https://www.faz.net/-gyz-7w7i0

Galerie Eigen + Art : Ich bin der Judy

Es gehe ihm nicht um Antworten, sagt Judy Lybke, der mit seiner Leipziger Galerie Eigen + Art gleich nach dem Mauerfall auch im Westen von sich Reden machte: Es geht um Fragen. Was hat sich seitdem verändert? And what’s next?

          Alle, die ihn kennen, nennen ihn Judy. Und in der internationalen Kunstgemeinde gibt es niemand, der ihn nicht kennt. Gerd Harry Lybke, geboren 1961 in Leipzig, hatte dort schon eine Galerie, als die Mauer noch nicht einmal wankte. Den Ur-Namen dieser Keimzelle, Eigen + Art, hat sie bis heute behalten, über mehr als drei Jahrzehnte. Heute gibt es zwei Galerien, eine immer noch in Leipzig und eine mit zwei Standorten in Berlin. Seine Künstler vertritt Lybke längst auf der ganzen Welt, unter ihnen sind einige Sterne der Gegenwartskunstszene.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wer überhaupt sein erster Künstler war, 1983? Damals begann er, der gelernte Maschinen- und Anlagenbaumonteur (mit Abitur, darauf legt er schon ein bisschen Wert), der nicht studieren durfte, in seiner Wohnung mit dem Ausstellen. Er war zwecks Broterwerb an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst als Aktmodell tätig. Das war nicht ein Künstler, sagt Judy Lybke, sondern eine Gruppe, sie nannten sich „Die neuen Unkonkreten“. Das war allerdings weniger ein gezielter Schlag gegen die „Konkrete Kunst“ der dreißiger Jahre als vielmehr eine ehrliche Selbstbezeichnung. Die Mitglieder waren sämtlich an der Hochschule nicht angenommen worden - und wussten auch nicht, was sie eigentlich als Kunst machen sollten oder wollten. Ob man noch Namen aus diesen Anfängen kennt? Aber ja, Jörg Herold war dabei und die Brüder Carsten und Olaf Nicolai, heute bekannte Künstler und noch immer bei Eigen + Art.

          Es war Judy ernst mit der jungen Kunst, er reiste durch die DDR und hielt Vorträge, wie ein selbstbestellter Sachverständiger in Zeitgenossenschaft. Behelligt wurde er deshalb nicht. Aber das hätte sich wohl geändert, wäre der 9. November 1989 nicht gekommen. Ich erinnere mich noch genau, dass - kaum war dieser Tag am Himmel - Gerd Harry Lybke in der Redaktion der F.A.Z. in Frankfurt auftauchte. Er besuchte unseren damaligen Kunstkritiker Eduard Beaucamp. Ich war Hospitantin und wurde Zeugin der sehr klaren Ansage, dass von jetzt an der Kunstbetrieb mit ihm - dem Judy - zu rechnen habe.

          Sie müssen keine Lokalgewächse sein

          Er sollte recht behalten, wie sich schon bald zeigte. Und bis heute geht sein Konzept auf, weil er seine Authentizität bewahrt hat. Diese Glaubwürdigkeit ist gewiss weniger Ergebnis seiner DDR-Sozialisation als ein ureigener Charakterzug. Dass er an seinen Vorstellungen festhält, zum Beispiel was die Präsentation möglichst vieler seiner Künstler auf den wichtigen Kunstmessen von Basel bis Hongkong angeht, hat ihm auch Gegner eingebracht, namentlich Vertreter wohlsortierter Stände. Doch im Ganzen ist er bei seiner Linie geblieben, vielleicht ein Hauch von Kollektiv.

          Da wäre noch das Schlagwort „Neue Leipziger Schule“, das um die Welt ging. Es ist eng mit der Galerie Eigen + Art verbunden. Lybke findet, dass dieser Begriff - in Anlehnung an die in den Sechzigern in der DDR begründete „Leipziger Schule“ mit Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer oder Bernhard Heisig - von Journalisten und Sammlern geprägt wurde, damit sie verschiedene Künstler leichter unter einen Hut bringen konnten. Wahr ist allerdings, sagt er, dass es Neo Rauch war, der unbestrittene Star unter diesem Etikett, „der das Tor zur Malerei aufgestoßen hat“. Seit den Neunzigern vertritt die Galerie Neo Rauch, der ihr seinerseits die Treue hält. Wie auch einige seiner inzwischen ebenfalls bekannten Schüler. Was dabei oft verkannt wird: dass diese Maler keineswegs Leipziger Lokalgewächse sein müssen. So ist Tim Eitel in Leonberg geboren, David Schnell in Bergisch Gladbach. Sie kamen nach Leipzig, um bei Neo Rauch zu studieren, als der, selbst einst Schüler dort, von 2005 bis 2009 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Professor war. Was aber ist geschehen, seit der 22 Jahre alte Judy die „Unkonkreten“ in seiner Leipziger Mini-Wohnung zusammenführte?

          So soll es weitergehen

          Was hat sich in den 25 Jahren seit dem Mauerfall verändert? Jedenfalls schlug die Stunde des Impresarios im klassischen Sinn des Worts. Und der Kunstmarkt ist zu einer globalen Attraktion geworden, mit Preisen vor allem für zeitgenössische Kunst, die durch die Decke gehen können, auch wenn die mehr als eine Million Dollar, die ein Gemälde von Neo Rauch kosten kann, noch immer nur die wenigsten Künstler schaffen. Diese Marktentwicklung kann erschrocken machen, sagt Gerd Harry Lybke. Persönlich allerdings freut er sich darüber, er will das Tempo jedenfalls mitgehen. Für sich und für die Künstler der Galerie. Für die, die schon zu ihr gehören, und für die, die noch dazukommen.

          Also: What’s next? Zunächst das, was bleibt: Das Konzept von Eigen + Art hat sich im Kern nicht gewandelt. Gearbeitet wird als Team, auch wenn ein kleines Unternehmen daraus geworden ist. Die Galerie sind wir alle zusammen, sagt Lybke, er betrachtet sich nur als eine Art Frontmann. Und ohne die Künstler geht sowieso nichts. Alle Mitarbeiter halten ständig Ausschau nach jungen Talenten. Für die hat Eigen + Art in Berlin das „Lab“ eingerichtet, eine Experimentierbühne. Genau in diese Richtung soll es weitergehen. Es geht nicht um Antworten, sagt Judy, es geht um Fragen. So hat ja auch alles angefangen.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Johnson in Paris : Der eiserne Herr Macron

          Beim Besuch von Boris Johnson betont Präsident Macron die Einigkeit Europas – und bekennt sich zu seinem Ruf, in der Brexit-Frage ein Hardliner zu sein. Zugeständnisse will er gegenüber dem Gast aus London nicht machen – erst recht nicht beim Backstop.

          FAZ.NET-Serie Schneller schlau : Kind oder Porsche

          Die Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind deutlich später, im Durchschnitt sind sie mittlerweile älter als dreißig Jahre. Wie aber hängt die Kinderzahl mit dem Bildungsgrad zusammen? Und was kostet ein Kind eigentlich, bis es erwachsen ist?
          Alaa S. am Donnerstag vor Gericht in Dresden

          Messerattacke auf Daniel H. : Lange Haftstrafe im Chemnitz-Prozess

          Im Prozess um den gewaltsamen Tod des 35-jährigen Daniel H. hat das Landgericht Chemnitz den Angeklagten Alaa S. zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Prozess fand aus Sicherheitsgründen in Dresden statt.

          Disney-Schauspieler in Kritik : Echte Menschen sind anstrengend

          Walt Disney macht aus Zeichentrick-Klassikern erfolgreich Realfilme. Mit der Auswahl der Schauspieler geben sich manche Zuschauer nie zufrieden. Aber wie sollen Menschen denn je einer Zeichentrickfigur entsprechen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.