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Gina Thomas (G.T.)

Brexit-Glosse : Teutonenkampf

  • -Aktualisiert am

Sein Vater hat sich bei der Landung in der Normandie den Schikanen der Deutschen schließlich auch nicht gebeugt: Mark Francois findet markige Worte in seiner Erwiderung auf den Aufruf des Vorstandsvorsitzenden der Airbus-Gruppe. Bild: EPA

Auch wenn die Mehrheit der Brexit-Befürworter aufgrund hohen Alters täglich um 1320 Wähler schrumpft, während Jugendliche, die eher für den Verbleib sind, die Stimmberechtigung erlangen: Die alten Affekte sind nicht ganz gebannt.

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          Der Ton der britischen Europa-Debatte hat sich deutlich verändert seit den Thatcher-Jahren, als die Angst vor der deutschen Vorherrschaft in Europa den Handels- und Industrieminister Nicholas Ridley veranlasste, die Gemeinschaft als „deutsche Gaunerei“ zu bezeichnen, welche die Übernahme Europas zum Ziel habe. Der Aufruhr war gewaltig, Ridley musste sein Ministeramt aufgeben. Dabei fiel er damals gar nicht so aus der Reihe. Die britischen Medien waren noch voll von krassen Hieben gegen die „Hunnen“.

          Inzwischen ist eine neue, von persönlichen Kriegserinnerungen unbeschwerte Generation von Briten nachgerückt. Diesen Generationenwechsel veranschaulicht das Meinungsforschungsinstitut YouGov mit seiner Berechnung, dass Britannien aufgrund der demographischen Entwicklung am 19. Januar eine Remain-Nation geworden sei, sofern das Wahlverhalten seit dem Volksentscheid über den EU-Austritt unverändert geblieben ist. Der Befund beruht auf Ermittlungen, denen zufolge die Mehrheit der älteren Brexit-Befürworter aufgrund hohen Alters täglich um 1320 Wähler schrumpfe, während parallel dazu Jugendliche, die eher für den Verbleib sind, die Stimmberechtigung erlangten.

          Dennoch sind die alten Affekte nicht ganz gebannt. Die Reaktionen auf den Eingriff des Vorstandsvorsitzenden der Airbus-Gruppe in die Brexit-Debatte offenbaren eine latente Germanophobie. Tom Enders ist nicht nur Mitunterzeichner des Appells zahlreicher Deutscher aus Politik und Wirtschaft an die Briten, vom EU-Austritt abzusehen. Er hat auch ein Video aufgezeichnet, in dem er warnt, dass der Brexit die seit einem Jahrhundert an der Spitze der internationalen Entwicklung stehende britische Luftfahrtindustrie an den Abgrund führe. Enders machte keinen Hehl daraus, dass der „Wahnsinn der Brexitiere“ Airbus ins Ausland zwingen könne.

          Seine Forderung nach einem pragmatischen Austrittsabkommen für einen geregelten Brexit war dezidiert und vielleicht auch etwas von oben herab, wenn man anderer Meinung ist, aber sie wirkte keineswegs „fies“, wie der Thatcher-Biograph und „Telegraph“-Kolumnist Charles Moore behauptete. Dieser empfahl seinen Lesern, sich anzuschauen, wie Enders die Briten anschreie. Der Ton sei „beunruhigend arrogant, wie der eines Vernehmers in einem Kriegsfilm“. Der für den harten Brexit eintretende konservative Abgeordnete Mark Francois war noch unverblümter in seiner Kritik an dem „teutonischen Hochmut“.

          Francois identifizierte sich als patriotischer Engländer und Sohn eines Veteranen der Landungen in der Normandie. Sein Vater habe sich den Schikanen der Deutschen nicht gebeugt. Er halte es genauso. Um zu zeigen, was er von Enders halte, zerriss er dessen Brief vor der Fernsehkamera. Dabei spielte ein selbstzufriedenes Lächeln auf seinen Lippen. Airbus hat im Vereinigten Königreich 14.000 Beschäftigte und sichert weitere 110.000 Stellen mit seinen britischen Projekten. Das Unternehmen ist nur eines von vielen, das vor den potentiell schädlichen Auswirkungen des unklaren Brexits auf ausländische Investitionen in das Vereinigte Königreich warnt. Da es aber 2:0 für die Briten steht, scheren sich Brexitiere vom Schlage eines Mark Francois den Teufel um diese Sorgen.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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