrest verwenden diese Instrumente heute ebenfalls.

          Wie die früheren Alben ist „Amadjar“ in seiner Grundstruktur vom monotonen Beat der traditionellen Tindé-Trommel und Handclaps sowie durch Call-and-Response-Gesang geprägt. Die mächtigen, mitunter eruptiven elektrischen Gitarren sind häufig fragileren Figuren auf der akustischen gewichen. Viele Tinariwen-Melodien entstehen auf Reisen durch Einflüsse von unterwegs, sagt Ag Alhousseyni, der seit Jahren auch ein großer Fan von Countrymusik ist. Weitreichende Pläne für die Zukunft machen Tinariwen aktuell nicht. Zu heikel ist derzeit die Sicherheitslage in Mali.

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