Ereignisse und Gestalten : Die Wiederentdeckung Hollands

Der niederländische Autor Jan Brokken hat ein Buch über die mutmaßlich größte Künstlerkolonie der Welt geschrieben. Sie lag im Dorf Volendam, das vom Meer an einen See verlegt wurde.
Kunstgeschichtlich gesehen ist Holland ein tragischer Held. So sah es der deutsche Aktionskünstler Joseph Beuys. Das Land der weltberühmten Maler habe sowieso nur ein Sinneswerkzeug gehabt, nämlich das Auge, und das habe es sich – wie König Ödipus in der griechischen Mythologie – ausgestochen. Als Auge bezeichnete Beuys einst in einer Diskussion im Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen die Zuiderzee. Heute heißt diese ehemalige Meeresbucht, die sich von den westfriesischen Inseln bis nach Amsterdam ins Land gefressen hatte, IJsselmeer. Ein „meer“ ist auf Niederländisch ein See. Die Namensänderung hat mit einem bis heute eigentlich unvorstellbaren wasserbaulichen Eingriff zu tun: Nach Plänen des Ingenieurs Cornelius Lely war von 1927 an ein zweiunddreißig Kilometer langer Damm, der „Abschlussdeich“, gebaut worden, der die ehemalige Meeresbucht von der Nordsee abschloss. Aber der Deichbau war, laut Beuys, noch nicht der Grund für die Selbstblendung. Vielmehr sei es die darauffolgende Einpolderung des IJsselmeers gewesen, die das Ende des holländischen Lichts bedeutete. Und damit das Ende der Malerei. Etwa die Hälfte der wie ein Lichtspiegel wirkenden ehemaligen Meeresbucht, die nicht nur Beuys als Auge Hollands bezeichnete, wurde zu Land umgewandelt. Das einst vom Wasser reflektierte Licht wurde verschluckt, ehemalige Inseln wie Schokland oder Urk gingen statt im Wasser im Land unter.
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