Frankfurter Galerien :
Ein bunter Kunstherbst

Von
Christoph Schütte
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Eis und Feuer: Malerei von Jan Dörre, „Eiland“, 2026
Eis und Feuer: Malerei von Jan Dörre, „Eiland“, 2026Galerie Leuenroth

Moderne Stillleben, akustische Malerei und eine Künstlerin als Entdeckung: Ein Rundgang durch die Galerien hält so manche Überraschung bereit.

Das gibt es wohl nur in Leipzig: Schon zu DDR-Zeiten erlernte die Leipziger Schule um Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke ihr Handwerk, aus den Klassen ihrer Schüler – Arno Rink etwa und Sighard Gille – ging in den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren eine ganze Generation junger Künstler hervor, die als Neue Leipziger Schule Furore gemacht hat. Nicht nur, weil sie mit ihrer Form des malerischen Erzählens den seinerzeit viel beschworenen „Hunger nach Bildern“ zu befriedigen versprachen.

Es war das Handwerk, das Festhalten an der Figuration, den klassischen Genres und Techniken, mit dem sich so unterschiedliche Künstler wie Tim Eitel, Tilo Baumgärtel oder Michael Triegel international rasch einen Namen machten. Zur gleichen, mittlerweile dritten Generation der Leipziger Schule gehört auch der 1967 in Arnstadt geborene Jan Dörre, dessen Arbeiten in Öl und Eitempera altmeisterlich anmuten, nicht nur hinsichtlich der Technik, sondern auch bezüglich des klassischen Themas, das seit jeher im Zentrum seines Schaffens steht. Nur dass seine Stillleben nicht still und unbelebt sind. Finden sich doch neben Äpfeln, Kürbissen und Feigen, neben Kannen, Vasen, Krügen mit ganz beiläufig in die Komposition eingefügten Gegenständen immer Hinweise auf die Gegenwart. Und auf ein belebtes Außen.

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Immer wieder weitet Dörre gezielt den Blick, indem er die Aufmerksamkeit von den stillen Dramen auf der Bühne einer Küche oder eines Tisches auf die Landschaft vor dem Fenster richtet; und immer wieder auch finden hier ein Eisvogel, dort eine Amsel, eine Katze oder eine giftgrün sich ins Bild schleichende Schlange, die die Rede von der „Nature morte“ zu dementieren scheinen. Womit die „Ferne Feuer“ überschriebene Ausstellung in der Galerie Leuenroth, die Dörres Werk seit bald 20 Jahren schon vertritt, einen ebenso vertraut anmutenden wie irritierenden Auftakt zu einem herbstlichen Rundgang durch die Frankfurter Galerien bietet.

Zart bis kraftvoll: Öl und Acryl auf Leinen von Franziska Maderthaner „Nous allons couler!“ 2025
Zart bis kraftvoll: Öl und Acryl auf Leinen von Franziska Maderthaner „Nous allons couler!“ 2025Galerie Rothamel

Denn das wiederum gibt es tatsächlich nur am Main. Dass nämlich die verführerische Fülle malerischer Haltungen und Perspektiven sich auf engsten Raum entdecken lässt. Vom Realismus der Leipziger Schule über Mark Francis’ Abstraktionen bei Bernhard Knaus bis zu den konzeptuellen Arbeiten Christine Gironcolis bei Middendorff und den sich virtuos irgendwo dazwischen behauptenden Leinwänden Franziska Maderthaners in der Galerie Rothamel reicht das Spektrum aktueller Positionen, die zunächst scheinbar wenig mehr gemeinsam haben als das Medium. Dabei erzählen auch Künstler wie Mark Francis oder die mittlerweile 85 Jahre alte Christine Gironcoli Geschichten. Nur dass man in London oder Wien von anderen Wirklichkeiten zu erzählen weiß als in Leipzig.

Dass etwa Francis gern Musik hört in seinem Atelier und er bei seinem Debüt bei Bernhard Knaus vor ein paar Jahren seinen Werken eine mit der Entstehung seiner Bilder korrespondierende Playlist zur Seite stellte, muss man da nicht einmal wissen. Dass Töne, Klänge und Frequenzen seinen nass in nass entwickelten, Farbstreifen an Farbstreifen setzenden Kompositionen Halt, Struktur und Rhythmus vorgeben, teilt sich in den Farbklängen von Leinwänden wie „Offbeat“, „Acoustic Memory“ oder den aktuellen „Phases“ in Kohle auf Bütten unmittelbar mit. Entschieden im weiten Raum zwischen altmeisterlicher Malerei hier und gestischer Abstraktion dort entfaltet sich unterdessen die Malerei Franziska Maderthaners, die sich erstmals in der Galerie Rothamel vorstellt.

Klingende Malerei: Mark Francis „Acoustic Memory“
Klingende Malerei: Mark Francis „Acoustic Memory“Galerie Bernhard Knaus

Wo es gut geht wie in „Nous allons couler!“, wenn Maderthaler ihre offenliegenden Verweise auf die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts mit entschiedenen, mit breitem Pinsel vorgetragenen Gesten und Verläufen kontert, dann ist das ein Fest der Malerei. Der Grat aber, so zeigen Tableaus wie „Take me“ oder „Sexy Sofa Club“, auf dem sich die Wiener Künstlerin mit ihren Arbeiten bewegt, ist dann doch schmal. Die Entdeckung aber dieses kleinen Rundgangs durch die Welt der Malerei ist das auf den ersten Blick eher spröde Werk Christine Gironcolis. Stand doch ihre Malerei lange im Schatten ihres Mannes, des als Bildhauer bekannten Bruno Gironcoli.

Bis vor fünf Jahren waren ihre Bilder selbst in Österreich und in ihrer Heimatstadt Wien gänzlich unbekannt, vor allem deshalb, weil sie bis dahin nie ausgestellt hatte. Vielmehr hatte die 1941 geborene Künstlerin die eigene Karriere zugunsten jener, seinerzeit erst langsam Fahrt aufnehmenden ihres Mannes erst einmal aufgegeben. Stattdessen hatte sie nach ihrem Klavierstudium am Konservatorium und dem Studium der Malerei in Wien, wo sie ihren späteren Mann kennenlernte, 35 Jahre als Restauratorin gearbeitet, um die Familie zu ernähren. Hier aber, in der Restaurierungswerkstatt, fand sie zur Malerei zurück.

Seither sind ihr die eigene Werkstatt und ihre oft jahrzehntealten Stützleinwände buchstäblich der Stoff, auf dem sich ihre Kunst im Dialog mit dem vorgefundenen Material entfaltet. Im Zusammenspiel mit all den Falten, Flecken, Fehlstellen und Korrekturen, Resten von Klebstoff und schattenhaften Verweisen auf die durch die Doublierleinwände gestützten Bilder. Deren Spuren nimmt sie auf, führt sie weiter und überschreibt sie sanft, aber entschieden. Und je subtiler sich dieser Dialog gestaltet, desto geheimnisvoller und poetischer wird man diese Bilder nennen wollen.

Dass ihre erste Ausstellung überhaupt in Frankfurt stattfand, ist derweil kein Zufall. Kannte doch Kai Middendorff Christine Gironcoli von der Zusammenarbeit mit ihrem 2010 verstorbenen Mann. Von der Qualität, überhaupt der Existenz eines eigenen Werks hingegen wusste auch der Galerist wie alle anderen bis vor ein paar Jahren nichts. Seither ist ihr Schaffen institutionell gewürdigt worden, in der Kunsthalle Lingen etwa oder im Rahmen der noch bis Februar laufenden Schau im Wiener Mumok. Und sie setzt nun einmal mehr im Frankfurter Kunstherbst stille, nachhallende Akzente.

Alle Ausstellungen sind bis 21. November zu sehen.

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